Mrs. Winterbourne, Patrick Doyle: „Der Charme der 90er“

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Die 90er – das wird gerne vergessen – das war die Zeit von Meg Ryan und der pastellfarbenen Liebeskomödien, die in jenen Jahren aus den Kinoprogrammen kaum wegzudenken waren. Vor allem der Riesenerfolg von Pretty Woman und Schlaflos in Seattle zog damals unzählige Varianten von „boy meets girl“-Geschichten nach sich. Einer der vielen Filme im Fahrwasser der großen Publikumshits war Mrs. Winterbourne von 1996, ein ziemlicher Flop, der seitdem längst in Vergessenheit geraten ist. Die Komödie erzählt eine Art Variation der Geschichte vom hässlichen Entlein: Im Mittelpunkt steht die hochschwangere Connie Doyle, die, vom Kindesvater sitzen gelassen wird und schließlich auf der Straße landet. Doch sie hat Glück im Unglück. Durch abenteuerliche Umstände hält man sie nach einem Zugunfall für die Verlobte des tödlich verunglückten Mr. Winterbourne aus reichem Hause. Auf dem vornehmen Anwesen der Familie wird sie von der „Schwiegermutter“ (Shirley MacLaine) so herzlich aufgenommen, dass sie es nicht übers Herz bringt, ihre wahre Identität zu beichten. Stattdessen verliebt sie sich in den Zwillingsbruder (Brendon Fraser in einer Prä-„Mumien“-Rolle) des Verstorbenen und verstrickt sich immer weiter in die Scharade um die angehende Mrs. Winterbourne.

Auch wenn sich das wie eine Mischung aus Pretty Woman und Während Du schliefst anhört, ist der Plot in Wahrheit viel älter. Das Drehbuch basiert nämlich auf dem Roman „I married a Dead Man“ von 1948, der zwei Jahre später zum ersten Mal mit Barbara Stanwyck unter dem Titel No man of her own als Film Noir adaptiert wurde. Die Noir-Elemente – gegen Ende wird ein unliebsamer Zeitgenosse beseitigt – bleiben auch in der Version von 1996 erhalten, werden hier aber zugunsten der zentralen Romanze und der komödiantischen Elemente deutlich abgeschwächt. Ohnehin inszeniert Richard Benjamin für einen Plot, in dem es um einen kaltblütigen Mord und derart viele abgezockte Lügen geht, erstaunlich betulich. Diese angezogene Handbremse, die weder überzogene Melodramatik noch komödiantische Turbulenzen zulässt, mag ein Grund für den kommerziellen Misserfolg des Filmes gewesen sein. Entscheidender ist aber wohl, dass es in kurzer Zeit viel zu viele Komödien ähnlicher Bauart gab und Mrs. Winterbourne weder zündende Ideen noch einen zugkräftigen Star wie Meg Ryan oder Julia Roberts vorzuweisen hatte.

Auch mit dem Abstand von einem knappen Vierteljahrhundert offenbaren sich Schwächen. Die Geschichte wirkt konstruiert, in der Figurenzeichnung stereotyp und mit dem halbgaren Krimiplot unnötig überfrachtet. Eine kleine Ehrenrettung ist dennoch möglich: Retrospektiv gesehen erweist es sich nämlich als angenehm, dass die Inszenierung weder in albernen Klamauk verfällt noch die zentralen Konflikte zu sehr auf die Spitze treibt. Ricki Lake, die später als Talkshow-Moderatorin Karriere machte, spielt die Rolle der Connie mit einer erfrischenenden Schnoddrigkeit, die Spaß macht. Und auch die Chemie zwischen ihr und der filmischen „Schwieger-Mama“ Shirley MacLaine stimmt, die staubtrockenen Bonmots zwischen den Beiden sitzen. Inhaltlich gibt es aber noch etwas anderes, was für den Film einnimmt: In dieser Romanze stößt jede noch so abgebrühte Lüge auf viel Verständnis. Das ist zwar realitätsfern, aber gleichzeitig ein wohltuendes Gegengewicht zu den viralen Shitstorms unserer Tage.

Sehr viel zum Wohlfühl-Charme des Filmes trägt auch die leichtgewichtige Filmmusik von Patrick Doyle bei. Gleich in den ersten Takten verbreitet sie in Form einer kleinen Ouvertüre im popsinfonischen Gewand einen unverwüstlichen Optimismus, der geradezu ansteckend ist. Das erzeugt nicht nur eine behagliche Grundstimmung, sondern ist zugleich auch eine treffende Charakterisierung für die naiv-liebenswerte Frohnatur Connie. Einmal mehr kleidet Patrick Doyle die Handlung mit warmer Streichemelodik in einen unverhohlenen Romantizismus, der charakteristisch für viele seiner Musiken aus dieser Zeit ist. Damit knüpft er stilistisch direkt an Viel Lärm um Nichts (1993) und Sinn & Sinnlichkeit (1995) an, wenngleich eingesprengte Jazznummern und Pop-Elemente die Musik eindeutig in der Gegenwart verorten. Doch die Vertonung verliert sich zu keinem Zeitpunkt – wie so viele Komödien damals und auch noch heute – in gesichtslosem Mickey Mousing. Im Gegenteil, es überrascht, wie charismatisch Patrick Doyle diese Fussnote von Film vertont hat. Das erinnert ein bisschen an das Spätwerk von Georges Delerue, der ebenfalls viele zweitklassige Hollywood-Komödien mit bemerkenswert integrer Filmmusik ausgestattet hat.

Natürlich steht Mrs. Winterbourne filmisch wie musikalisch im Schatten stärkerer Werke. Die allgemeine Nichtbeachtung hat die Komödie dennoch nicht verdient. Da gibt es wahrlich ganz andere Komödien aus den 90er, die dieses Schicksal eher verdient hätten. Mrs. Winterbourne ist zwar kein besonders guter Film, aber charmant genug, um einen verregneten Sonntagnachmittag angenehm mit Zuckerguß zu versüßen. Ähnliches gilt auch für die Arbeit von Patrick Doyle. Sie ist sicher nicht der ganz große Wurf in der Karriere des Komponisten. Wer aber den „frühen Patrick Doyle“ mag, der solte diese kleinen aber feinen Filmmusik durchaus eine Chance geben.

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