Kingdom Come – Deliverance II – Jan Valta & Adam Sponka: “Ein Königreich der Themen”

Die Zeiten der großen epischen Filmmusiken – das ist kein großes Geheimnis – sind lange vorüber. Kompositionen wie sie Miklós Rózsa, Alex North und Elmer Bernstein in den 60er Jahren für Historien- und Bibelfilme schufen, so heißt es oft, passen im Grunde nicht mehr zur modernen Schnitttechnik von Filmen. Zugleich setzen viele Produktionen entweder darauf, musikalische Überwältigungsstrategien zu vermeiden oder sie wollen explizit einen solchen Bombast-Sound, der dann aber von einem jungen Publikum goutierbar sein und sich an dessen aktuellen Hörgewohnheiten orientieren soll. Ob diese Einschätzung aber wirklich pauschal gilt, ist diskutabel. Zumindest beweist der Erfolg der Videospiel-Vertonung von Jan Valta & Adam Sponka zu Kingdom Come – Deliverance II, dass sich mit traditioneller Orchestermusik durchaus neue Zuhörer-Schichten erschließen und begeistern lassen. So sehr, dass Valta seine Kompositionen mittlerweile “Live in Concert” in ausverkauften Sälen präsentieren durfte, wie zuletzt im Februar 2026 in der Frankfurter Jahrhunderthalle geschehen.

Doch was ist das für ein Spiel und was ist das für eine Musik, die zahlreiche Gamer dermaßen begeistern, dass sie von der Konsole weg in die Konzertstätten pilgern? Kingdom Come II zählt zu der Kategorie der Open-World-Rollenspiele, in dem der Held, Heinrich von Skalitz, aus der Egoperspektive gesteuert wird. Wir befinden uns in Mittelböhmen (das heutige Tschechien) im frühen 15. Jahrhundert. In den Wirren des Bürgerkriegs bekommt es der Protagonist mit „Sigismund den roten Fuchs“ (den es wirklich gab) und dessen Verbündeten zu tun. Zum besonderen Charakter des Gameplays zählt die “Lebenssimulation”, d.h. der Protagonist benötigt bei seinen Abenteuern regelmäßig Schlaf und Nahrung, muss alle seine Fähigkeiten mühsam erlernen. Ein origineller Kniff. Und die Rechnung der Macher ging auf. Das Spiel erhielt überwiegend positive Kritiken und verkaufte sich innerhalb von 12 Monaten über fünf Millionen Mal.

Einen beträchtlichen Anteil daran, dass Kingdom Come II von so vielen Menschen als authentisch wahrgenommen wird, hat die Filmmusik des tschechischen Komponisten Jan Valta, die in Zusammenarbeit mit Adam Sponka (Autor des Buches “Music Design for Game Development Studios”) entstanden ist. Während Valta für die orchestralen Anteil zuständig war, steuert Sponka hauptsächlich mittelalterliche Folklore bei. Über 10 Stunden an Musik haben beide in 4 Jahren Produktionszeit für Kingdom Come Deliverance II komponiert – ein absolutes Mammutprojekt. Auf Vinyl und als Download liegen davon rund 82 Minuten als “Soundtrack Essentials” vor. Und dieses Kondensat ist eine große Überraschung, zählt zu den unterhaltsamsten Alben des Jahrgangs 2025. Gleich das schöne Saint Barbara Theme setzt mit sakralem Chor (als Bezugspunkt könnte man in diesen wie auch manch anderen Stücken Wojciech Kilars König der letzten Tage nennen) eine feierliche Grundstimmung. Der Chor ist in einem Großteil der Komposition präsent. Zweite große Inspirationsquelle, die Valta in Interviews auch so bestätigt hat, ist die Filmmusik von John Williams, an dessen Indiana Jones Kingdom Come II vor allem in den Action- und Suspense-Passagen erinnert. Doch erfreulicherweise gehen diese Einflüsse nie so weit, dass Valtas und Sponkas Musik ihre Eigenständigkeit verlöre.

Immer wieder scheinen die Mittelaltereinflüsse durch. Bei Valta in Stücken wie dem Semine Theme, Bustling Streets oder Kuttenberg Market, in denen z.B. das reizvolle Spiel von Schalmei und Altblockflöte viel zum stimmigen Flair beitragen. Sponkas Musik ist vorwiegend zu hören, wenn Szenen in Kneipen, auf Märkten oder bei Festen spielen. Dies sind dann pure “Mittelalter-Source-Stücke” wie Fistcuffs oder das romantische Gitarrenstück Giardini Estivi. Jedes einzelne Piece bietet eine andere Melodie und fast jede ist eingängig: Toll etwa der Flötentanz in The Hole in the Wall oder das fröhliche Chor- und Trinklied Burgher Commoner and Lord. Zu den besonderen Highlights von Valtas Komposition gehören dagegen die lyrischen Oasen: In Pastoral verströmen Streicher und Flöten eine Lyrizismus, der an John Barry erinnert. In Nocturnes erzeugen Celesta, Streicher und wortloser Chor eine träumerische, vielleicht etwas trügerische Nachstimmung. Wunderbar auch Soldiers’ Camp, mit seinem eingängigen Tabor-Rhythmus, der an Ravels Bolero erinnert. Im Kontrast dazu stehen die Church Affairs und Latin Lesson – fröhlich-spöttische Scherzi – spritzig orchestriert und raffiniert durch die Orchestergruppen wandernd. In Agnus Dei und Lacrimosa knüpft die Musik mit voller Ernsthaftigkeit an die Tradition des Kirchenoratoriums an. Und im Kuttenberg Theme blüht die Mittelalterstadt gleichen Namens mit Chor und Trompetenfanfaren zu prachtvollem Glanz auf. In Kingdom Come II jagt ein musikalisches Highlight das Nächste bis schließlich Fond Farewell + Father and Son den bunten Reigen mit Trompeten, Chor und Streicher triumphal beschließt.

Bei allen Qualitäten der Filmmusik gibt es allerdings auch kleine Schwächen, die aber in der Natur der Vorlage begründet liegen: Die Handlung des Spiels ist direkt abhängig von den Entscheidungen, die der Spieler tritt, und damit verändert sich unmittelbar, welche Musik zu hören ist. Für den kompletten Entscheidungsbaum stehen deshalb knapp 400 Einzelkompositionen von im Schnitt 2-3 Minuten Länge zur Verfügung. Die Präsentation der Highlights folgt entsprechend zwangsläufig keiner linearen Dramaturgie. Dies hat zur Folge, dass die thematische Entwicklung und die Variation von Motiven bisweilen etwas auf der Strecke bleiben. Mitunter würde man sich wünschen, dass eine Idee auch mal etwas länger durchgeführt würde. Da erweist sich der Rahmen des Spiels leider als limitierender Faktor. Der Tonfall bleibt trotzdem überraschend konsistent; allerdings stehen Themen und stilistische Einzelelemente oft mehr nebeneinander als, dass sie kunstvoll miteinander verzahnt werden. Dem Hörspaß tut das freilich keinen Abbruch, weil der Fluss pfiffiger Orchesterminiaturen und Mittelalterstücke kaum einmal nennenswert abreißt. Zweiter Wermutstropfen ist die – im Gegensatz zum großen Chor – eher kleine orchestrale Besetzung, die dazu führt, dass Fanfaren und Märsche nicht immer so kraftvoll klingen, wie man es von den großen Hollywood-Vorbildern gewohnt ist.

Trotz dieser Einschränkungen ist Kingdom Come Deliverance II ein weiterer Beleg dafür, welche bemerkenswerten Kompositionen jedes Jahr im Videospielsektor geschaffen werden. Besonders interessant ist dabei, wie viele Vertonungen sich kreative Freiheiten nehmen, die im Hollywood-Mainstream inzwischen nahezu undenkbar wären. Eine Mittelalter-Filmmusik ohne elektronische Elemente würde vermutlich heutzutage bei keinem der großen Studios so schnell grünes Licht bekommen. Im Gegensatz dazu ist die Gamer-Szene zweifellos eine ganz andere Klientel, mit speziellen Vorlieben und eigener Sensibilität, die sich von einem durchschnittlichen Kinopublikum deutlich unterscheidet. Das erlaubt – wie hier – den erstaunlichen Rückbezug auf filmmusikalische Traditionen, die im Kino ansonsten kaum noch stattfinden. Insofern ist es schön zu sehen, dass der Mut von Warhorse Studios, die das Spiel herausgebracht haben, belohnt wurde. Und es würde kaum verwundern, wenn Jan Valta demnächst auch der Sprung auf die große Leinwand gelänge. Wäre auch nicht das erste Game, dass fürs Kino oder als Serie adaptiert wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.