Bad Apples – Chris Roe: “Schuldissonanzen”

In ihrer berühmten Kurzgeschichte Die Omelas den Rücken kehren beschrieb die Autorin Ursula K. Le Guin 1973 ein dystopisches Gesellschaftsszenario mit einem besonderen moralischen Dilemma: Das Glück und Wohlergehen der Bewohner der fiktiven Stadt Omela beruhen darauf, dass es einem Kind, gefangen in einem düsteren Keller, schlecht geht. Während einige wenige Menschen diesen Gedanken nicht aushalten, arrangieren sich die meisten mit dem Status quo. Sie erklären, dass das gefangen gehaltene Kind ohnehin nicht mehr zu retten sei. Eine ganz ähnliche Prämisse, mit etwas veränderten Vorzeichen, spielt Jonatan Etzler in der bitterbösen Satire Bad Apples durch: Im Mittelpunkt steht die junge Lehrerin Maria (Saoirse Ronan), deren Unterricht massiv von einem aggressiven Schüler namens Danny gestört wird. Der verhaltensauffällige Junge verwandelt jede Stunde in der Klasse in einen veritablen Albtraum. Als er eines Tages seine Mitschülerin Paulina von einer Treppe stößt und abends dazu noch auf seine Lehrerin losgeht, bringt dies das Fass zum Überlaufen. Aus einem Impuls heraus sperrt Maria Danny in ihren Keller ein. Von da an herrscht Ruhe; die Stimmung in der Klasse wandelt sich zum Positiven. Plötzlich blüht die zuvor als überfordert geltende Maria auf, wird gar zur Vorzeigelehrkraft der Schule. Alles könnte so schön für sie sein, wäre da nicht der gefangene Junge in ihrem Haus.

Bad Apples pendelt geschickt zwischen Drama und Komödie und fesselt ungemein, weil es der Inszenierung gelingt, ungeachtet ihres verantwortungslosen Handelns, Sympathien für die überforderte Maria zu erwecken. So gerät man als Zuschauer schleichend in ein moralisches Dilemma, das dem der Bewohner Omelas verdächtig ähnelt. Die Filmwelt scheint an der Oberfläche so viel angenehmer, ohne den aggressiven Störenfried. Zu den besonders bissigen Wendungen des Drehbuchs gehört es, dass Maria mit dieser Meinung nicht allein dasteht. Doch wie viel kann ausgeblendet werden, wenn es dem eigenen Seelenfrieden dient – ein Szenario, das durchaus an Jonathan Glazers gespenstisches Holocaust-Drama The Zone of Interest erinnert, in dem der Alltag einer Familie nur eine Mauer vom Tod und unermesslichem Leid entfernt lag. Jonatan Etzler nähert sich dem Thema der Verdrängung in Bad Apples dagegen als ätzende Satire, deren besondere Qualität es ist, auch Nebenfiguren wie Danny oder dessen alleinerziehenden Vater so präzise zu zeichnen, dass zu keinem Zeitpunkt Zweifel daran aufkommen können, was in Wirklichkeit passiert. Die einzige Schwäche des Films, wenn es denn eine gibt, ist das Fehlen einer fulminanten Schlusspointe, die die Handlung noch einmal auf die Spitze treibt. So wirkt das Ende zwar in gewisser Weise naheliegend, aber auch irgendwie antiklimaktisch.

Das besondere Spannungsfeld zwischen heiler Welt und privaten Abgründen, mit dem besonderen Schauplatz Schule als Ausgangspunkt, wird von der Filmmusik von Chris Roe effektvoll gespiegelt. Das erste Instrument, das Kinder im Musikunterricht lernen, ist häufig die Blockflöte. Diesen Gedanken greift der britische Komponist direkt auf: In seiner Musik sind gleich mehrere Flötentypen zu hören, von der Garkleinblockflöte mit ihren schrillen Tönen über die Altquerflöte bis hin zur großen, kastenförmigen Paetzold-Blockflöte, die in tieferen Lagen gespielt wird. Dabei legte Roe wie die Baldenweg-Geschwister in ihrer Filmmusik zu La Cache viel Wert auf die Spieltechnik, sodass die Flöten stellenweise gehetzt oder ungewöhnlich akzentuiert wirken. Das Orchester lässt Roe wie eine Schulkombo auftreten: „Da musste ich sofort an ein Schulorchester denken: ein System mit unglaublich vielen beweglichen Teilen, aber meistens mit viel zu vielen Flöten und ein paar Außenseitern, die den Takt nicht ganz halten können oder ihr Saxofon viel zu laut spielen.“, beschrieb er die Grundidee in einem Interview mit dem Magazin On the Score. Was das bedeutet, zeigt die skurrile “Cider Factory Overture“: Im Film besucht Marias Klasse eine Apfelfabrik. Danny lässt seinen Schuh in die Transportbänder fallen. Entsprechend gestaltet sich die Musik, ein “Marsch der Äpfel”, wie das Stück ursprünglich hieß, mit dissonanten Streichern und knarzigen Saxofonen. Es entwickelt sich ein stampfender Rhythmus; liebliche Flötentöne schrauben sich fast im barocken Sinne in die Höhe, werden von luftigen Streichern begleitet. Doch der schräge Rhythmus gewinnt: Das Stück geht in einem “Chaos” der Instrumente auf. Dannys Schuh bringt die Mechanik zum Stehen, der gemeinsame Schulausflug ist völlig ruiniert.

So präsent wie in diesem Eröffnungsstück agiert Roes Filmmusik in der Folge nicht mehr, wenngleich die Kernelemente – das Spiel der verschiedenen Flöten, die vertrackte Rhythmik und die Dissonanzen unter der lieblichen Oberfläche – durchgehend erhalten bleiben. Für eine Vielzahl verquerer, liebevoll instrumentierter Miniaturen reicht es aber immer noch: Da lässt Roe die Streicher des Chamber Orchestra of London ihre Instrumente auf unterschiedlichste Art malträtieren, um kratzbürstige Sounds zu erzeugen. Die Bassflöte spielt Mandalorian-verdächtig auf, die Flöten jubilieren zusammen mit dem Chor und immer wieder stampft der schwerfällige Rhythmus den Wahnsinn mit groben Schritten voran. Etzler hat Roe bei den Vorgesprächen Stücke von Bartók und Strawinsky vorgespielt. Ein stärker hörbarer Einfluss sind allerdings die Minimalismen eines Philip Glass oder Michael Nyman, insbesondere dessen Arbeiten für Peter Greenaway, die in der Komposition zu Bad Apples anklingen. Doch findet Roe durchaus eine eigene Klangsprache und Tonalität, um sich von den Vorbildern abzusetzen. Das Besondere ist hier, wie hinter den vordergründig freundlichen Klängen – den fröhlich aufspielenden Flöten und den sanften Streicherharmonien – stets Misstöne lauern, die auf das Abgründige hinweisen. Das können Dissonanzen sein, knarrende Klänge oder das Chaos des aus den Fugen geratenen Schulensembles. Erst gegen Ende gibt es keinen Zweifel: In “Let’s consider our Options“ ist jede spöttische Fröhlichkeit entschwunden, die Musik geht in flirrenden Misstönen auf.

Chris Roes Filmmusik gehört damit zweifellos zu den eigenwilligsten und originellsten des Jahres. Allein: Weil Bad Apples kein gehypter Anwärter auf Filmpreise ist, blieb bislang die Mundpropaganda, die für die Musik wirbt, aus. Und das ist gleichzeitig ein anzusprechendes Problem, wenn man bedenkt, wie in den Vorjahren die mehr oder minder experimentellen Arbeiten von Ludwig Göransson, Jerskin Fendrix oder Daniel Blumberg gefeiert wurden, solange nur die jeweiligen Filme eine große Rolle bei den Oscars spielten. Der einzige Vorwurf, den man Roe machen kann, ist der, dass seiner Vertonung wie dem Film ein würdiger Abschluss fehlt – eine formale Klammer als Gegenstück zur Ouvertüre etwa. Ansonsten muss sich Roe mit seiner Arbeit keinesfalls vor den gefeierten Hollywood-Kollegen verstecken. Im Gegenteil: Bad Apples ist bereits jetzt eine der besten Komödienmusiken des Kinojahrgangs 2026 und gewissermaßen ein legitimer Nachfolger von Bugonia aus dem Vorjahr.

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