F1 – Hans Zimmer: “Der Reiz der Oberfläche”

Die Faszination schneller Rennwagen ist im Hollywood-Kino ungebrochen. In den letzten Jahren sind gleich mehrere Filmproduktionen dem Rausch der Geschwindigkeit verfallen, von Rush, Ford v Ferrari hin zu Michael Manns Ferrari. Sie alle haben gemeinsam, dass sie die Geschichte von Rennen vergangener Jahrzehnte erzählen. Joseph Kosinskis F1 ist dagegen seit Grand Prix (1966) der erste Spielfilm, der direkt auf den aktuellen Formel 1-Zirkus blickt: Im Mittelpunkt steht der fiktive Rennstall APXGP, der aufgrund von technischen Problemen und ausbleibender Erfolge kurz vor dem Sponsoren-Aus steht. Als letzte Chance wird der ehemalige Grand-Prix-Pilot Sonny (Brad Pitt) rekrutiert, dessen Karriere als junger Fahrer von einem Horror-Crash jäh gestoppt wurde. Im Duo mit dem Rookie Joshua Pearce (Damson Idris) soll er die ersten Top-10-Platzierungen einfahren. Doch statt zusammenzuarbeiten entsteht zwischen dem alten Haudegen und dem unerfahrenen Newcomer eine unerwartete Rivalität. Die ersten Rennen werden für Fahrer und Rennstall zum Fiasko mit erheblichen Blech- und Personenschäden, sodass das aus der Verzweiflung geborene Projekt kurz vor dem Aus steht.

Wer in seinem Leben den ein oder anderen Sportfilm gesehen hat, weiß natürlich, dass es dabei nicht bleiben wird. Wenn aussichtslose Underdogs gegen übermächtige Favoriten antreten, mag der Weg steinig sein, aber der Erfolg wird sich irgendwann schon einstellen. Das ist auch bei F1 nicht anders. Das Drehbuch erfüllt dabei alle Stereotype, die man sich nur denken kann: Brad Pitt agiert mit seinen 60 Jahren noch einmal als eitler Sonnyboy. Seine Rolle erfüllt das Klischee des Mentors, der einem jungen Draufgänger beiseitegestellt wird. Es gibt eine Liebesgeschichte zwischen ihm und der technischen Team-Direktorin Kate (Kerry Condon). Und natürlich gibt es ein letztes, alles entscheidendes Rennen, in dem Sonny es allen beweisen will. Dass F1 erzählerisch so formelhaft ist, überrascht angesichts des Produzenten Jerry Bruckheimer (The Rock, Top Gun, Fluch der Karibik) allerdings wenig. Und der Name ist hier einmal mehr Programm. Der Film besitzt eine makellose Hochglanzoptik, bei der kein Ölfleck die strahlend weißen Arbeitsanzüge der Mechaniker verunziert. Viel Raum ist dagegen für üppiges Product-Placement: Rund 40 Millionen US-Dollar ließ man sich angeblich dafür bezahlen, dass überall die Logos prominenter Marken prangen. Das letzte Rennen der Saison findet traditionsgemäß in Abu Dhabi statt. Diesen Schauplatz haben sich die Vereinigten Arabischen Emirate seit 2014 vertraglich gesichert. Und wenn der Film nun sein großes Finale mit gigantischem Höhenfeuerwerk und spektakulären Totalen über der Hauptstadt feiert, dann erscheint auch das Emirat in einem bestmöglichen Werbe-Licht. Sonderlich sympathisch ist das eigentlich nicht. Im Gegenteil: Wie unverfroren F1 einen Imagefilm für die Formel 1 und Abu Dhabi mit selbstverliebtem Starkino kombiniert, ist im Grunde ziemlich ärgerlich.

Dennoch erstaunt, wie gut die abgedroschene Rezeptur im Kino aufgeht. Joseph Kosinski bringt das bemerkenswerte Kunststück fertig, die dünne Story in fulminantes Actionkino zu verwandeln, wie man es so nur noch selten im Kino zu sehen bekommt. Dass dies so ist, liegt daran, dass man die Genehmigung erhielt, in den Pausen echter Formel-1-Rennen (in den Saisons 2023/24) an Originalschauplätzen mit extra für den Film angefertigten Autos zu drehen. Als Zuschauer ist man deshalb mittendrin, verspürt hautnah das Adrenalin der Fahrer und den Rausch der Geschwindigkeit. Gebannt folgt man den waghalsigen Rennmanövern, den Boxenstopps, den kleinen Tricks und Schummeleien, die einen besseren Platz versprechen und ist fassungslos, wenn Fahrzeuge crashen und in Flammen aufgehen. Das ist selbst für Rennsport-Muffel mitreißend gefilmt und bei aller Vorhersehbarkeit ebenso hochspannend. Dass die inhaltliche Seite da nicht mithalten kann, ist natürlich schade. Andererseits muss wohl auch klar sein, dass ein Film, der authentisch wirkende Formel-1-Bilder ohne massiven CGI-Einsatz produzieren will, eben gewisse Konzessionen eingehen muss, um seine Kameras auf echte Rennstrecken richten zu dürfen.

Zum visuellen Kintopp passt die Filmmusik von Hans Zimmer wie die Faust aufs Auge. Der Deutsche ist hier nach Days of Thunder und Rush bereits zum dritten Mal an der Rennstrecke unterwegs. Seine Musik zu F1 ist erfreulicherweise die geradlinigste und strukturell Straffeste der drei. Wie der Film selbst ist auch sie ein hybrides Hochglanzprodukt mit funkelnder Synthesizer-Drumloops und orchestralen Schichten (hauptsächlich Streicher). Dazu treten, allerdings wenig prominent, einzelne Solisten in Erscheinung: einmal mehr Tina Guo am Cello und die Gitarristen Tim Henson und Guthrie Govan, die der Komposition eine gewisse Rock-Sensibilität verleihen. Das Hauptthema, eine regelrechte Formel-1-Hymne ist ein echter Gassenhauer, der sich mit seinem pulsierenden Beat und den rhythmischen Streichern unmittelbar in die Gehörgänge einschmeichelt. Ein bisschen erscheint das Stück wie ein Kondensat vieler früherer Zimmer-Musiken – eingängig und perfekt geeignet für die mitreißende Werbefilmästhetik des Filmes. Gleich im Anschluss folgt in Anything You Wish You’d Done Differently? der Ruhepol der Musik, eine typische Zimmer-Streichermelodie für Sonnys softe, nachdenkliche Seite (prominent ab 0:27 Min. zu hören). Doch nach diesen frühen Highlights verliert die Musik leider etwas ihre Identität. Die monotonen Drumloops von Run for the Podium oder Drive Hard peitschen zwar energisch die ersten Renn-Scharmützel von Sonny und Joshua über den Asphalt, bleiben aber ansonsten eher blass. Abseits des fantastischen Hauptthemas tut sich die Filmmusik oftmals schwer gegen den Motorenlärm der Rennautos zu bestehen. Mitunter nimmt man als Zuschauer nur die vorwärtstreibenden Beats wahr oder erahnt im Hintergrund irgendwo das Hauptthema, wenn es denn mal aufscheint. So gibt es viele Highlights, zu denen auch das elegant-melancholische No one drives forever zählt, aber ebenso auch einige generische Passagen.

Da stellt sich zwangsläufig auch die Frage, wie viel “Hans Zimmer” tatsächlich in dieser Musik drinsteckt. In einem Interview hat der Deutsche bereits verlauten lassen, dass ein beträchtlicher Anteil von Steve Mazzaro beigesteuert wurde. Und natürlich gab es auch beim “Synth Programming” wieder einige Helfer, wie z.B. den Leipziger Sound Designer Kevin Schröder, dessen Aufgabe es ist, einzelnen Stücke des Komponisten mit dem Synthesizer fülliger zu machen, wie er im Interview gegenüber dem MDR berichtete. Natürlich geht es im harten Hollywood-Business kaum ohne professionelle Teamarbeit und das Ineinandergreifen vieler Rädchen, um unter Zeitdruck ein Projekt nach den nächsten erfolgreich zu stemmen. Gleichzeitig sollte vor allem das Endergebnis zählen. Und das ist im Falle von F1 ähnlich wie in The Creator eine eher zwiespältige Angelegenheit: Einerseits liefert die Musik alles das, was viele vergleichbare Zimmer-Werke der vergangenen Jahrzehnte auszeichnet: vorantreibende Beats, den typischen Streicher-Pathos in den emotionalen Szenen und viel satten Oberflächenglanz. Dazu klingt die Musik durch State-of-the-Art-Synthesizer fantastisch und führt die Brillianz der tiefenscharfen Bilder unmittelbar auf der Tonspur weiter. Hans Zimmer spielt das Hauptthema bereits jetzt auf seinen Live-Konzerten und man braucht nur wenig Fantasie, um sich vorzustellen, dass einzelne Stücke aus F1 in den nächsten Jahren in zahlreichen Dokumentationen und Sportsendungen zu hören sein werden. Andererseits tritt die Musik aber trotz ihrer Hörqualitäten künstlerisch eher auf der Stelle. Denn abseits der behutsamen Modernisierung ist alles völlig frei von Überraschungen. Geradezu schlafwandlerisch reproduziert das Team zusammen mit dem “Maestro” den typischen Zimmer-Sound. Das vermag in den besten Stücken dank guter melodischer Einfälle durchaus mitzureißen, fühlt sich über die volle Laufzeit dann doch auch ein wenig redundant an. Bei Sonnys spätem Rennfahrer-Comeback ahnt man, dass dies kaum lange so weitergehen kann. Einmal wird der alternde Rennfahrer mit den Worten “No one drives forever – Niemand fährt für immer” konfrontiert. Und vielleicht gilt dies auch für Zimmers Musik, die hier möglicherweise wie der Film ein letztes Mal sehnsüchtig das Kino und den Sound der 90er Jahre auferstehen lässt.

Ein Kommentar

  1. Ich weiß nicht, was an dem Hauptthema fantastisch sein soll. Es klingt wie ein aufgepimpter Song von A-ha und da frage ich mich, warum man einen Film, der in der Jetzt-Zeit spielen soll, mit so einem Sound unterlegt. Dazu ist die Akkord-Folge (ich würde es auf dem Keyboard mit d-moll, a-moll, c-dur, g-dur nachspielen) reichlich uninspiriert. Haben sie wenigstens im Abspann den Song “Blinding lights” von The Weeknd? Der hat nämlich sowohl den A-ha-Sound als auch die gleiche Akkordfolge im Refrain. Die drei Tracks locken mich weder, den Film zu sehen, noch den Soundtrack zu kaufen. Das kann Zimmer doch besser.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.