Frankenstein – Alexandre Desplat: “Filigran zusammengeflickt”

Frankenstein ist eines der Bücher, welches mittlerweile so oft adaptiert wurde, dass sich die Frage stellt, ob die Welt tatsächlich noch eine weitere Neuauflage braucht. Nun hat sich auch Guillermo del Toro (Pan’s Labyrinth) Mary Shelleys berühmten Roman angenommen, angeblich ein Herzensprojekt, um ihn für eine neue Generation aufzubereiten. Besser sollte man aber vielleicht sagen, dass er den Stoff konsequent durch seine charakteristische Brille filtert. Denn wie schon in Crimson Peak und Shape of Water taucht er tief ein in eine surreale Fantasy-Märchenwelt voller rot-grüner Farben, die sich deutlich von der Realität des beginnenden 19. Jahrhunderts löst, in dem die Geschichte eigentlich spielt. Der von Oscar Isaac verkörperte Wissenschaftler Viktor Frankenstein ist bei Del Toro ein durch und durch selbstsüchtiger, getriebener Mensch, der in der Kindheit den Tod seiner geliebten Mutter nicht verkraftet hat und aus diesem Trauma heraus beginnt, Gott zu spielen. Seine Besessenheit geht sogar so weit, dass er es nicht einmal mehr schafft, das Herz von Elizabeth (Mia Goth) zu erobern, die hier anders als in der Vorlage als Verlobte seines Bruders William in Erscheinung tritt. Sie ist es auch, die ihn mehr oder weniger von Beginn an durchschaut. Sie wahrt Distanz, und fühlt sich stärker zur sensiblen Kreatur (Jacob Elordi) hingezogen als zur toxischen Hybris des Wissenschaftlers, von dem – so viel ist schnell klar – nur wenig Gutes zu erwarten ist.

Oscar Isaac spielt Victor Frankenstein. (Netflix © 2025).

Es ist gar nicht so uninteressant, wie das Drehbuch altbekannte Figurenkonstellationen verschiebt, um eine frische Perspektive auf den Stoff zu eröffnen. Doch richtig gelungen ist das nicht. So verkommt Viktor, als “eigentliches Monster” der Geschichte zu einem eindimensionalen Bösewicht, ohne jegliches Identifikationspotenzial. Ähnlich ergeht es Elizabeth, die hier zwar mehr sein darf, als nur das “Objekt der Begierde”, letztlich aber auch nur auf ihre Sensibilität und die Seelenverwandtschaft mit der Kreatur reduziert wird. Das Geschöpf selbst erweist sich als unverwundbar; alle Verletzungen versiegen innerhalb weniger Sekunden (was an die Vampir-ähnlichen Actionhelden in The Old Guard erinnert). Doch diese Veränderungen verwässern alles, was den Roman und die besten Adaptionen spannend machten: Sei es die Anteilnahme am Schicksal der Liebe zwischen Elizabeth und Viktor; sei es das moralische Dilemma angesichts der angsteinflößenden Kreatur und ihrem im Grunde doch sanften, nach Liebe lechzenden, Wesen. Und sei es die Spannung, wenn sich Geschöpf und Schöpfer am Ende zum Showdown gegenüber stehen. Wirklich etwas Neues vermag das Drehbuch anstelle der gerissenen Lücken aber nicht zu setzen. Ja, vielleicht soll die Kreatur metaphorisch vor den Gefahren künstlicher Intelligenz warnen. Und natürlich will der Film auch erzählen, wie sich das Toxische von Generation zu Generation weitervererbt. Viel anzufangen weiß er mit diesen lose angedeuteten Ideen aber nicht.

Im Kosmos von Del Toro agieren alle Figuren nur noch als allegorische Geschöpfe, die losgelöst von Zeit und Raum existieren. Während Shelley ihre fantastische Geschichte in der englischen Romantik des 19. Jahrhunderts ansiedelte, ordnet der Spanier Frankenstein komplett seinen versponnenen Kinowelten unter. Mit ihrem satten Grün bewegen sich die Landschaftsaufnahmen irgendwo zwischen Hobbits und Harry Potter. Das feucht-modrige Interieur des Turms spiegelt visuell (ähnlich wie das Anwesen in Crimson Peak) den charakterlichen Verfall seines Besitzers. Die Farbensymbolik des eigenwilligen “Rot-Grün-Looks” ist dabei offensichtlich: auf der einen Seite stehen Natur und Hoffnung, auf der anderen Liebe und Blut. Doch leider wirkt das alles inzwischen reichlich manieristisch, da Del Toro diese Optik bereits zum wiederholten Mal auf die Leinwand bringt. Das gilt insbesondere, als dass die CGI-Effekte den ausschweifend ausgestatteten Sets etwas sehr Künstliches verleihen. Auch darstellerisch bleibt der Film blass: Im Prolog darf Game-of-Thrones-Star Charles Dance noch einmal den strengen, lieblosen Vater spielen. Christoph Waltz gibt im lustlosen Abklatsch seiner Tarantino-Rollen den schmierigen Waffenhändler und Financier Harlander. Die großartige Mia Goth wirkt dazu völlig fehlbesetzt. Ihr Rolle ist aber auch seltsam angelegt: Mal darf sie Viktor mit leuchtenden Augen beim Tanz anschmachten, um ihn in der nächsten Szene mit spöttischer Verachtung abzustrafen. Und Jacob Elordis gefühlige Kreatur gerät nur wenig furchteinflößend, erinnert mehr an das Phantom der Oper als an Frankensteins Monster.

Wollte man das Scheitern von Del Toros Frankenstein in einer Szene zusammenfassen, könnte man vielleicht diejenige wählen, in der sich Viktor aus vielen Leichenteilen seine Kreatur zusammenbastelt. Da sägt der “Wissenschaftler” eifrig an den Gliedmaßen herum, hantiert mit Organen, montiert Gelenke und Knochen. Es ist eine schwarzhumorige Montagesequenz, die zwar drollig gemeint ist, die aber in der Tonalität nur wenig mit dem Rest des Films gemeinsam hat. Alexandre Desplat begleitet sie in seiner Oscar-nominierten Filmmusik mit einem leichtfüßigen, schwungvollen Walzer, zu dem sich in morbider Danny-Elfman-Manier der Chor dazugesellt (Body Building). Es ist ein bemerkenswerter Kontrapunkt zum Leinwandgeschehen, der Frankensteins Euphorie musikalisch zu illustrieren versucht. Aber je länger man darüber nachdenkt, desto weniger Sinn ergibt das Ganze. In dem Del Toro die Szene explizit bebildert, entlarvt er nämlich, wie albern dieser Schöpfungsprozess im Grunde ist. Damit rüttelt er quasi am Fundament seines eigenen Filmes, anstatt die “technischen Details” der Fantasie des Zuschauers zu überlassen. Natürlich beweist Desplat viel Mut, die Szene mit einem ausgelassenen Walzer zu unterlegen. Aber ob es wirklich die richtige Wahl ist für den Blick in den Kopf eines wahnsinnigen, kurz vor dem Durchbruch stehenden, Wissenschaftlers, erscheint dann doch fraglich.

Glücklicherweise bleibt Alexandre Desplats Filmmusik ansonsten frei von solchen Fehlgriffen. Konzeptuell bietet sein Zugang dennoch einige Überraschungen. Denn statt einem klassischem Horrorscore mit viel Bombast zu erzeugen, vertont er den Film über weite Strecken mit sehr lyrischer Musik, die sich ganz auf die Gefühlswelt der Figuren konzentriert. Die norwegische Virtuosin Eldbjørg Hemsing verleiht der Komposition mit ihrer Violine eine besonders delikate Note. Mit glühender Intensität verstärkt ihr Spiel die besondere Emotionalität der Handlung. Das beginnt beim expressiven, aus sieben Noten bestehenden Hauptthema für Frankenstein selbst (nach wenigen Sekunden mit einem mit seinem elektronischen Fundament in Frankenstein eingeführt), das erwartungsgemäß abgründig ist und die Musik in zahlreichen Variationen und Instrumentierungen durchzieht. Dramatischer Höhepunkt der ersten Filmhälfte ist natürlich die siebenminütige Schöpfungssequenz (The Tower): über einem Streicherostinato schrauben sich Chor, Orgel und Streicher sinnbildlich den Turm hinauf, bis ein Blitzeinschlag mit einem göttlichen Funken die nötige Energie liefert, um Frankensteins Schöpfung zum Leben zu erwecken. Wunderschön ist die lyrisch-innige Musik für die Kreatur: Solovioline über Klavier und Streichern begleiten besonders sinnlich das tastende Erwachen des Wesens und die Szene, nachdem Elizabeth und Kreatur zum ersten Mal aufeinander treffen (Floating Leaf) und er ein Blatt durch eine Wasserrinne gleiten lässt. Reizvoll ist auch das Elizabeth-Thema, ein ätherisch-hingehauchtes Duett von Chor und Klavier (Elizabeth).

Desplats hundertminütige Filmmusik begeistert immer wieder mit solchen äußerst delikaten Momenten, wie auch in der luftigen zweiten Hälfte von Family Life, die der Virtuosin an der Geige noch einmal viel Raum gibt, ihr Talent zu zeigen. Doch bei allen Höhepunkten und der gewohnt liebevoll gestalteten Orchestrierung, gelingt dem Franzosen dennoch keine ähnliche charismatische Komposition, wie sie einst Patrick Doyle für die Kenneth-Branagh-Version von 1994 und Wojciech Kilar für Bram Stoker’s Dracula schufen. Letztere Musik diente Desplat offenbar als Temptrack und lässt hier und da heraushören. Insbesondere das atmosphärische Recollection erweist sich als recht offensichtliche Stilkopie. Von der schillernden Klangwelt des Coppola-Films ist Frankenstein ansonsten aber weit entfernt. In einem Interview zum Kinostart wurde Desplat gefragt, ob er manchmal auch unter einer Schreibblockade leide. Er antwortete darauf sinngemäß, dass dafür gar keine Zeit sei; es müsse eben immer weitergehen beim Komponieren. Das ist verständlich angesichts enger Deadlines im Hollywood-Geschäft und dem enormen Arbeitspensum des Franzosen. Doch bei Frankenstein fällt das bei allen Hörqualitäten mitunter unangenehm auf, wenn die unterschiedlichen Stile nicht ganz so organisch miteinander verschmelzen, wie es vielleicht möglich gewesen wäre. Vor allem die Walzer stehen völlig separat zur restlichen Vertonung. Im Grunde gilt das aber auch für die Action-Passagen, die mit großem Orchester und Chor einen scharfen Kontrast zur oft nur kammermusikalischen Besetzung der intimen Stücke bilden. Gefühlt rettet sich Desplat manchmal auch zu schnell in seine eigene Wohlfühlzone und schreibt in einem Autopilot-Modus, den man aus unzähligen seiner anderen Arbeiten im Kostümfilmgenre kennt.

Diese kleinen Schwächen, die man bei allem Lob nicht übersehen sollte, können der Komposition aber letztendlich nur wenig anhaben. Die glühend-emotionale Filmmusik gehört trotzdem zu den stärksten des Kinojahrgangs 2025 und Desplat hat sich seine Nominierung bei den wichtigsten Filmpreisen des Jahres mehr als redlich verdient. Dass sich Frankenstein aber insgesamt über 9 Oscar-Nominierungen freuen durfte, ist dagegen kaum nachvollziehbar. Dies gilt insbesondere, wenn man frühere Adaptionen gesehen hat oder sich etwas in Del Toros Werk auskennt. Denn diese Version kommt nicht nur überlang, sondern auch ziemlich behäbig daher. Sie besitzt eine viel zu inkonsistente Tonalität, um wirklich zu fesseln. Nach mehreren ähnlich inszenierten Einträgen im Werk des Regisseurs wirkt hier nichts mehr frisch oder originell. Dieser Frankenstein ist nur noch ermüdend und erscheint seltsam aus vielen Vorbildern zusammengeschustert. Erstaunlich, dass sich Del Toro damit ein Herzensprojekt erfüllt haben will. Eher wirkt es nämlich so, als habe er sich hier sein eigenes filmisches Monster geschaffen. Und das ist eines, dem man vermutlich kein zweites Mal begegnen möchte.

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