Glory – James Horner: “Ehre und Pathos”

Große Gefühle, Pathos und die ehrenvolle Verneigung vor der Geschichte – Edward Zwicks Glory von 1989 ist eines derjenigen Kinoepen, wie sie wohl nur in Hollywood entstehen können. Der Film widmet sich einem weniger bekannten Kapitel des amerikanischen Bürgerkriegs: der Geschichte der 54. Massachusetts Freiwilligeninfanterie, die erste auf Unionsseite kämpfenden Truppe, die ausschließlich aus schwarzen Soldaten bestand. Angeführt und ausgebildet wurde die Einheit allerdings von einem Weißen: dem jungen Colonel Robert Gould Shaw, der hier von Matthew Broderick verkörpert wird. Doch die Aufgabe ist keine leichte: bei den neuen Rekruten handelt es sich um einfache Männer, zumeist ehemalige Sklaven, die für ihre Freiheit kämpfen wollen, denen aber oft die dafür notwendige militärische Disziplin fehlt. Zugleich ist der Rassismus nicht nur aufseiten der Südstaaten ausgeprägt: Auch in den eigenen Reihen schlägt Shaw und seinen Mannen viel Ablehnung und der Glaube entgegen, Schwarze würden nicht als Soldaten taugen – was dazu führt, dass man dem Regiment zunächst jeglichen Kriegseinsatz verweigert. Natürlich wird es dabei nicht bleiben. Shaw setzt sich für seine Mannen ein, erreicht, dass sie bessere Ausrüstung bekommen und schließlich beim verzweifelten Sturm auf das Fort Wagner im Juli 1863 die erste Welle bilden dürfen. Auch wenn der Angriff letztendlich fehlschlug, wurde er zu einem Wendepunkt im Krieg, weil man den Wert der farbigen Rekruten erkannte und durch sie die Unionstruppen entscheidend verstärken konnte.

Edward Zwick (Legenden der Leidenschaft, Blood Diamond) erzählt das alles mit einem unverhohlenen Hang zum Pathos. Doch gleichzeitig gilt Glory unter Historikern abseits einiger dramaturgischer Freiheiten als akkurater Film über den amerikanischen Bürgerkrieg. Durch die überlieferten Briefe Shaws ist seine Wandlung vom unsicheren zum charismatischen Kommandanten, der sich vorbehaltlos für die Belange “seiner” Männer einsetzt, besonders gut dokumentiert. Wichtige Handlungselemente wie der unwürdige Soldstreit, das Niederbrennen der Stadt Darien in Georgia und die Schlacht um Fort Wagner, entsprechen den historischen Fakten. Dazu hält die gesamte Inszenierung ein flammendes Plädoyer gegen jegliche Form des Rassismus und scheut dabei auch nicht vor bedrückenden Zwischentönen zurück, wenn etwa der vom jungen Denzel Washington gespielte Trip mit Shaw darüber reflektiert, was ihn wohl nach dem Krieg erwarten wird. In dieser Hinsicht trägt Glory das Herz am rechten Fleck und hat auch nichts an Aktualität eingebüßt. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die plakative Inszenierung den Heldenmut und die fragwürdige Soldatenehre, zu einem Himmelfahrtskommando anzutreten zu dürfen, völlig unkritisch feiert. Das Leid und die Kosten des Krieges werden bestenfalls nur angedeutet und die Konföderierten auf der anderen Seiten bleiben ein gesichtsloser Feind. In dieser Hinsicht war selbst der späte Italowestern California (1977) bereits einen Schritt weiter.

Einmal mehr ist es auch die Filmmusik von James Horner, die viel über die Inszenierung verrät. Seine Komposition (die erste von dreien, die er für Zwick schuf), stellt mit großem Orchester und Chor vom erstem Takt an klar, dass es hier primär um das feierliche Gedenken und um den Gründungsmythos der modernen USA geht als um individuelle Schicksale. Dass dazu unbedingt auch die Selbstermächtigung der ehemaligen Sklaven zählt, zeigt gleich der Beginn: The Boys Choir of Harlem singt in A Call to Arms das Lied “Blow the Horn“, über Snare-Drums ein Motiv, das später oft von den Trompeten gespielt wird. Der Einsatz des Knabenchors ist vielleicht auch als ein Hinweis darauf zu verstehen, wie jung viele Soldaten waren, die aufs Schlachtfeld zogen. Direkt danach folgt das Hauptthema von Horners Filmmusik. Viel diskutiert wurde bereits die Nähe zu Prokofievs Ivan the Terrible, wenngleich die Melodie tatsächlich nur die ersten charakteristischen Noten übernimmt und sich danach mit einer elegischen Streichermelodie in eine ganz andere Richtung bewegt. Interessant ist dabei vor allem die Querbeziehung zum Eisenstein-Film: In beiden Werken geht es um das Motiv der Opferbereitschaft fürs Vaterland. Im dritten Thema der Komposition (erstmals zu hören auf der Oboe in Lonely Christmas), das eigentlich mehr eine Variation des zweiten Teils des Hauptthemas ist, knüpft Horner direkt an die Fantasia on a Theme by Thomas Tallis des britischen Komponisten Ralph Vaughan Williams an. Es spiegelt hier vor allem die Sehnsucht der Soldaten nach Frieden und Heimat. Mit dieser Wahl bricht Horner auf bemerkenswerte Weise mit dem Vertonungsklischee, die schwarze Bevölkerung mit afrikanischen Rhythmen zu begleiten. Die getragenen Streicher setzen sich dagegen für einen Humanismus ein, der für alle Menschen unabhängig der Hautfarbe gilt.

Vaughan Williams’ Fantasie dient stilistisch auch in den wehklagenden Stücken als Inspiration. Dies gilt vor allem für Burning the Town of Darien: Gegen seinen Willen muss Shaw den Befehl dazu geben, nach der Einnahme die Stadt der Konföderierten niederzubrennen. Doch solche nachdenklichen Momente währen nur kurz. Horner begleitet viele Szenen mit historischen Pfeifer- und Trommelmärschen wie in The Year of Jubilee oder Jefferson & Liberty, in dem der historische Old 1812 erklingt. Für die entscheidende Schlacht um das Fort Wagner diente dagegen einmal mehr O Fortuna aus der Carmina Burana als Blaupause, ein vor allem in den 80er und 90er Jahren gerne genutzter Temptrack beim Drehen. Doch diese abgenutzte Wahl erscheint hier durchaus passend. Wie in Carl Orffs Liedzyklus schlägt die Macht des Schicksals beim Sturm auf die Festung vollkommen willkürlich zu. Zahllose Angreifende ließen am Hang ihr Leben. Ob sie getroffen wurden oder nicht, entschied der Zufall.

James Horners Filmmusik verhandelt stets die großen übergeordneten Themen. Sie erzeugt einerseits große historische Distanz, schafft es aber trotzdem in ihrer Emotionalität Brücken in die Vergangenheit zu schlagen, die über die reine Ehrerbietung hinausgehen. Das ist in seiner offensichtlichen Plakativität durch die starken melodischen Einfälle und die liebevolle Orchestrierung äußerst mitreißend, sodass die Komposition schnell zum Fan-Favoriten avancierte. Zugleich muss man aber auch manchen Kritikern ein wenig recht geben, dass das staatstragende Pathos im Kontext oft viel zu dick aufträgt und den Bildern bisweilen die Luft zum Atmen abschnürt. So sympathisch es ist, dass die Musik das Anliegen der schwarzen Bevölkerung feiert und zum Gedenken beiträgt, hinterlässt die undifferenzierte Haltung zu Patriotismus und Soldatenehre einen unangenehmen Beigeschmack. Für James Horner war Glory dennoch ein großer Erfolg: Seine Musik wurde nicht nur für den Golden Globe nominiert, sondern gewann sogar einen Grammy. Grund genug für den Komponisten, Elemente seiner Komposition im späteren Werk mehrfach zu recyclen. Spuren von Glory (bzw. Prokofiev) lassen sich in zahlreichen Arbeiten wie Braveheart, Enemy at the Gates bis hin zu Avatar ausmachen.


Diskografische Notizen

Original-CD von Virgin Records
Expanded Edition (2021) von La-La Land Records

Zum Kinostart erschien Glory als 43-minütiges Album, das auch heute noch eine vorzügliche Repräsentation der Filmmusik ist. Eine komplette Fassung erschien erst 2021 von La-La Land Records. Da der Musikeinsatz – ungewöhnlich für Horner – eher öknomisch ist, bietet diese gerade einmal ein Plus von 14 Minuten. Diese Stücke fügen sich prima in den Musikfluss ein. Und weil die zweite CD die originale Albumversion (neben einigen Bonusstücken) enthält, ist die erweiterte Edition zweifelsohne die bessere Wahl, insbesondere wenn man die erste Version noch nicht besitzt.

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