Wenn es einen Prototyp für die Filmmusiken gibt, die Bernard Herrmann für Alfred Hitchcock geschaffen hat, dann ist es wohl On Dangerous Ground von 1951. Der Film von Nicholas Ray, der wenig später mit …denn sie wissen nicht, was sie tun Kinogeschichte schreiben sollte, entstand vier Jahre vor der allerersten Hitchcock-Herrmann-Kombo Immer Ärger mit Harry (1955). Herrmanns Musik besitzt aber bereits einige der Ingredienzien, die man auch später beim “Master of Suspense” hören sollte: Gleich die markante Prelude nimmt gewissermaßen Der unsichtbare Dritte vorweg. Doch es gibt noch einen weiteren Bezugspunkt: In seiner glühenden Emotionalität erinnert die Musik an The Ghost and Mrs. Muir (1947). Mit diesem Vorbild teilt On Dangerous Ground das Schicksal, in Deutschland nie in den Kinos gezeigt worden zu sein. Das mag vor allem daran liegen, dass er sich nicht eindeutig einem Genre zuschreiben lässt und damit entsprechend schwierig zu vermarkten war. Die erste halbe Stunde beginnt als (für die Zeit) harter Film Noir: Wir sehen eine Wagenstreife von Cops, die die Gangster der Stadt jagen. Bei einem Überfall ist einer der Ihren brutal ermordet morden. Nach zwei Wochen erfolgloser Ermittlungen fordert der Polizeipräsident nun ein entschlosseneres Vorgehen. Einer der Polizisten, James “Jim” Wilson (Robert Ryan), längst ernüchtert und frustriert von den niederschmetternden Nachtschichten am Rande der Gesellschaft, schießt dabei weit über das Ziel hinaus. In seiner Wut prügelt er die Informationen aus den Verdächtigen heraus. Das führt die Fahndung zwar schlussendlich zum Erfolg. Doch weil sein übergriffiges Verhalten dennoch für viel Ärger sorgt, wird er aufs Land versetzt, um dort den Mörder eines jungen Mädchens zu suchen.
Mit diesem Ortswechsel wandelt sich auch grundlegend der Charakter des Films, hin zu einer melodramatischen Charakterstudie. Der Polizist trifft in Begleitung von Brent, dem Vater der Ermordeten, auf die blinde Mary (Ida Lupino), die zusammen mit ihrem Bruder in einem abgelegenen Haus lebt. Die junge Frau verhält sich verdächtig, doch Jim entwickelt rasch Gefühle für sie. In vielen Kritiken wurde On Dangerous Ground vorgeworfen, dass diese Entwicklung zu sehr mit dem düsteren Filmbeginn breche und den grimmigen Tonfall der Großstadtszenen verwässere. Da ist möglicherweise etwas dran, weil der Auftakt, in dem die Kamera den Alltag der Cops begleitet und an den Rand der Gesellschaft blickt schon ziemlich eindringlich ist. Doch bei genauem Hinsehen gibt es eigentlich keine echte Inkonsistenz. Die Inszenierung interessiert sich nämlich nie wirklich für die Identität der Mörder. Bemerkenswert ist dagegen, wie das Drehbuch klassische Gut-Böse-Schemata aufbricht. Die Täter sind selbst Verlierer der Gesellschaft und Jims Selbstjustiz keine Lösung. Dies gilt auch für den Vater des Mädchens, den Jim davor zu bewahren versucht, in seiner blinden Rachsucht schlimmes Unheil anzurichten. Zugleich ist On Dangerous Ground auch ein berührender Film über Einsamkeit. “Die einsamsten Menschen sind oft die, die von vielen Menschen umgeben sind” sagt Mary darauf angesprochen, ob es nicht schlimm sei, so isoliert zu leben. Und natürlich trifft dies auf den im Großstadtdschungel verlorenen Jim ebenso zu wie sie selbst.

Dem scharfen Kontrast zwischen Stadt und Land kommt deshalb eine zentrale Bedeutung zu. Doch, so viel macht der Film, klar: Die wirklich entscheidende Grenze verläuft nicht geografisch, weil sich Menschlichkeit und Unmenschlichkeit an allen Orten finden lassen – was On Dangerous Ground zu einem zeitlos aktuellen Film macht. Bernard Herrmanns Filmmusik veredelt diese Dialektik in einer charismatischen und einzigartigen Weise. Für die Jagd auf die Mörder erklingen forsche, aggressive Blechbläserattacken, typisch für den Komponisten, ungewöhnlich besetzt. Sobald aber Mary die Leinwand betritt, bekommt die “Viola d’Amour”, eine barocke Form der Bratsche, ihren großen Auftritt. In glühender Innigkeit gibt das Spiel von Virginia Majewski als Solistin ihrer Figur eine Wärme, die nicht nur die Liebe aufblühen lässt, sondern auch dem heimeligen Lagerfeuer in ihrem Haus inmitten eisiger Schneelandschaften ein akustisches Sinnbild gibt. Natürlich ist das aus heutiger Sicht auch ein bisschen sentimental und kitschig, wie diese Rückbesinnung aufs Wesentliche hier inszeniert wird. Doch die Ernsthaftigkeit von Herrmanns Zugang trägt den Film über alle solche Unebenheiten. Kein Wunder: Der Komponist durchlief selbst privat damals eine chaotische Phase: sein CBS Radio Symphony Orchestra, das er jahrelang geleitet hatte, wurde aufgelöst und nach einer Affäre hatte er gerade seine erste Frau für deren Cousine verlassen. Sehr wahrscheinlich also, dass er sich gut mit Jims Sinnsuche identifizieren konnte.
On Dangerous Ground ist eine Musik der Gegensätze. Eines der Stücke, für das sie bis heute in erinnert wird, ist The Death Hunt, das Herrmann selbst für eine der besten filmmusikalischen Sequenzen seiner Karriere hielt. Interessant ist hier nicht zuletzt der Kontext der Verwendung: Kurz zuvor gibt es nämlich eine Szene, in der Jim den Killer stellt. Es ist ein junger Mann mit psychischen Problemen und alles andere als eine Bestie. Herrmann begleitet diesen ruhigen Moment, in dem auch eine friedliche Auflösung möglich erscheint, völlig ohne Musik. Erst Brents Auftauchen und seine Rachsucht münden in der verhängnisvollen Verfolgung. Wenn Herrmann diese unerbittliche Hatz mit der Power von acht (polyphon eingesetzten) Hörnern, die in ihrem Spiel wie eine Meute wilder Hunde klingen, sechs Trompeten, sechs Posaunen und zwei Tuben durch die schneebedeckten Berge peitscht, dann ist das Brachiale der Musik auch ein Symbol für die zerstörerische Kraft der Gewalt an sich. Sie unterstreicht im Grunde deshalb mehr die blinde Raserei der Verfolger als die eigentliche Gefahr, die von dem Verfolgten ausgeht. Und damit schließt sich auch automatisch der Bogen zur Prelude und der Gewalt in der Großstadt, an deren Eskalation die Polizei zweifellos ihren Anteil hat.
Doch On Dangerous Ground nur auf dieses beeindruckende, oft im Konzertsaal gespielte zweieinhalbminütige Schaustück zu reduzieren wäre falsch. Die lyrischen Stücke für Mary transzendieren die Leinwand, indem sie nicht nur hochemotional die sich anbahnende Romanze untermalen, sondern auch der Sinnfrage – nicht nur von Jim – eine eindeutige Antwort geben. In Stücken wie The Searching Heart blüht diese Idee, wunderschön gespielt von der Viola d’Amour in Begleitung von Streichern, Holzbläsern und Harfe auf. Bemerkenswert ist auch die Musik für die Autofahrt aufs Land, in der Cellos und Kontrabässe ein Motiv spielen, das Herrmann in North by Northwest (in Kidnapped) wiederverwenden sollte. Und wenn die Verfolger in einen heftigen Schneesturm geraten und die Scheibenwischer schlagen, mag man auch an Psycho oder Vertigo denken. Eher ungewöhnlich für Herrmann sind dagegen die urbanen Stücke für Jazz-Trompete in den frühen, nur spärlich mit Musik ausgestatteten Großstadtszenen (Solitude/Nocturne), die die Isolation Jims elegant unterstreichen. Der Kampf der Hauptfigur mit seinen eigenen Dämonen steht da bereits deutlich erkennbar im Zentrum. Zu sagen, dass dies auch Herrmanns Kampf in jenen Jahren war, ist eher spekulativ und möglicherweise übertrieben. Dennoch vermeint man in On Dangerous Ground in jeder Note die enge Verbindung des Komponisten zu diesem ungewöhnlichen Stoff zu verspüren. Wie The Ghost and Mrs. Muir zählt die Filmmusik deshalb zu den besonders herausragenden Werken Herrmanns in der Prä-Hitchcock-Ära.
Diskografische Notizen


Bereits 2003 hat das bekannte (und jüngst wieder zum Leben erweckte US-Label) die originale Aufnahme der Filmmusik in Mono auf den Markt gebracht. Da keine Aufnahmen von RKO-Produktionen mehr existieren, musste man auf Playback-Azetate zurückgreifen, die sich durch häufiges Abspielen aber in einem eher durchwachsenen Zustand befanden. Dass die sorgfältige Restaurierung also keine Wunder verbringen konnte, dürfte klar sein. Dennoch klingt der Großteil der CD sehr ordentlich; nur wenige Stücke lassen durch starkes Rauschen die ursprüngliche Klangpracht eher erahnen. Ungeachtet dieser Einschränkungen bleibt diese Version eine exzellente Referenz, da Herrmanns zupackendes Dirigat auch heute noch begeistert. Selbstredend bei FSM ist auch das informative Booklet ein gutes Argument, sich diese Fassung zuzulegen.
Wer auf “State of the Art”-Sound nicht verzichten mag, sollte allerdings zur Kickstarter-finanzierten Neueinspielung von 2023 greifen. William T. Stromberg leitet hier für Intrada Records das Royal Scottish National Orchestra. Die liebevolle Aufnahme präsentiert Details und Nuancen, die die Aufnahmetechnik zur Entstehungszeit noch nicht hergab, besitzt aber auch zwangsläufig nicht die besondere Patina des klassischen Hollywood-Sounds. Zweites Argument für die neue, in der “Excalibur Collection” erschienene CD: Sie enthält zudem noch Herrmanns Komposition für Hitchcocks The man who knew to much von 1956. Für Einsteiger in Sachen Bernard Herrmann ist dies sicher die bessere Wahl gegenüber der FSM-CD. Liebhaber dürfen aber wohl beide Versionen haben wollen.






