Berlinale 2026 (3): Auf den Dächern Kairos und Haariges aus Indonesien

Bei der Preisverleihung am Samstag wurde İlker Çataks Gelbe Briefe (Deutscher Kinostart im März) mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Der Silberne Bär ging an das eindringliche türkische Drama Kurtuluş – Salvation. Überschattet wurde das Festival allerdings in den letzten Tagen durch die Diskussion um seine politische Haltung. Kritisiert wurde, dass es sich selbst als politisches Festival bezeichne, aber zu Israels Bombardements in Gaza stumm bliebe. In einem offenen Brief wandten sich 81 Filmschaffende (u.a. Tilda Swinton) an die Festivalleitung und forderten eine klare Positionierung. Zugleich wurde Hollywood-Schauspieler Channing Tatum auf einer Pressekonferenz zu seiner Meinung bezüglich des Themas befragt. Absurder Höhepunkt war die Auszeichnung von Chronicles from the Siege, bei der Regisseur Abdallah Alkhatib die Bundesregierung als “Partner des Völkermordes in Gaza” bezeichnete und indirekt drohte: “Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war.” Die Festivalleitung und der Jury-Präsident taten angesichts dieses Versuchs der politischen Vereinnahmung das einzig Richtige: Sie ließen sich nicht zu Lippenbekenntnissen hinreißen und hielten sich mit lauten Statements zurück. Ganz vermeiden konnte Festivalleiterin Tricia Tuttle einen Flurschaden dann aber doch nicht, als sie sich für das obligatorische Foto zusammen mit der Crew um Alkhatib, die mit Palästina-Flagge und Pali-Tüchern auf die Bühne trat, ablichten ließ. Angesichts dieses Eklats muss man sich allerdings vor Augen führen, wie selektiv und einseitig diese unwürdige Diskussion geführt wurde. Kein Wort zum Terror der Hamas, genauso wenig wie zum repressiven Mullah-Regime im Iran oder zu anderen weniger im Blickpunkt stehenden Konflikten rund um den Globus. Der willkürliche Fokus auf Israel und Gaza verdeutlicht, wie absurd und toxisch die Forderung zur Stellungnahme tatsächlich ist. Auch wenn nahezu jeder Film politisch ist und deshalb zwangsläufig auch jedes Filmfestival, sind Leitung und Jury deshalb gut beraten, sich um Neutralität zu bemühen und im Rahmen der Berlinale Filmen einen Raum zu bieten, in dem auch unterschiedliche Meinungen und Haltungen nebeneinanderstehen können. Das eigentlich Ärgerliche am vermeintlichen Skandal besteht nämlich darin, dass er droht, die Diskussionen um Filme in den Hintergrund zu drängen, um politischem Aktivismus die Bühne zu geben. Als würde eine offizielle Parteinahme auch nur irgendetwas am unerträglichen Leid der Opfer auf beiden Seiten ändern. Umso wichtiger, sich im Folgenden ganz auf das (durchaus politische) Kino zu konzentrieren.

Safe Exit

Ein besonders eindringlicher Festivalfilm kommt mit Safe Exit aus Ägypten: Er beginnt mit einer zunächst öden Nachtschicht in einem Hochhaus irgendwo in Downtown Kairo: Der 23-jährige Samaan überwacht den Eingang, obwohl es im Grunde gar nicht viel zu überwachen gibt. Die gähnende Langeweile wird unterbrochen, als plötzlich Polizeifahrzeuge vorfahren. Samaan löst einen stillen Alarm aus, der dazu führt, dass ein vom Geheimdienst gesuchter Muslim gewarnt wird und dieser sich auf dem Dach in einem Wassertank vor dem behördlichen Zugriff verstecken kann. Dass Samaan ihm hilft, erscheint erstaunlich. Denn als koptischer Christ, dessen Eltern in Libyen vom Islamischen Staat hingerichtet wurden, als er noch ein Kind war, müsste er den mutmaßlichen Terroristen eigentlich hassen. Doch man hält zusammen. Wie bei so vielen Menschen seiner Generation, gibt es im Leben des etwas steif wirkenden Security-Mitarbeiters kein Vor und kein Zurück. Frustriert vom Scheitern des arabischen Frühlings und angesichts eines repressiven Militärstaats, steckt er in einem freudlosen Job fest, der ihm keinerlei Perspektive bietet. Ein zarter Lichtstrahl ergibt sich erst, als die selbstbewusste Fatimah (Noha Foad) in sein Leben tritt. Sie ist mittellos und sucht, geplagt von epileptischen Anfällen, dringend einen Arzt, der für die Behandlung kein Geld verlangt. Um sich die Fahrtkosten nach Hause zu sparen, zieht sie in einer kleinen Wohnung auf dem Dach des Hauses ein, wo auch Samaan ein karges Domizil besitzt. Beide kommen sich näher, doch für allzu große Hoffnung ist in der gegenwärtigen ägyptischen Gesellschaft kein Platz. Irgendwo angesiedelt zwischen Thriller und Drama erzählt der ägyptische Regisseur Mohammed Hammad in Safe Exit eindrucksvoll und anrührend von einer desillusionierten Generation in einem stagnierenden Land. Sein Film zeigt gleichermaßen, was es bedeutet, als mittellose Frau in einer patriarchalen Gesellschaft zu leben, in der ausschließlich Männer bestimmen. Das Politische drängt sich hier unmittelbar in Private, lässt sich weder ausblenden noch wegschieben und zerstört letztendlich viele Existenzen.

Iván und und Hadoum: Silver Chicón und Herminia Loh

Gegenüber diesem starken Beitrag in der “Sektion Panorama” fällt das spanische Drama Iván & Hadoum leicht ab. Erzählt wird darin die Liebesgeschichte zwischen dem Transmann Iván, dessen Familie seit Generationen in der Landwirtschaft tätig ist, und der marokkanischen Saisonarbeiterin Hadoum. Beide treffen in einer Gewächshausanlage in Almería, im Süden Spaniens, aufeinander. Während er auf den Managerposten im Warenlager hofft, weil seine Familie mit der des Chefs befreundet ist, beginnt Hadoum, sich gewerkschaftlich zu engagieren. Als beide ihre Beziehung nicht länger geheimhalten können, stoßen sie auf Unverständnis und Feindseligkeit. Iván muss sich zwischen Karriere und der Liebe der ersten Frau, die ihn so akzeptiert, wie er ist, entscheiden. Natürlich schwingt in diesem Plot ein Hauch Romeo & Julia mit. Der spanische Regisseur Ian de la Rosa porträtiert mit ungeschminktem Realismus die harte Arbeitsrealität der Gemüse-Packer im Lager und lässt durch die Liebe zwischen Iván und Hadoum einen Schimmer Hoffnung in dieses triste Setting scheinen. Allein: Man hat diese Form des Sozialdramas doch inzwischen ein paar Mal zu häufig auf der Leinwand gesehen (zuletzt etwa bei In den Gängen oder dem Musical Chuck Chuck Baby). Etwas plump stehen sich hier böse Unternehmer und gute Arbeiter gegenüber, und etwas naiv erscheint das Happy End, bei dem beide alle Zelte abbrechen und einfach zusammen davondüsen.

Monster Pabrik Rambut – Sleep no more

Wie man schlimme Arbeitsbedingungen kreativer und origineller bloßstellen kann, zeigt der indonesische Horrorfilm Monster Pabrik Rambut – Sleep no more, der bei aller Bissigkeit zudem auch noch viel mehr Spaß bereitet. Zumindest ist das Ganze eine ziemlich haarige Angelegenheit, denn der Film handelt von einer bizarren Haarfabrik, in der die seltsame Chefin ihre Mitarbeiter durch schmeichelnde Worte und durch Zusatzanreize immer wieder dazu ermuntert, doch Extraschichten einzulegen. Doch irgendetwas stimmt nicht in dem heruntergekommenen Werk, Selbstmorde häufen sich. Zwei Schwestern heuern im Werk an, um herauszufinden, wie die eigene Mutter ums Leben kam. Von da an geraten sie in einen Strudel aus abstrusen, bisweilen surrealen Ereignissen. Dabei entwickelt sich Monster Pabrik Rambut zu einer wilden Mischung aus Body-Horror und “Haunted House”-Geschichte. Überall liegen Körperteile herum. Der kleine Bruder der Schwestern ist ein deformierter Aussätziger, dem abgetrennte Gliedmaßen unter quälenden Schmerzen nachwachsen und ihn dabei nur noch mehr entstellen. Ihr eigenes Leben entstellen auch die Arbeiter, wenn sie bis zum Umfallen arbeiten, sogar auf Schlaf verzichten – in den Diensten eines fragwürdigen Unternehmens. So ist Monster Pabrik Rambut mit seinen handgefertigten Trickeffekten ein absurder Trip – eklig, schwarzhumorig und liebevoll getrickst. Das ist für Genrefans überaus unterhaltsam, aber fraglos nicht jedermanns Sache.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.