Bicentennial Man – James Horner: “Menschwerdung in Moll”

Als Der 200-Jahre Mann – Bicentennial Man 1999 in die Kinos kam, steckte die Forschung zu künstlicher Intelligenz noch in den Kinderschuhen. Ein Haushaltsroboter, der bei den täglich anfallenden Arbeiten hilft, war zu diesem Zeitpunkt noch pure Science-Fiction, ein skurriles Gedankenexperiment, fern jeglicher Realität. Und genauso inszenierte Chris Columbus (zwischen Mrs. Doubtfire und Harry Potter) dieses Szenario damals: Der von Robin Williams verkörperte Android Andrew wirkt in seinem Blechkostüm rührend naiv und so gar nicht wie der Inbegriff einer glaubwürdigen Zukunfts-Utopie. Die Handlung, die auf der Kurzgeschichte Der Zweihundertjährige von Isaac Asimov basiert, beginnt im Jahr 2005 damit, dass Richard Martin (der vor Kurzem verstorbene Sam Neill) sich einen Roboter nach Hause bestellt. Seine Frau ist skeptisch, die Kinder sind zunächst erschrocken – aber sie haben keine Wahl. Im konservativen Weltbild des Films bestimmt der Mann, und der verfügt, dass Andrew als vollwertiges Familienmitglied einzieht. Doch Andrew verhält sich anders als baugleiche Roboter, zeigt als einziger Android seiner Baureihe künstlerisches Talent und entwickelt Gefühle. Vor allem die jüngere Tochter, “Little Miss”, baut eine enge Beziehung zu ihm auf. Und dies ist nur der Ausgangspunkt für eine Geschichte, die zweihundert Jahre umfassen wird, in denen der sich stetig weiterentwickelnde Andrew beharrlich seinen größten Traum verfolgt: die eigene Menschwerdung.

So interessant das auch klingt: Bicentennial Man erlitt 1999 kommerziell gesehen eine ziemliche Bruchlandung. Columbus verriet später, dass er sich mit den Science-Fiction-Aspekten der Story übernommen habe und ein anderer Regisseur wohl besser geeignet gewesen wäre. Robin Williams machte dagegen das Studio verantwortlich. Schuld daran, dass die ursprüngliche Vision nicht wie geplant umgesetzt werden konnte, sei die von Disney veranlasste Budgetkürzung um 20 Millionen Dollar gewesen. Beide Äußerungen muten ein wenig kurios an. Natürlich zieht der Film in einem Jahr, in dem parallel die dystopischen Welten von The Matrix und Cronenbergs eXistenZ in die Kinos kamen, zwangsläufig den Kürzeren, was filmische Qualität und philosophische Tiefe angeht. Insbesondere, dass künstliche Intelligenz hier derart verkürzt behandelt wird und das Drehbuch alle von ihr ausgehenden Gefahren ausblendet (wie man es Jahre später etwa auch bei The Creator erlebte), muss man deutlich kritisieren. Andererseits entzieht sich Columbus dieser Kritik, indem er Asimovs Kurzgeschichte als märchenhaftes, sentimentales Melodram anlegt, das eher konservativ denn sonderlich progressiv anmutet. Manchmal wirkt das seltsam altbacken, wenn der Regisseur eine aseptische Zukunftswelt entwirft, in der die wohlhabenden Protagonisten sorgenfrei in pastellfarbenem Luxus leben. Doch wie der Film zugleich universelle Themen wie Vergänglichkeit verhandelt und fragt, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, geht in der zweiten Hälfte bei allem Hang zum Kitsch zu Herzen.

Einen großen Teil dieser Wirkung verdankt Bicentennial Man der Filmmusik von James Horner. Der 2015 verstorbene US-Amerikaner beendete mit dieser Arbeit ein Jahrzehnt, in dem er rund vierzig Kinofilme vertonte, darunter Welterfolge wie Legenden der Leidenschaft, Apollo 13, Braveheart oder Titanic. Es liegt in der Natur der Sache, dass bei einem so umfangreichen Output nicht jedes Werk gleichermaßen inspiriert sein kann und sich zwangsläufig Ähnlichkeiten zwischen einzelnen Kompositionen ergeben. Allerdings nahmen die Selbst- und Fremdzitate in jenen Jahren bei James Horner ein Ausmaß an, das man in dieser Form bei anderen Komponisten vergeblich sucht und das selbstredend Gegenstand vieler kontroverser Debatten war und ist. Bicentennial Man erscheint dafür geradezu exemplarisch. Wohin man in dieser Musik auch hört, ständig begegnen einem Ideen vergangener Tage. Prominent ist zweifellos das Liebesthema aus Braveheart, das hier in leicht veränderter Form wiederauftaucht. Aber im verspielten Klavier mag man an Das Königsspiel – Searching for Bobby Fischer und Die Geschichte vom Spitfire Grill denken. Dazu findet man Spuren von Deep Impact, Titanic sowie Legends of the Fall. Und das dürfte nur die Spitze des Eisbergs sein, so vertraut sind jede harmonische Wendung und jeder Instrumentierungskniff.

Auf Basis dieser dreisten Selbstreferenzialität ließe sich ein harsches Urteil fällen. Doch ganz so leicht sollte man es sich vielleicht nicht machen. Denn betrachtet man die Musik für das, was sie ist, und klammert die schamlosen Eigenzitate einmal aus, funktioniert sie doch erstaunlich gut. Horner wählte für den Film nämlich einen überraschenden Ansatz: Anstatt mit elektronischen Elementen eine Art “Zukunftsmusik” zu entwickeln, konzentriert er sich voll und ganz auf die humanistische Seite der Story, stellt sowohl die Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung Andrews als auch die bittersüße Melancholie angesichts der Vergänglichkeit der Zeit in den Mittelpunkt. Das einzige Stück, das von diesem Ansatz etwas abweicht, ist Horners “Maschinenmusik” über dem Vorspann („The Machine Age“; übrigens die Blaupause für Horners spätere Partitur zu A Beautiful Mind): Nachdem die Hörner (ab Minute 0:12) das Hauptthema vorgestellt haben, übernehmen Klavier, Schlaghölzer und Trompeten und begleiten die industrielle Fertigung des Androiden. Doch danach wechselt Horner sofort in einen intimen, lyrischen Modus über. Bemerkenswert ist dabei, wie „The Magic Spirit“ – wie schon das offensichtliche Vorbild in The Spitfire Grill – einen göttlichen Funken beschwört, den Klavier, synthetischer Chor und Flöten in verträumt-verspielten Klangmalereien evozieren. In die emotionalen Vollen geht Horner dann mit Stücken wie „The Wedding“, das unverhohlen „For the Love of a Princess“ aus Braveheart zitiert. Herzzerreißend elegisch (oder kitschig – je nach individuellem Geschmack) begleitet Horner das Vergehen der Zeit in „The Passage of Time/A Changing of Seasons“ und „The Search for Another“, denen stets etwas Melancholisch-Abgründiges innewohnt. Diese Stücke funktionieren aus heutiger Sicht vielleicht sogar besser als zum Kinostart, weil ihnen der viel zu frühe Tod von Robin Williams und James Horner einen erweiterten Bedeutungshorizont verliehen hat. Ein wenig wehmütig denkt man da an die Zeiten in Hollywood zurück, in denen Filmmusik in einer großen Mainstream-Produktion noch derart ungeniert in orchestralen Gefühlswelten baden durfte.

Gerade in der zweiten Hälfte fließt Horners Komposition mit ihrem vollen Streichersound, lyrisch umspielt von Holzbläsern, Harfe und Klavier, mit einer zeitlosen Eleganz dahin und transzendiert alle kritischen Einwände. Allein Céline Dions schmachtender Schlusssong „Then you look at me“ holt den Hörer unsanft wieder auf den Boden der Realität zurück und erinnert an das kommerzielle Kalkül, das in diesem Projekt zweifellos ebenfalls steckt. So bleibt Horners Bicentennial Man bei allen Hörqualitäten natürlich trotzdem äußerst ambivalent. Doch wenn man es schafft, sich auf die Musik einzulassen und die manieristischen Selbstzitate auszublenden, dann entwickelt sie einen überraschenden Sog, dem man sich als Hörer plötzlich kaum noch entziehen kann. Eine solche Wirkung erzielt Horner sonst eigentlich nur in seinen besten Werken, zu denen dieses eindeutig nicht gehört. Weder der Film noch seine Musik müssen in der Rückschau gänzlich neu bewertet werden. Die zeitgenössischen Journalisten hatten da mit ihren Kritiken im Großen und Ganzen schon recht. Doch selbst mit diesem Wissen besitzt der Film genügend gelungene Aspekte, um ihn sehenswert zu machen. Und auch James Horners Filmmusik verdient möglicherweise eine zweite Chance.

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