Buchtipps Oktober 2026

In tiefster Nacht / Cryptos / Mogador

In Harlan Cobens Thriller In tiefster Nacht erlebt der junge Kierce bei einem Urlaub in Málaga zunächst die Zeit seines Lebens. Er verliebt sich in die bildschöne Anna und verbringt wilde Partynächte mit ihr. Doch eines Morgens folgt der große Schock: Als er erwacht, liegt Anna blutüberströmt neben ihm; in seiner Hand hält er ein Messer. Hals über Kopf fliegt Kierce zurück nach Amerika.

Viele Jahre später gibt er – inzwischen von der Polizei suspendiert – als Privatdetektiv Kriminalistikstunden an einer Abendschule. Bei einem dieser Seminare steht plötzlich eine Frau in der Tür, die Anna zum Verwechseln ähnlich sieht. Als sich ihre Blicke begegnen, verschwindet sie so schnell, wie sie gekommen ist. Aber kann das sein? Lebt die Frau, die er im Drogenrausch getötet zu haben glaubt, möglicherweise doch noch? Kierce macht sich daran, das Geheimnis zu lüften und das Trauma jener verhängnisvollen Nacht zu bewältigen.

Die Prämisse von In tiefster Nacht könnte spannender kaum sein. Und tatsächlich gelingt Coben ein clever konstruierter Thriller-Plot, der für die Leserschaft einige überraschende Wendungen bereithält und dessen Auflösung sich dank vieler falscher Fährten nicht so einfach vorhersehen lässt. Manches ist dabei natürlich arg zugespitzt und erscheint in dieser Verdichtung nicht immer völlig wahrscheinlich. Doch Coben erzählt schlüssig und angenehm unprätentiös. Sympathisch ist auch, dass die Handlung (abgesehen vom Prolog in Spanien) ohne Liebesgeschichte auskommt: Kierce ist glücklich verheiratet und bleibt es bis zum Ende. So ist In tiefster Nacht ein fesselnder, moderner Thriller, der das Rad vielleicht nicht neu erfindet, aber äußerst packende Leseunterhaltung bietet.

In seiner originellen Science-Fiction-Dystopie Ready Player One zeichnete Ernest Cline vor einigen Jahren das düstere Bild einer Menschheit, die sich in virtuelle Spielwelten flüchtet, um sich nicht mehr mit der erschreckenden Lebenswirklichkeit auf einem unwirtlich gewordenen Planeten auseinandersetzen zu müssen. Ursula Poznanski (Die Burg) scheint Clines Buch oder den darauf basierenden Spielberg-Film gewissenhaft studiert zu haben. Denn in ihrem Roman Cryptos liefert sie eine konsequent weitergedachte und aktualisierte Variation des Bestsellers aus den USA.

Hauptfigur ist die Spieldesignerin Jana, die in ihrem ersten großen Job für eine mächtige Techfirma arbeitet. Sie erstellt und betreut virtuelle Themenwelten, in denen die Menschen, in Schlafkapseln liegend, mittlerweile den Großteil ihrer Zeit verbringen, weil der Klimawandel die Erde nahezu unbewohnbar gemacht hat. Eine der von ihr beaufsichtigten Welten ist das idyllische „Kerrybrook“. Doch genau in diesem gewaltfrei konzipierten Szenario passiert das Unvorstellbare: ein Mord. Das dürfte eigentlich gar nicht geschehen. War es ein Programmierfehler? Wurde das System gehackt? In Janas Unternehmen herrscht helle Aufregung. Um herauszufinden, was vorgefallen ist, legt sie sich in ihre eigene VR-Kapsel und versetzt sich nach Kerrybrook. Dort stellt sie fest, dass der Täter ein Phantom ist – ein Avatar ohne Identität. Gleichzeitig begegnen ihr mysteriöse Zeichen: von einem Pfeil durchbohrte Tauben. Zudem steht sie vor einem weiteren Problem: Die Auswahl der Welten, in die sie sich als „Admin“ transferieren kann, wird immer kleiner.

Was bei Ready Player One funktioniert hat, funktioniert auch in Poznanskis Version und erhält durch die Folgen des Klimawandels einen beklemmenden Kontext, über den Clines Bestseller in dieser Konsequenz nicht verfügt. Die Autorin erzählt die Geschichte genauso schnörkellos wie spannend. Es macht Spaß, Jana durch die vielfältigen Themenwelten zu folgen. Geschenkt, dass dies auf Kosten der Charakterzeichnung geht, die eher stereotyp bleibt. Ähnlich wie schon bei Die Burg fehlt zudem ein wirklich schlüssiger wissenschaftlicher Unterbau, der dem Setting mehr Tiefe verleihen würde. Das tritt hier jedoch weniger negativ in Erscheinung, weil das dystopische Zukunftsszenario ohnehin mehr nach spekulativer Science-Fiction klingt als die Amok laufende KI in einem Escape Room, die keineswegs so weit hergeholt wirkt. Natürlich ist der Plot von Cryptos aus den Versatzstücken zahlreicher Vorbilder von Matrix bis zum bereits genannten Ready Player One zusammengeklaubt, was dem Unterhaltungswert des flott wegzulesenden Bestsellers jedoch keinen nennenswerten Abbruch tut.

Ein ganz anderes sprachliches Kaliber schlägt Martin Mosebach in seinem 2019 erschienenen Marokko-Roman Mogador an: Er erzählt vom verheirateten Finanzberater Patrick Elff, der von einem suspekten Kollegen in windige Machenschaften verwickelt wird. Als diese schließlich auffliegen, flieht er nach einem Gespräch im Polizeipräsidium an die Atlantikküste Marokkos nach Essaouira. Dort kommt er bei der schillernden Bordellbesitzerin Khadija und ihrer Sippe unter, die sich von Dschinns und Geistern beflügelt wähnt. Khadija ist vieles in einem: Prostituierte, Geldverleiherin, Vermieterin und vor allem Strippenzieherin im Hintergrund.

Mosebach kontrastiert geschickt die Lebenslinien beider Figuren, deren Welten unterschiedlicher kaum sein könnten, und entwirft so zwei vielschichtige, komplex angelegte Charakterstudien. Immer wenn beide im Fokus stehen, ist die Sprache präzise und der Roman weiß ungemein zu fesseln. Leider bleibt es aber nicht dabei: Mosebach ergeht sich in blumigen, metaphernreichen Einschüben, in denen er die Wellen der Atlantikküste oder die verschiedenen Bettlertypen in der Stadt beschreibt. In diesen Passagen, die wenig zur eigentlichen Handlung beitragen, verliert der Roman leider seine Binnenspannung und lenkt vom Eigentlichen ab.

Unbefriedigend gerät auch das Ende, dessen Auflösung es sich viel zu einfach macht. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass Elffs daheim leidende Ehefrau als viel zu starke Persönlichkeit eingeführt wird, als dass ihr Verhalten zum Schluss wirklich plausibel erschiene. Trotz dieser Schwächen ist Mogador jedoch ein lohnender, sprachlich eindrucksvoller Roman, der gerade wegen seiner bemerkenswerten Hauptfiguren in Erinnerung bleibt.

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