Toy Story 2 – Randy Newman: „Woody in Serie“

Wenn ein Film so erfolgreich ist wie Pixars Toy Story, dann ist eine Fortsetzung nahezu unvermeidlich. Das gilt natürlich insbesondere, wenn ein Studio wie „Walt Disney“ seine Finger im Spiel hat. Dementsprechend war es keine große Überraschung, als im November 1999 Toy Story 2 in den US-amerikanischen Kinos startete. Obwohl zwischen erstem und zweitem Teil gerade einmal vier Jahre liegen, beeindruckt der direkt sichtbare technische Fortschritt in der Computer-Animation. Das Spiel mit Unschärfen, Licht und Schatten begeistert ebenso wie die realistischeren Texturen und eine generell höhere Detailtreue. Visuell lässt die Fortsetzung – so viel ist nach wenigen Szenen klar – den ersten Film spürbar hinter sich. Anders sieht es beim Inhalt aus: Wenn man beide Filme direkt hintereinander sieht, fällt auf, wie sehr Woody & Co. sich im zweiten Abenteuer in die Disneysche Verwertungsmaschinerie eingliedern. Gab es im ersten Teil noch den ein oder anderen bissigen, hintersinnigen Spruch, fehlt derlei nun völlig. Stattdessen gibt es nun das ein oder andere Product-Placement, wie den Auftritt von Martells Barbie als „Reiseführerin“ in einem Spielzeugladen. Die Story selbst bietet dagegen eine originelle Weiterführung des Plots vom ersten Film. Woody wird dieses Mal von einem Flohmarkt entführt. Er landet bei einem Sammler, der seltene Spielzeuge sucht, um sie für viel Geld an ein Museum nach Japan zu verkaufen. Und genau als eine solche Rarität entpuppt sich Woody, denn er entstammt eigentlich einer kurzlebigen Western-Trickserie mit dem Namen „Woodys Roundup“. In Gefangenschaft macht er Bekanntschaft mit dem Cowgirl Jessie, die sich nichts sehnlicher wünscht, als dass er bei ihr bleibt. Unterdessen machen sich Buzz und die anderen Spielzeuge auf zur großen Rettungsaktion durch einen Fahrstuhlschaft, der nicht zufällig augenzwinkernd an Stirb langsam erinnert. Gute, anspielungsreiche Unterhaltung ist bei Toy Story 2 also weiterhin geboten, und das Publikum zeigte sich davon mehr als begeistert: Die Fortsetzung konnte das Einspielergebnis des ersten an den Kinokassen sogar noch steigern.

Angesichts des großen Erfolgs des Sequels überrascht es aber, wie wenig Aufmerksamkeit Randy Newmans Filmmusik erhielt. Zwar wurde die sentimentale, von Sarah McLachlan gesungene Ballade When she loved me für den Oscar nominiert, doch die eigentliche Komposition ging komplett leer aus. Das lag allerdings zum einen an der starken Konkurrenz in jenem Jahr, in der selbst Schwergewichte wie The Matrix und The Sixth Sense das Nachsehen hatten. Zum anderen war es für Randy Newman auch einfach Pech, dass die Academy ab diesem Jahr entschieden hatte, die beiden von 1995 bis 1998 getrennten Musik-Kategorien für „Drama“ und „Musical/Komödie“ wieder zu einer zusammenzulegen. So ging ihm eine ansonsten vermutlich sichere Nominierung flöten. Irgendwie sollte es also nicht sein. Und vielleicht ist das auch gut so. Denn schon beim ersten Film machte die Musik Newmans mehr den Eindruck eines gekonnten Pastiche berühmter Vorbilder als eines wirklich eigenständigen Werks. Und bei Toy Story 2 bessert sich dieser Eindruck leider nicht wesentlich. Das grundsätzliche Problem bleibt bestehen: Die lebendigen Spielzeugfiguren sind niedliche, oft klischeehafte Versionen realer Vorbilder. So ist Woody eben eine Merchandising-Puppe aus einer Western-Sitcom und Buzz Lightyear eine Science-Fiction-Actionfigur. Entsprechend bewegt sich auch Randy Newmans Filmmusik in erster Linie auf den Spuren von Stereotypen. Und in Toy Story 2 tritt dies sogar noch deutlicher zutage als beim ersten Teil.

Gleich das die Musik eröffnende Zurg’s Planet für eine In-Film-Videospielsequenz orientiert sich mit naiven Fanfaren und Märschen an klassischen Tropen des Sci-Fi-Kinos der 70er Jahre. Man mag da an John Williams oder Jerry Goldsmith denken oder an B-Filme der 50er. Also sprach Zarathustra von Richard Strauss (bekannt aus 2001 – Odyssee im Weltraum) wird in der Eröffnungssequenz sogar direkt zitiert. Doch sobald Woody herausfindet, wo er herkommt, wechselt Newman unmittelbar wieder in den von Elmer Bernstein- und Aaron Copland-Anleihen geprägten Western-Modus. Oft ist das charmant, weil es in vertrauten Idiomen badet, wie in Woody’s Dream oder Jessie and the Roundup Gang, das direkt an Coplands Rodeo anknüpft. Insbesondere der nostalgische Serienvorspann zu Woody’s Roundup entwickelt sich schnell zu einem kleinen, Jingle-artigen Ohrwurm. Zwischen Western und Science-Fiction gibt es natürlich einmal mehr sehr viel gekonntes, augenzwinkerndes Mickey-Mousing. Abermals ist der Umgang Newmans mit den ständigen Stil- und Tempiwechseln versiert und liebevoll orchestriert. Erstaunlicherweise greift er dabei die Leitmotive des ersten Films aber nur selten auf, und wenn er es tut, belässt er es meist bei kurzen Andeutungen, die das melodische Potenzial nie ernsthaft ausschöpfen. So entwickelt sich die Filmmusik zu Toy Story 2 zu einer unterhaltsamen Revue der Stilzitate, die sympathisch daherkommt, aber selten über den Moment hinaus nachhallt.

Zu den wenigen Stücken, die aber wirklich herausragen, zählt indes The Cleaner, das die Szene untermalt, in dem der Puppendoktor Gery den ramponierten Woody wieder zusammenflickt und sorgfältig poliert, damit er für den Verkauf in neuem Glanz erstrahlt. Newman begleitet diese Szene mit einem hübschen Scherzo, in dem Streicher und Holzbläser die Arbeit des Maestros bildsynchron illustrieren – ob das Einfädeln der Nadel oder der Pinselstrich, mit dem der Restaurator den Namen Andy von Woodys Stiefeln entfernt. Es ist ein in sich geschlossenes Stück Musik, wie es im Toy-Story-Universum ansonsten kaum einmal vorkommt. Und es zeigt damit auch gleichzeitig, was auch dieser Filmmusik schmerzlich abgeht. Abermals fällt es letztlich dem Filmsong zu, wirklich in Erinnerung zu bleiben: Sarah McLachlans When she loved me begleitet eine Kollage-Szene, in der sich das Cowgirl Jessie an ihre frühere Besitzerin und all die schönen Momente zusammen zurückerinnert, bis diese schließlich älter wurde und für Puppen keine Verwendung mehr hatte. Es ist einer dieser wehmütigen und im positiven Sinne sentimentalen Pixar-Momente, der universell von der Vergänglichkeit der Zeit erzählt. Der Oscar-nominierte Song fängt diese Melancholie meisterhaft ein und reiht sich bruchlos in die Reihe zeitloser Klassiker im Franchise ein. In den Liedern liegt auch hier weiterhin die Stärke der Toy-Story-Musiken von Randy Newman. Das zeigt auch die launige Instrumentalversion von You got a Friend in me, die den Soundtrack im launigen Big-Band-Sound beschließt. Schade nur, dass die orchestralen Kompositionen Newmans die Ausstrahlungskraft der Songs trotz kompetenter Machart nur phasenweise besitzen.

Ein Kommentar

  1. Mich erinnert der Score jetzt im schnellen Durchhören in vielen Details stark an Newmans “A bug’s life”, der im Jahr davor rauskam. Den ich allerdings als den in sich Geschlosseneren halte. Aber der Song ist toll.

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