The Zone of Interest – Mica Levi: “Musikalische Verstörung”

Wie viel Realität lässt sich ausblenden, beiseiteschieben, ignorieren? Dieser Frage geht das Drama The Zone of Interest von Jonathan Glazer (Birth) nach. Es zeigt eine wohlhabende Familie mit fünf Kindern, die in einem gut ausgestatteten Haus samt großzügigem Garten lebt. Doch der idyllische Schein trügt. Aus dem Hintergrund drängen Schreie, Hundegebell, Gewehrfeuer, das Gebrüll der Offiziere; aus Schornsteinen quillt weißer Rauch. Das Grundstück liegt direkt am Vernichtungslager Auschwitz. Und es ist die Familie Höß, die hier wohnt. Während sich Hedwig Höß (Sandra Hüller) um Kinder und Garten kümmert, sucht ihr Mann Rudolf als Lagerkommandant mit bürokratischem Eifer nach immer neuen Wegen, um den Genozid effizienter zu gestalten. Währenddessen läuft der Alltag in Haus unberührt weiter. Man trifft sich zum Kaffeekranz, feiert Gartenpartys am Pool und lamentiert darüber, dass einem die Vorhänge einer jüdischen Familie bei der Räumung ihrer Wohnung vor der Nase weggeschnappt wurden. An gestohlenen Beutegut ist man natürlich stets interessiert, sofern besonders schöne Stücke darunter sind. Im Hintergrund sieht man immer wieder die abweisende, graue KZ-Mauer mit ihrem Stacheldraht. Es ist die zynische Grenze zwischen einem gutbürgerlichen Leben auf der einen und sadistischen, systematischem Massenmord auf der anderen Seite.

Die Familie Höß, das ist beängstigend, hat es wirklich gegeben und sie hat tatsächlich ein direkt in einem an Auschwitz angrenzendes Anwesen gewohnt. Auf historischen Fotografien ist die den Garten begrenzende Mauer allerdings nie zu sehen. Vermutlich sollte sie auch nicht zu sehen sein, um die Illusion des bürgerlichen Naziglücks nicht zu zerstören. Glazer inszeniert dieses gespenstische Setting mit eiskalter Präzision. Die Schauspieler wurden mit versteckten Kameras gefilmt, um möglichst alltägliche Szenen einzufangen. Durch natürliches Licht, distanzierte Kameraperspektiven und die “beiläufige” Tonebene der Geräusche aus dem Lager vermeidet der Film jegliche Identifikation mit den Figuren. The Zone of Interest verweigert sich dem klassischen Erzählkino und gewinnt gerade aus seiner Banalität im Angesicht unermesslicher Grausamkeit eine beklemmende, lange nachhallende Intensität. Das liegt auch daran, dass man als Zuschauer unmittelbar darauf gestoßen wird, sich zu fragen, welche schrecklichen Geräusche im Hintergrund wir in unserem Leben eigentlich ausblenden und wegignorieren.

Es versteht sich fast von selbst, dass ein solches Projekt außerhalb der Norm keine traditionelle Filmmusik verträgt. Mica Levy (Jackie, Under the Skin) stattet den Film deshalb nur spärlich mit Musik aus. Das macht auch Sinn, damit das brillante Sounddesign von Johnnie Burn seine volle Wirkung entfalten kann. Ziel war es nach Aussage Levis, dass die Vertonung “technisch statt emotiv” klingen soll. Deshalb gibt es nur an zwei zentralen Stellen auskomponierte Stücke: Gleich zu Beginn erklingt vor dem Hintergrund der schwarzen Leinwand ein unheimlich wirkender synthetischer Chor, stetig an- und abschwellend, der in der Tonhöhe langsam fällt und ganz am Ende in Vogelgezwitscher aufgeht. Es ist ein symbolhafter Weg, der sich von den Stimmen der Opfer entfernt und in die Vorhölle des grünen Gartens absteigt. Das sechsminütige Stück für den Abspann wurzelt dann endgültig in der musikalischen Moderne und arbeitet mit Elementen der Musique concrète. Ein 5-Noten-Motiv und eine schrille Sirene zirkulieren, bis immer mehr unterschiedliche Stimmen dazu treten und in einer geräuschartigen “Wall of Sound” aufgehen. Die Abspannmusik wird so zu einem eindrucksvollen Mahnmal für die Opfer des Holocaust.

Doch abseits dieser beiden Stücken setzt Levy nur selten musikalische Akzente: Vor allem kurze, plötzlich auftretende Cluster-Effekte, die wie ein sonores Grollen klingen, rütteln mehrfach an der trivialen Alltäglichkeit des Familienlebens. Sie erinnern an die menschliche Katastrophe, die sich im Hintergrund abspielt. Nach eigenen Angaben hat Levy viel mehr Musik für den Film komponiert, die dann letztendlich aber nicht verwendet wurde oder keinen Platz fand. Am Ende blieben knapp zehn Minuten übrig, die bislang allerdings unveröffentlicht blieben. Angesichts der Kürze überrascht es umso mehr, dass die Musik sogar eine Golden Globe Nominierung erhielt, zumal die beiden zentralen Stücke allein als formale Klammer über Vor- und Abspann zu hören sind. Die restliche Filmmusik von Mica Levy lässt sich eher unter dem Begriff Sound Design verorten. Das ist angemessen und notwendig für diesen sehr speziellen Blick auf den Holocaust. Gleichzeitig stellt sich die Grundsatzfrage, wie viel Musik mindestens notwendig sein sollte, um für Filmpreise in Betracht gezogen zu werden. Am Ende hat The Zone of Interest zwei Oscars gewonnen, einen als bester internationaler Film und einen für den besten Ton. Die Filmmusik schaffte es lediglich auf die Auswahlliste – trotz der herausragenden Abspannmusik eine nachvollziehbare Entscheidung.

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