California – Gianni Ferrio: „Die dunkle Seite des Italowestern“

Einen Monat, nachdem California – Der Mann aus Virginia im September 1977 in Italien Premiere feierte, kam dort Krieg der Sterne in die Kinos. Das war natürlich Zufall. Aber dennoch kann man den späten Italowestern von Michele Lupo mit Fug und Recht als einen der letzten Sargnägel auf das Genre bezeichnen, bevor es endgültig vom Blockbuster-Kino der Marke Spielberg und Lucas verdrängt wurde. In der Filmografie von Lupo, der eigentlich mehr für komödiantische Haudrauf-Spektakel mit Bud Spencer bekannt ist, nimmt California eine Ausnahmestellung ein. Gleich der Vorspann unterstreicht mit originalen Fotografien aus dem amerikanischen Sezessionskrieg (1861–65) das Bemühen um ein realistischeres Bild des Wilden Westens. Zu Beginn der Handlung steht ein gebeuteltes, von Jahren der Gewalt gezeichnetes und ausgeblutetes Land. Visuell versinkt die Szenerie in einem Gefangenenlager in Regen und Schlamm. Die Soldaten der Konföderation werden freigelassen: Sie stehen vor der Wahl: Entweder heuern sie für einen Hungerlohn bei einem der Reden schwingenden Großgrundbesitzer an oder sie verlassen schnell das Land. Das Elend ist groß. Der Hunger der ehemaligen Grauröcke macht sogar vor Katzen und Fröschen keinen Halt. Zwei dieser Soldaten, die auf der Verliererseite der Geschichte stehen, sind der Rookie Willy (Miguel Bosé) und der schweigsame California (Giuliano Gemma). Beide freunden sich miteinander an. Weil sie aber auf der falschen Seite gekämpft haben, sind sie wie viele Kameraden nun „Persona non grata“. Sie werden von der Bevölkerung verhasst und gemieden. In einem Dorf verwehrt man ihnen sogar den Zugang zum Brunnen und verweist sie stattdessen an den Pferdetrog. Und bevor sie sein „Brot stehlen“, schmeißt ein Bäcker einen Laib vor ihnen in den Dreck. Zugleich treibt der Kopfgeldjäger Rope Whittaker (schön fies: Raimund Harmstorf) mit seinen Mannen im Auftrag eines aufstrebenden Politikers sein Unwesen, jagt steckbrieflich Gesuchte, um mit ihnen kurzen Prozess zu machen.

Wie nüchtern und resigniert California in der ersten Hälfte von den Folgen des Krieges erzählt, beeindruckt auch heute noch. Kaum etwas erinnert hier an die üblichen Genrekonventionen: Statt gleißender Sonne und staubiger Böden gibt es gedämpfte Farben, herbstlich anmutende Waldstimmungen und Regen. Wie viel davon aber wirklich geplant war, bleibt unklar. Denn die Produktion hatte tatsächlich mit schweren Unwettern zu kämpfen, die den Zeitplan und das Budget kräftig durcheinanderwirbelten. Weil langsam das Geld ausging, war man gezwungen, die zweite Filmhälfte schnell herunterzukurbeln. Mit zunehmender Laufzeit entwickelt sich die Handlung deshalb leider immer mehr zu einem vorhersehbaren Racheplot, wie man ihn im Westerngenre unzählige Male zuvor gesehen hat. Lupo zeigt ausgiebig die Genre-üblichen Schlägereien, bei denen die Fausthiebe von einem Geräuschemacher hoffnungslos überzeichnet werden. Doch auch wenn der Film von einem ambitionierten Kriegswestern in ein durchwachsenes B-Movie kippt, behält er stets eine grimmige Note bei. Besonders deutlich wird dies im Finale, wenn California zwar seine Liebste Helen (Paola Dominguín) wieder in den Armen hält, der Blick in ihr leeres, gequältes Gesicht aber Bände spricht, was sie in Gefangenschaft durchleiden musste. „Du musst das alles nun vergessen“, sagt er ihr. Doch es ist geradezu offensichtlich, dass dies nicht möglich sein wird.

So bietet California von beidem etwas: Der unebene, aber äußerst interessante Film zelebriert noch ein letztes Mal die klassischen Stereotype. Er ist aber gleichzeitig auch ein Kind einer neuen Zeit, geprägt von den Einflüssen des New-Hollywood-Kinos, der Paranoia der 70er Jahre und der Enttäuschung darüber, dass die Aufbruchstimmung der 68er-Generation nicht lange anhielt. Bemerkenswert ist, dass auch die Filmmusik von Gianni Ferrio (1924–2013) diese schillernde Gemengelage spiegelt. Das Hauptthema, ein gesungenes „California Goodbye“, das sich danach in eine wehmütige Mundharmonika-Melodie verwandelt, erinnert wie auch manche Gitarrenakkorde in den Spannungsmomenten unmittelbar an Ennio Morricone – wie könnte es auch anders sein. Doch spätestens, nachdem der Soldat, der die Mundharmonika für die anderen spielt, von Whittaker niedergeschossen wird, verstummt auch das Instrument für eine ganze Weile – ein naheliegender wie effektvoller Einfall. Unbeabsichtigt signalisiert dieser Moment möglicherweise auch ein wenig das Ende des Italowesterns. Denn fortan mischt sich eine andere Klangsprache in das Vertraute. Plötzlich ist die Musik geprägt vom Sound der 70er, arbeitet mit Elementen des Progressive-Rocks, streift das Frickelige und psychedelische, wie man es von Bands wie Pink Floyd oder King Crimson kennt. Da wird der Einfluss von legendären Alben wie The Dark Side of the Moon und In the Court of the Crimson King spürbar, aber auch die avantgardistischen Giallo-Musiken von Morricone klingen an. E-Gitarren, Schlagzeug und elektronische Experimente liefern einen Sound, der nur wenig mit dem klassischen Italowestern zu tun hat.

Besonders deutlich wird dies in der Mitte des Filmes, wenn eine der Hauptfiguren völlig überraschend stirbt (da ist sicher auch Hitchcocks Psycho als Vorbild zu nennen). Für das Genre äußerst ungewöhnlich, arbeitet Ferrio plötzlich mit den ersten Synthesizer-Modellen, verfremdet das Spiel der Holzbläser mit viel Hall, sodass ein eigenwilliger – für die 70er und 80er typischer Vibe – entsteht. Die Zeitenwende innerhalb der Handlung – das Ende des Bürgerkriegs und der Eintritt in eine neue, aber nicht unbedingt bessere Zukunft – findet mit der musikalischen Zeitenwende auf der Tonspur eine präzise Entsprechung. Gleichzeitig bleibt Ferrios Musik aber durchaus dem Alten weiterhin verhaftet. Das Spiel der Gitarre, die Rhythmik und das Hauptthema bleiben ein wesentliches gestalterisches Element. Hier und da gibt es auch das obligatorische Saloonklavier zu hören. Und wenn California vor dem letzten Drittel sein großes Liebesglück findet, erklingt – etwa dick aufgetragen – lieblich-süßlicher Streicherkitsch. Nun tritt auch die Mundharmonika als Symbol der wiedergefundenen Menschlichkeit wieder auf. Natürlich ist auch dieser schöne Schein nur von kurzer Dauer und die Geister der Vergangenheit werden ihren Schatten über diesen Neuanfang legen. Zum Showdown fährt Ferrio schließlich noch einmal einiges auf, was man aus dem Genre kennt: das nervöse Spiel der Gitarre, Schlagwerk und Hammondorgel, die die schicksalhafte Bestimmung heraufbeschwören.

So ist Ferrios Musik wie der Film selbst ein faszinierendes Kuriosum: Fast ein wenig wie Göranssons Sinners transzendiert sie die Zeiten, verbindet alt und neu. Mit dem Lied- bzw. Mundharmonika-Hauptthema wird die Komposition von einem prägnanten, unmittelbar eingängigen Einfall getragen. Natürlich wirkt der Sound aus heutiger Sicht mitunter etwas altbacken, was nicht nur daran liegt, dass er dem Zeitgeschmack verhaftet ist, sondern auch daran, dass die Originalbänder alles andere als taufrisch klingen. Die bislang einzige CD-Veröffentlichung der Filmmusik von 2016 kämpft nämlich leider mit Verzerrungen und einem generell etwas dumpfen Klang. Eine verbesserte Neuauflage ist bei einem so unbekannten Film natürlich eher nicht zu erwarten. Dabei ist gerade das schade. Gianni Ferrios California mag vielleicht kein großer filmmusikalischer Meilenstein sein, eher ein Übergangswerk. Doch genau darin liegt sein ganz besonderer Reiz.

Der Film auf Blu-ray

Blu-ray von Plaion-Pictures

Der Mann aus Virginia ist der zweite Film, der in der auf zehn Teile angelegten Western all’arrabbiata Reihe exklusiv im Shop bei Koch Films/Plaion-Pictures im Jahr 2022 erschienen ist. Die Reihe fällt durch ihr quadratisches Papphüllenformat sofort ins Auge. Die Edition bietet den ungekürzten Western in einem liebevoll restaurierten Transfer, der keinerlei Wünsche offenlässt. Auch die Bonus-Sektion kann sich sehen lassen: Neben dem umfangreichen Begleittext sind Interviews mit dem Drehbuchautor Roberto Leoni (ca. 31 Minuten) und ein Interview mit dem Filmhistoriker Fabio Melelli (ca. 8 Minuten) enthalten. Nur Audiokommentare gibt es dieses Mal leider keine.

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