Nach dem riesigen Erfolg der Neuverfilmung von Frank Herberts Dune war schon fast klar, dass es allein bei den Kinofilmen nicht bleiben wird. Wie schnell es mit einem Serien-Ableger aber tatsächlich ging, damit haben dann vermutlich die wenigsten gerechnet. 2024 startete mit Dune: Prophecy ein erster Ableger bei HBO, der mehr als 10000 vor der Geburt von Paul Atreides angesiedelt ist und die Ursprünge der Bene Gesserit erzählt. Das ist jener mysteriöse, von Frauen bestimmte, Orden, der aus dem Verborgenen seinen Einfluss auf die Mächtigen im Dune-Universum geltend macht. An der Spitze der Schwesternschaft stehen Valya Harkonnen (Emily Watson) und ihre Schwester Tula (Olivia Williams). Beide führen den Orden mit Strenge und kühler Berechnung. Sie sind bereit, alles dafür zu opfern, um die Macht der Schwesternschaft zu erhalten und auszubauen. Sogar vor Gewalt schrecken sie nicht zurück: Ihre Regentschaft basiert auf einem fürchterlichen Mord, mit dem sie einst ihre Gegenspielerin aus dem Weg räumten. Doch es brodelt nicht nur in den inneren Reihen. Beim Imperator (Mark Strong) taucht mit Desmond Hart (Travis Fimmel) ein seltsamer Fremder auf, der als einziger Überlebender “von einem Sandwurm wieder ausgespuckt” wurde. Seitdem verfügt er über die entsetzliche Fähigkeit, andere Menschen am lebendigen Leib verbrennen zu lassen. Mit dieser unfassbaren “Gabe” steigt er in der Gunst des Herrschers auf und wird zu einer Konkurrenz für Valya und Tula, die eigentlich die junge Prinzessin Inez (Sarah-Sofie Boussnina) ausbilden wollten, um sie anschließend auf dem Thron zu platzieren. Doch es kommt alles anders und die Identität des bärtigen Kriegers, dem nicht beizukommen ist, birgt eine große Überraschung.
Wie in so vielen Franchises dieser Tage ist es aber auch hier keine gute Idee, ungefragt den Weltenbau bis ins kleinste Detail auszuerzählen. In den Villeneuve-Filmen faszinieren die Bene Gesserit vor allem deshalb, weil sie aus dem Dunkeln operieren und man nur wenig über ihre wahren Bewegründe weiß. Indem Dune: Prophecy nun hinter die Kulissen des religiösen Frauenbundes blickt, wird nun genau dieses Mysterium ohne besondere Notwendigkeit zerstört. Mehr noch. Hier zeigt sich eine hierarchische Gemeinschaft, die den anderen Machtparteien in nichts nachsteht. Wir sehen lernwillige junge Adeptinnen, die mehr oder weniger gehorsam der obersten Mutter folgen. Die meisten stehen dem Treiben der Mächtigen verängstigt gegenüber, deren Interesse meist eher sich selbst und Rachegelüsten gilt, als dem Wohl der Gemeinschaft. Visuell wirft die Serie von Showrunner Alison Schapker dabei einige Fragen auf. In seiner ganzen Ästhetik schließt Dune: Prophecy direkt an die Kinofilme an. Doch im Grunde ist das absurd, weil es suggeriert, in den zehn Jahrtausenden zwischen beiden Erzählungen hätten keine Veränderungen hinsichtlich Mode oder Architektur noch irgendeinen technischen Fortschritt stattgefunden. Alles bleibt hier beim Alten: die Grundkonflikte, das Streben nach Macht, der Abbau von Spice auf einem unwirtlichen Wüstenplaneten, die Sandwürmer und selbst die Namen der bestimmenden Adelsfamilien (wenngleich das Haus Atreides hier noch ganz am Anfang steht). Daraus folgt eine inhaltlich-visuelle Statik, die die Serie zwangsläufig unter Druck setzt, weil sich automatisch der Vergleich mit den Villeneuve-Filmen aufdrängt. Ein bisschen unfair ist das natürlich schon: Das Budget ist zwangsläufig kleiner; es gibt keine berühmte literarische Vorlage und es steht kein gefeierter Regisseur an der Spitze. Insofern ist es natürlich unrealistisch, dass Dune: Prophecy auch nur im Ansatz mit dem großen Kinovorbild mithalten kann. Wer in die Serie einsteigt, muss sich deshalb erst einmal damit abfinden, dass es in praktisch jeder Hinsicht eine Stufe moderater zugeht. Doch nach der ersten Folge, wenn die Inszenierung – freilich etwas umständlich – den zentralen Konflikt etabliert hat, erzeugt das Intrigenspiel durchaus Spannung – vorausgesetzt als Zuschauer gelingt es, die eigenen Erwartungen herunterzuschrauben.
Die sechs Folgen der ersten Staffel orientieren sich letztendlich in der Struktur an anderen HBO-Serienhits im Stil von Game of Thrones. Zweifellos eine gute Referenz. Im Fall von Dune: Prophecy wird daraus aber eine zwiespältige Angelegenheit. Denn natürlich sieht man eine solche Welt undurchsichtiger Intrigen nicht zum ersten Mal. Das düstere, fast nihilistisch anmutende Science-Fiction-Universum birgt zwar wie im Kino eine exotische Faszinationskraft, die durchaus eine gewisse Sogwirkung besitzt. Doch die überwiegend in farbentsättigtem Grau und Schwarz schwelgenden Bilderwelten wirken bisweilen reichlich kühl und spröde. Oder anders gesagt: Warum sollte man eigentlich um die Zukunft einer solchen Welt bangen, wenn sie derart wenig lebenswert erscheint und fast alle Figuren moralisch fragwürdig handeln? Dies gilt insbesondere weil – so viel wissen wir bereits aus den Büchern und den Kinofilmen – selbst 10.000 Jahre später keine Besserung in Sicht sein wird. Auf diese Grundsatzfrage weiß die Serie keine echte Antwort zu geben. Etwas holprig steuert die Handlung deshalb auf ihr Finale zu. Erst die letzte, abendfüllende, Episode schafft es, das vorher angedeutete Potenzial erstmals auszuschöpfen. Plötzlich kommt alles zusammen. Die Tragik ganzer Lebenslinien, die Folgen der Korruption durch die Macht werden in ihrem ganzen Ausmaß sichtbar. Das berührt und reißt dank der ein oder andere clevere Wendung mit. Wenn dann die letzte Kamera-Einstellung auf den Wüstenplaneten Arrakis blickt, ist sogar die Lust auf die nächste Staffel geweckt – und wie einst bei Game of Thrones freut man sich auf die unweigerliche Fortsetzung.
Dass die Serie in Teilen funktioniert und in anderen nicht, liegt auch an der Filmmusik von Volker Bertelmann. Beim Deutschen könnte man derzeit den Eindruck gewinnen, dass er nach seinem Oscar-Triumph mit Im Westen nichts Neues viel zu viele Projekte annimmt. Seine Komposition zu Dune: Prophecy versucht sich an ganz ähnlichen Klangwelten, wie sie Hans Zimmer schuf. Doch ob nun aus Zeit- oder Budgetgründen: ein vergleichbarer Aufwand wurde hier nicht betrieben. Das Schillernde und die Intensität von Zimmers Ansatz erreicht Bertelmanns Musik nicht. Sie hält sich stattdessen über weite Strecken atmosphärisch im Hintergrund, arbeitet mehr mit Klangtexturen als mit musikalischer Narration. Der markanteste Einfall seiner Komposition ist zunächst das abgründige Vorspann-Thema, eine mysteriöse aus zwei Tönen bestehende Melodie, die verschiedene Klangschichten fusioniert. Soundeffekte, Vokalise und Trommeln türmen sich hier zu einem faszinierenden Klangebilde auf, das nie ganz greifbar erscheint und dennoch eine gewisse Sogwirkung entfaltet. Zwei weitere markante Themen treten leider nur vereinzelt in Erscheinung: Zum einen das vorwärtsdrängende Thema für die Aufopferung im Sinne der Schwesternschaft in Obligated to Follow, zum anderen das Thema für den Imperator (zum ersten Mal in Your Majesty zu hören). Doch abseits dieser raren melodischen Akzente gibt es nur wenige Highlights. Der Score schwebt wie die unheilschwangeren Wolken über Salusa Secundus, dem Planeten des Imperiums, schwelt in brodelnden Klangschichten, aus denen sich hier und da ein Cello-, Kontrabass- oder Geigenmotiv herausschält, wie das verzerrt-dissonante Leitthema für Desmond Hart. Elektronische Beats und Trommeln ziehen mitunter das Tempo moderat an und der ätherische Gesang der Sängerin Josephine Stevenson hallt dazu, das Schicksal beschwörend, durch die Zeit.
Bertelmann setzt, das ist man von ihm gewohnt, auf viel experimentelle Klangtüftelei, um einen effektvollen Klangraum für das Dune-Universum zu erschaffen: vom präparierten Klavier über elektronisch verfremdete Klänge bis zu einem Rankett, einem Holzblasinstrument aus der Renaissance, mit seinem kehligen Spiel. In einer Szene kommt auch das Balisett, ein von Frank Herbert erdachtes fiktives Saiteninstrument, zum Einsatz. Doch derartige feinsinnige Details, die es immer wieder gibt, gehen im düsteren Sound-Design ziemlich unter. Erstaunlicherweise fehlt – anders als bei Hans Zimmers Musiken für die Villeneuve-Filme – eine klar stilistische Trennung in der Charakterisierung der verschiedenen Häuser. Das mag angesichts weniger echte Sympathiefiguren angemessen sein. Man könnte etwa unken, dass hier alle Parteien in ihrem rücksichtslosen Streben nach Macht ohnehin vereint sind und deshalb keiner Unterscheidung bedürfen. Doch dieser Ansatz führt auf der Tonspur über üppige 130 Minuten Spielzeit zu einer Gleichförmigkeit, die selbst im Kontext der Serie ermüdet (für eine kurze Playlist mit einigen der besten Momente, s.u.). Bertelmann durchbricht die düstere Grundstimmung zu keinem Zeitpunkt – was bei so vielen unterkühlten und metallisch-klirrenden Sounds vor allem in musikalisch schwermütiger Kost mündet. Allerdings gibt die Vorlage auch gar nicht viel anderes her. Wenn man so will, geht die Tristesse von Inszenierung und Musik sogar Hand in Hand. Der Grat zwischen der Faszinationskraft dunkler Mysterien und einem prätentiösem Ränkespiel, das Tiefe vortäuscht, wo streng genommen eigentlich nur wenig Substanz ist, erweist sich doch als ziemlich schmal. Letztlich schlägt das Pendel aber nicht eindeutig zu einer Seite aus. Serie und Musik tragen von beidem etwas in sich. Wenn man bereit ist, sich auf die eigentümliche Serienwelt einzulassen, funktioniert Dune: Prophecy deshalb am Ende trotz aller Probleme doch viel besser als man anfangs erwarten würde. Und das gilt auch für die Musik: Nach der ersten Staffel hat man sogar die ein oder andere Melodie von Volker Bertelmann in den Ohren.
Empfohlene Playlist:
1. Main Title / 3. Sisterhood Choir Ritual / 6. The Lie / 9. Your Majesty / 10. Chamber Baliset 10/ 31. Entering Landsraad / 22. The Atreides Clan / 25. Obligated to Follow / 26. Initiating Protocol / 50. The Emperor / 54. Arrest Her / 55. Arrakis / 3. The Hidden Hand / 12. End Credits






