In der Karriere ambitionierter Regisseure gibt es häufig den einen Film, der auf einen großen kommerziellen Erfolg anschließt, in dem die Finanzierung keine Rolle spielt und auch Ideen durchgewinkt werden, die ansonsten skeptisch hinterfragt worden wären. Damien Chazelles Babylon ist dafür ein Paradebeispiel. Über drei Stunden lang porträtiert der La-La-Land-Macher hier die goldene Ära des US-amerikanischen Stummfilms, skizziert den Übergang zum Tonfilm, der das Kino für immer verändern sollte. Doch die wesentliche Triebfeder der Handlung ist das “Sünden-Babylon” der 20er-Jahre: In der ersten halben Stunde inszeniert Chazelle eine rauschhafte Party der Stars und Sternchen. Wie entfesselt fährt die Kamera durch das Anwesen eines Produzenten, zeigt die feiernde Menge in einem maßlosen Exzess aus Drogen, Sex und Tanz. In der losen Erzählung schälen sich drei Figuren heraus: der eitle Filmstar Jack Conrad (Brad Pitt), der lateinamerikanische Manny (Diego Calva) – Mädchen für alles im Hintergrund der ausufernden Feier – und das aufstrebende Starlet Nellie LaRoy (Margot Robbie), die sich heimlich auf die große Party geschmuggelt hat. Manny und Nellie suchen um jeden Preis Zutritt zum Filmbiz, in dem sie ihre große Zukunft wähnen, während der vom Alkohol umnebelte Conrad längst den Zenit seines Ruhms überschritten hat, ohne sich das selbst eingestehen zu können.
Chazelles Film begleitet die drei Hauptfiguren in einem detailverliebten Streifzug durch das frühe Hollywood. Dabei mutet die Inszenierung wie ein überdimensionales Wimmelbild an. Vieles wird dabei parallel erzählt: die wilden Partys, der parallele Dreh mehrerer Stummfilme unter freiem Himmel; der Übergang zum Tonfilm und die ersten hemdsärmlichen Gehversuche mit der neuen Technik; die ersten Musicals entstehen und vermögende Investoren entdecken das Potenzial Hollywoods für sich. Karrieren entstehen und gehen zugrunde. Doch wenngleich sich Babylon reale Figuren und belegte Anekdoten zum Vorbild nimmt, bietet der Film (ähnlich wie David Finchers Mank) kein präzises Abbild dieser Zeit. Vieles ist satirisch überzeichnet: das Chaos beim Stummfilmdreh etwa, bei dem zufällig jemand von einem wahllos durch ein Zelt fliegenden Speer getötet wird. Und wenn ein Orchester eine epische Schlachtszene mit vielen Statisten vor Ort begleitet, dann ist das zwar nicht gänzlich falsch – Ensembles wurden tatsächlich am Set als Stimmungs- und Rhythmusgeber verwendet –, aber die monumentale Musik dazu gerät völlig überdimensioniert. Zugleich ist es natürlich absurd, ein Orchester derart eng ans Getümmel zu platzieren, sodass Kollateralschäden unvermeidbar werden. Doch diese Details, bei denen die historische Realität bewusst zugunsten überdrehter Gags überspitzt wird, haben in Babylon Methode. Besonders auffällig ist, wie abschätzig der Film auf das frühe Hollywood blickt. Die selbstverliebten Filmschaffenden geben sich hier alle ausnahmslos wilden Drogen- und Sex-Exzessen hin. Und bei den gezeigten Film-in-Film-Produktionen handelt es sich um triviale Dutzendware, über die sich aus heutiger Sicht mild lächeln lässt. Dass die 20er- und 30er-Jahre auch viele filmische Meilensteine hervorgebracht haben, zeigt Chazelles Film überhaupt kein Interesse.
Die Lust an der Provokation und den kleinen Tabubrüchen bleibt in Babylon über weite Strecken das alles bestimmende Grundprinzip. Die Aneinanderreihung von vulgären Szenen ist in ihrer Drastik und durch die virtuose Kamera äußerst effektvoll und durchaus unterhaltsam inszeniert. Doch mit zunehmender Laufzeit gerät die Erzählung immer mehr ins Schlingern. Wenn die Inszenierung anfängt, ernsthafte Töne anzuschlagen, funktioniert dies nicht so recht, weil die Figuren vorher als toxische Narzissten überzeichnet wurden, dass man mit ihnen zwar sympathisieren mag, ihr Schicksal aber kaum anrührt. Dies gilt umso mehr, als sich der Film selbst nicht für seine Opfer interessiert. Die junge Frau, die auf der ersten Party im Drogenrausch stirbt, wird sofort dem nächsten Knallbonbon geopfert. Der vom Speer getroffene Statist ist ebenso schnell wieder vergessen, wie der Kameramann, der in seinem Studio-Kabuff den Hitzetod stirbt. Zweifellos enthält der Film einige bemerkenswerte, gut recherchierte Details. Er hält sich nur nie lange mit ihnen auf und jagt sofort dem nächsten absurden Einfall hinterher. In diesem Sinne verwundert es wenig, dass die Konsequenzen des Drogenkonsums ebenso wenig eine Rolle spielen: Margot Robbie sieht auch nach vielen Jahren, abgesehen vom verwaschenen Make-up, kein bisschen gealtert oder verlebt aus. Und Conrad kann selbst volltrunken aus seinem Zelt torkelnd noch präzise eine Kussszene unter Zeitdruck spielen. Da verfällt Damien Chazelle genau der Illusionsmaschinerie Hollywoods, die er eigentlich genüsslich demontiert, und beginnt urplötzlich, die Magie des Kinos zu beschwören. Am Ende soll eine Montage sogar unterstreichen, wie sehr alle nachfolgenden Filmemacher auf der Arbeit der frühen Pioniere aufgebaut haben. Allein: Das dreistündige Kabinett der Absurditäten in Babylon zeigt jenseits der Filmtechnik viel zu wenig von diesem künstlerischen Fundament.
Während Babylon zu Recht von Publikum und Kritik nur sehr verhalten aufgenommen wurde, gab es gleichzeitig viel Lob für die Filmmusik von Justin Hurwitz, die nicht nur für den Oscar nominiert war, sondern auch mit dem Golden Globe ausgezeichnet wurde. Margot Robbie bezeichnete sie in Interviews gar als eine “für die Ewigkeit”. Tatsächlich nehmen die Kompositionen von Hurwitz im Film eine sehr spezielle Rolle ein. Denn er konzentriert sich über weite Strecken ganz auf die Party-Szenen und die diegetische Musik, die im Bild selbst zu sehen ist. Über weite Strecken spielt eine Big Band fulminante Jazzstücke: Die Trompeten kreischen, die Saxofone knarren; es wird in frenetischen Rhythmen getrommelt, manchmal sogar mit Schuhlöffeln. Das ist oft mitreißend wie in „Welcome“, das quasi wie eine Ouvertüre funktioniert. Das eine oder andere Stück wie „Voodoo Mama“ geht in einem dissonanten Tumult auf, wie letztlich auch die Party in einem völligen Chaos endet. Eigentlich war der angesagte Jazz in der Zeit, in der die Handlung spielt, viel zahmer und klang längst nicht so modern. Doch Chazelle und Hurwitz wollten bewusst einen Sound, der den rauschhaften Hedonismus, die wilde Raserei und das aufufernde Chaos auf der Tonebene widerspiegeln sollte. Im scharfen Kontrast zu diesen mitreißenden Schaustücken steht das Thema für Manny und Nellie („Manny and Nellie’s Theme“), eine bittersüße, mit viel Hall versehene Saloonklavier-Melodie, die mitunter auch in die Jazzstücke hineinwandert und etwa von der Trompete übernommen wird. Die musikalischen Stile wechseln in Babylon rasant: In „Orientally Yours“ wird ein verführerischer Tango von asiatischen Erhu-Soli umrahmt. Li Jun Li (die im Film die mysteriöse Lady Fay Zhu spielt) haucht frivol den “skandalösen” Song „My Girl’s Pussy“ ins Mikrofon. Und Champagne kopiert dreist den Beat des Charthits „I follow rivers“ von Lykke Li.
Bemerkenswert ist das nahezu völlige Fehlen einer psychologisierenden oder dramaturgisch agierenden Musik. Stattdessen greift Hurwitz immer wieder auf Fremdzitate oder Stilkopien zurück. Für die oben beschriebene Kusszene verwendet Hurwitz eine Hommage an Richard Wagner („Gold Coast Sunset“); Ravels Boléro begleitet die Party bei den reichen Financiers. Den Morgen nach dem ersten Party-Exzess bestreitet das „Andante con moto“ (der 2. Satz) aus Schuberts Klaviertrio Nr. 2. Und die Massenszene am Stummfilm-Set wird mit Mussorgskys „Nacht auf dem kahlen Berge“ vertont. Auch wenn Hurwitz alle diese “Zitate” in eigenen Arrangements geschickt einbettet, mangelt es diesen Stücken doch an der notwendigen Bindung zur restlichen Musik. Über lange 90 Minuten steht vieles parallel nebeneinander. Das passt zwar zur Kaleidoskop-Struktur des Filmes, der viele verschiedene Schlaglichter wirft. Doch gleichwohl ist es schade, dass Hurwitz hier nicht einmal selbst die orchestralen Muskeln spielen lässt – zumal er offenbar sehr viel Zeit für die Musikentwicklung und das Komponieren hatte. Darin liegt leider sehr viel verschenktes Potenzial, weil so eben auch Verweise auf die großen Pioniere der Filmmusik wie Max Steiner, Alfred Newman oder Franz Waxman in jeder Hinsicht fehlen. In Babylon geht es fast ausschließlich um die Absonderlichkeiten ausschweifender Partynächte und das merkt man dann in letzter Konsequenz auch der Musik an.
Doch was bleibt dann am Ende vom Beitrag von Justin Hurwitz übrig? Ohne Zweifel kann er mit seinen irrwitzigen Jazzstücken, die unmittelbar ins Ohr gehen, punkten. Die Grooves sind mitreißend, die Big Band spielt furios auf. Die Stilvielfalt sorgt zudem für großen Unterhaltungswert, sofern man als Hörer ein Faible für gut gemachten Unterhaltungs-Jazz besitzt. Das Liebesthema prägt sich zudem unmittelbar ein und dürfte Eingang in das einschlägige Repertoire von Hollywood-Standards finden. Eine Filmmusik für die Ewigkeit ist Babylon aber natürlich trotzdem nicht geworden. Dafür mangelt es an Eigenständigkeit und Kohärenz. Gerade die vollständigen 90 Minuten des Soundtrack-Albums besitzen dann doch einige unnötige Redundanzen, die gerade gegen Ende etwas selbstgefällig wirken, weil es abseits leichter Verschiebungen im Arrangement keine echte Entwicklung gibt. Und was die Filmpreise angeht, muss man einmal mehr fragen, ob die Jurys wirklich in der Lage waren, sauber zwischen Originalmusik und präexistierenden Stücken zu trennen. Justin Hurwitz’ Filmmusik ist eine, die ohne Zweifel viel Spaß bereitet, aber gleichzeitig vieles schuldig bleibt. Ein paradoxer Eindruck, den sie aber durchaus mit Chazelles Film teilt.






