Es gibt wohl nur wenige Filme, die man so eindeutig als bahnbrechenden Meilenstein der Kinogeschichte bezeichnen kann, wie John Lasseters Toy Story von 1995. Die Disney/Pixar-Koproduktion war damals der erste, vollständig am Computer erzeugte abendfüllende Spielfilm überhaupt. Mitte der 90er Jahre bestand das große Problem noch darin, die nötige Rechenpower aufzubringen, um jedes Einzelbild in der nötigen Auflösung und Brillanz rendern zu können. Bei Toy Story dauert es im Durchschnitt drei Stunden, um ein einziges Frame (also ein Bild) zu rendern. Das komplette Werk besteht aus über 114.000 Frames – kein Wunder also, dass die PCs bei Pixar damals rund um die Uhr im Dauerbetrieb liefen. Der riesige Erfolg des Films gab Lasseter, der intern zuvor mit zahlreichen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, schließlich Recht. Pixar etablierte sich in den Folgejahren als Markenzeichen für originelle CGI-Animationsfilme für Jung und Alt. Zahlreiche immens populäre Klassiker wie Findet Nemo, Oben, Wall-E oder Cars folgten. Bei der Produktion von Toy Story stand das Studio aber noch ganz am Anfang, stand unter dem immensen Druck, mit der neuen Technologie “abliefern” zu müssen, um die Disney-Bosse zu überzeugen. Entsprechend viel Wert wurde darauf gelegt, die Geschichte um Spielzeugfiguren, die lebendig werden, sobald alle Menschen den Raum verlassen haben, so liebevoll zu gestalten, dass die Existenzberechtigung nicht nur um im Bestaunen technischer Innovationen liegt.
Retrospektiv war dies der richtige Weg. Denn die Computeranimation hat sich seit den 90er Jahren natürlich massiv weiterentwickelt. Der Film kann in technischer Hinsicht zwangsläufig nicht mit vergleichbaren aktuellen Produktionen mithalten, die bisweilen schon fotorealistisch anmuten und die Grenzen zum Realfilm zunehmend verschwimmen lassen. Die sehr flächigen Hintergründe oder die wenig detaillierte Mimik in Toy Story belegen, welche Quantensprünge die Tricktechnik am PC seitdem gemacht hat. Tatsächlich ist es so, dass die Pixar-Autoren damals bewusst Spielzeugfiguren als Hauptfiguren wählten und menschliche Charaktere wie Andy selten zu sehen sind, um die technischen Limitierungen bei Gesichtszügen und Bewegungsabläufen zu kaschieren. Dennoch beeindruckt auch heute noch, wie gut Toy Story im Kontext der Möglichkeiten aussieht. Dies gilt insbesondere, wenn man bedenkt, dass die Leistungsdaten der eingesetzten “High End-Workstations” dramatisch weit unter denen eines gegenwärtigen Einsteiger-Smartphones liegen. Während das Rendern des kompletten Films damals 800.000 Prozessorstunden benötigte, könnte ein moderner PC ihn heute in Echtzeit erzeugen.
Dass Toy Story auch heute noch als beliebter Klassiker gilt und zu einem riesigen Kinohit mit vier Fortsetzungen wurde, liegt aber wohl weniger an der Computertechnik, über die Familien im Kinosaal ohnehin wohl eher selten nachdenken, als an der originellen Grund-Story: Der Spielzeug-Cowboy Woody (in der Originalfassung von Tom Hanks gesprochen) konkurriert im Kinderzimmer mit dem Plastik-Astronauten Buzz Lightyear, der nicht weiß, dass er ein Spielzeug ist, um die Gunst von Andy, dem beide gehören. Woodys Eifersucht und der Streit mit Buzz führen dazu, das Cowboy und Weltraumfigur bei einem Restaurantbesuch verloren gehen. Der Weg zurück wird zu einem Wettlauf mit der Zeit, denn Andys Familie zieht um. Und was nicht rechtzeitig im Umzugskarton landet, kommt nicht mit. Das Besondere an Toy Story ist die Tatsache, dass die Kinder hier Nebenfiguren sind, die sogar oftmals nichts Gutes im Schilde führen, wie das Baby, das alles abschlabbert oder der sadistische Nachbarsjunge Sid, der mit Böllern nur zu gerne seiner Zerstörungslust frönt und in seinem Zimmer ein Monstrositäten-Kabinett der Spielzeuge hütet. Dass der Film auch ältere Kinogänger ansprach, liegt zweifellos an seinem Retro-Charme. Denn die Spielzeuge, die hier auftreten, dürfte so mancher Zuschauer in seiner Kindheit besessen haben, wie die Armee der grünen Plastiksoldaten, den bunten Kassettenplayer oder den “Slinky Dog” von 1960, dessen Mittelteil aus einer spiralförmigen Metallfeder besteht. Buzz Lightyear selbst ist natürlich den Actionfiguren der Firma Mattel (Barbie) nachempfunden. Die Genehmigung, konkrete Originalfiguren wie Barbie oder G.I. Joe zu verwenden, erhielten die Macher nicht – sicher auch ein Zeichen dafür, dass man dem Projekt damals keinen großen Erfolg zutraute. Es gibt einen bissigen Seitenhieb früh im Film, als Mr. Potato Head erklärt, er stamme aus einer Firma, die von Mattel später übernommen wurde. Mit solchen versteckten Gags gelingt Toy Story neben seiner Innovationskraft etwas, das auch viele nachfolgende Pixar-Produktionen auszeichnen sollte: Der Film funktioniert nämlich gleichermaßen gut für Kinder wie für Erwachsene.
Randy Newman schlägt mit seiner für den Oscar nominierten Filmmusik ebenfalls in die altmodische Retro-Kerbe: Statt die Bits- und Bytes der Computer-generierten Animation mit einer elektronischen Komposition zu spiegeln, knüpft er direkt an die klassische Hollywood-Tradition an: Im Mickey Mousing, also der direkten Illustration des Leinwandgeschehens, orientiert sie sich an Carl Stalling (Silly Symphonies). Wenn Woody seine Auftritte hat, erklingt Americana im Stil von Jerome Moross bzw. Aaron Copland. Und wenn Buzz Lightyear “To Infinity and Beyond” strebt, dann begleiten ihn Pathos (sein Leitmotiv ist erstmals in Buzz Revealed ab 0:41 Min. zu hören) und Fanfaren im Sinne klassischer Weltraum-Abenteuer. Ein Gegenstück dazu ist die Musik für den sadistischen Sid: Ihn begleitet ein sinistres Marsch-Thema und das bizarre Ballett seiner frankensteinschen Monster weckt Erinnerungen an Béla Bartók und Bernard Herrmann. Und wenn sich die grünen Plastiksoldaten auf ihre Missionen begeben, erklingt ein Echoplex-Effekt wie in Jerry Goldsmiths Patton einsetzte. Dieses Spiel mit Querreferenzen als lose Leitmotive irritiert ein wenig. Doch wenn man bedenkt, dass jedes Spielzeug in Toy Story im Grunde selbst seine eigene Geschichte mitbringt und quasi als Kindheitserinnerung fungiert, dann ergibt diese Rückwärtsgewandtheit irgendwie doch Sinn.
Trotzdem stellt sich die Frage nach der Newmanschen Identität in einer solchen, aus vielen Pastiche-Momenten rekombinierten Musik. Die wird vor allem in den drei Filmsongs spürbar: You’ve got a friend in me ist das eigentliche Hauptthema, ein typisches, bittersüßes Newman-Lied, das sich als Freundschaftsmotiv durch das gesamte Franchise zieht. Umso erstaunlicher mutet es an, dass die Lied-Melodie mit ihrem Ragtime-Rhythmus in der Originalmusik kaum vorkommt (so richtig prominent eigentlich nur in Andy’s Birthday Is Today ab 0:19 Min.) und selbst in den End Credits keine Rolle spielt. Das gilt auch für die anderen beiden Songs, die zwar nicht denselben Bekanntheitsgrad besitzen, aber nicht weniger eingängig sind: Sie werden vor allem als Musical-artige Elemente eingesetzt: zum einen Strange Things für die Kollage-Sequenz, in der Woody sich zurückgesetzt fühlt und zum anderen für das anrührende I Will Go Sailing No More, welches die Szene begleitet, in der Buzz durch einen Werbespot herausfindet, dass er “nur” ein Spielzeug ist. Immerhin wird das melancholische Lied kurz danach auch in Buzz, I need your Help und Out of the Window reizvoll vom Orchester aufgeriffen. Dennoch sind die Songs so dominant und charismatisch, dass die eigentliche Originalmusik doch ins Hintertreffen gerät.
Dieses Urteil mag vielleicht etwas hart erscheinen, angesichts der Tatsache, dass die Orchestrierung von Don Davis und Newman selbst, sehr detailverliebt ist und hier und da für einige orchestrale Kabinettstückchen sorgt. Großartig etwa, wie sich das schreitende Sid-Motiv in einen euphorischen Marsch verwandelt, als ihm seine eigenen Monster eine Lehre erteilen (The Rescue Pt. 2: Play Nice, Sid. ab 0:19 Min.). Die Musik der “Spielzeug-Mutanten” begeistert als Ausflug ins Horror-Genre mit tiefen Fagotten, dissonanten Streicher-Glissandi und unheimlichen Celesta-Effekten. Und bei der finalen Verfolgungsjagd (RC to the Rescue/To Infinity and Beyond) zieht Newman noch einmal gekonnt alle Mickey-Mousing-Register. Es steckt also durchaus einiges drin in Toy Story und gefühlt wird Newmans vergnügliche Vertonung auch eher etwas unterschätzt. Gleichwohl ist das Bessere hier Feind des Guten. Für eine wirklich memorable Filmmusik abseits der großartigen Songs mangelt es an Eigenständigkeit und wirklich erinnerungswürdigen melodischen Einfällen.
Diskografische Notizen:

Original-Soundtrack-Album von 1995

Toy Story gibt es aktuell in zwei wesenlichen Fassungen. Zum Kinostart wurde die Musik inklusive Songs in einer kompakten 52-minütigen Version veröffentlicht. Da Newmans Komposition aus vielen meist kurzen Einzelstücken besteht, wurden diese zu längeren Suiten zusammend-editiert. So ist beispielsweise Andys Birthday auf dem Original-Soundtrack knapp 6 Minuten lang und kombiniert die ersten sechs Stücke (ohne Song). Zum zwanzigsten Geburtstag des Filmes spendierte Walt Disney dagegen eine Legacy-Edition als Doppel-CD. CD 1 enthält den kompletten Score (67 minuten) in chronologischer Reihenfolge und CD 2 eine Reihe von Demos, Outtakes und Instrumentalversionen. Beide Alben haben ihre Vor- und Nachteile: Zwar ist die Komplettfassung im Grunde die bessere Wahl, doch die stilistisch aus dem Rahmen fallenden Source-Stücke (Buzz Lightyear Commercial und Pizza Planet Rock) unterbrechen den Musikfluss doch empfindlich. Zugleich ergibt die Andys Birthday-Sequenz musikalisch deutlich mehr Sinn, wenn sie nicht wie in der Filmversion von You’ve Got a Friend in Me unterbrochen wird. Dafür kann die Legacy-Edition natürlich mit ihrem edlen Artwork und dem Begleittext punkten.






