Quo vadis, Avatar? Diese Frage stellt sich nach dem Sehen des dritten Teils Fire & Ash, der im Dezember 2025 seine Premiere feierte, immer drängender. Vermochte The Way of the Water seinerzeit noch durch spektakuläre Wasserszenen und den technischen Fortschritt seit dem ersten Avatar zu begeistern, unterscheidet sich die Fortsetzung weder visuell noch in der Story-Konstruktion wesentlich vom Vorgänger. Abermals geht der Klon des im ersten Avatar gefallenen Col. Miles Quaritch seinen ungeminderten Rachegelüsten nach und macht Jagd auf Sully und seine Familie. Unterstützung erhält er dieses Mal allerdings vom Asche-Clan, angeführt von der sadistischen Varang (Oona Chaplin), die sich rot befedert und mit weiß geschminktem Gesicht dem Kampf des finsteren Soldaten anschließt. Doch ansonsten bleibt alles beim Alten: Flucht und Verfolgung stehen im Mittelpunkt. Ständig wird jemand gejagt, gefangen genommen und wieder befreit. Die Invasoren von der Erde drohen einmal mehr mit Raubbau und Zerstörung der Naturwelt Pandoras. Und wenn die Lage völlig aussichtslos erscheint, tritt die göttliche Macht Eywa durch die Mittlerin Kiri (die digital verjüngte Sigourney Weaver) in Erscheinung, um das Blatt für die “blauen Helden” zu wenden. Das kennt man so ähnlich schon aus dem zweiten Teil. Erstaunlicherweise weiß James Cameron dem Pandora-Kosmos dieses Mal aber nur wenig Neues hinzuzufügen. Er vertraut ganz auf die Wirkmacht seiner immersiven 3D-Bilderfluten. Und die sind nach wie vor spektakulär; Cameron bleibt zudem ein exzellenter Action-Regisseur, der weiß, was er tut. So lässt auch der neue Avatar an der Oberfläche nur wenig Raum für Langeweile.

Doch der überbordende Kintopp kann kaum kaschieren, wie trivial und voller Stereotype die Geschichte im Grunde ist. Das Drehbuch bemüht zahllose Klischees: Die Bösewichter können ihre Feinde immer wieder stellen, machen dann aber nie kurzen Prozess mit ihnen. Sie warten stets so lange, bis sie befreit werden – was insbesondere bei der alles andere als zimperlichen Varang reichlich absurd ist. Genauso ärgerlich mutet es an, wie das Drehbuch die Lage mehr als einmal völlig desolat erscheinen lässt, um dann aus dem Nichts eine unwahrscheinliche Rettung aus dem Hut zu zaubern – ganz im Sinne der klassischen Deus ex Machina. Es gibt aber noch ein weiteres, erzählerisches Problem: Mit den Avatar-Filmen will Cameron eigentlich ein Zeichen gegen die rücksichtslose Zerstörung der Natur setzen. Doch wenn man dann sieht, wie er zum wiederholten Mal in langen Sequenzen das technische Arsenal der Armee ausstellt und die massiven Verwüstungen durch Waffengewalt beinahe lustvoll zelebriert, dann verkehrt sich diese Botschaft immer mehr ins Gegenteil. Dazu passt, dass der Habitus der Marines – in gewisser Weise respektieren sich Sully und Quaritch gegenseitig – völlig unhinterfragt bleibt. Der beinharten Kriegslogik muss sich in Avatar – Fire & Ash alles unterordnen. Ein jeder soll gegen die “Himmelmenschen” kämpfen: Eywa wie die pazifistischen Tulkun, kultivierte Meerestiere, die Gewalt eigentlich kategorisch ablehnen. Das alles ist im Kosmos von Avatar – so will es das Drehbuch – komplett alternativlos. Diplomatie und Annäherung sind keine Option, weil die Bösen derart böse sind, dass den Na’vi keine andere Wahl bleibt, als in die Schlacht zu ziehen. Das kann man in einem Unterhaltungsfilm zwar durchaus so machen. Doch dass James Cameron dieser äußerst schlichten Schwarz-Weiß-Dialektik nun bereits zum dritten Mal ohne jegliche Variation folgt, ist ärgerlich und ermüdend zugleich. Und es wird zum Bumerang, weil er damit sowohl den inhaltlichen Weltenbau als auch die besondere Atmosphäre Pandoras zunehmend aus den Augen verliert.
Leider bleibt auch die Filmmusik von Simon Franglen nicht unbeeinflusst von diesen Problemen. Denn für einen Komponisten ist es zwangsläufig schwer, wenn die Vorlage wenig mehr anbietet als Oberflächenglanz und eine endlose Aneinanderreihung von Action-Sequenzen, gleichzeitig aber ein Wall-to-Wall-Scoring von über drei Stunden Länge verlangt. Stolze 1907 Seiten umfasst seine Partitur – ein gigantisches Mammutprojekt und eine kaum zu überschätzende Arbeitsleistung. Und zunächst weiß seine Musik zu begeistern: Brothers zelebriert noch einmal die fröhlich-bunte Avatar-Welt mit den üblichen Chören und funkelnder Percussion. Mourning greift das Songcord-Thema aus Teil 2 wieder auf, erneut gesungen von Zoe Saldaña. Und wenn das Handelsvolk mit seinen gigantischen Luftschiffen in The Windtraders seinen großen Auftritt hat, präsentiert Franglen ein neues prachtvolles Abenteuerthema in klassischer Hollywood-Tradition, das zu den schönsten melodischen Einfällen im gesamten Franchise zählt. Recht markant ist auch noch das kehlig-schleifende Streichermotiv für die charismatische Antagonistin Varang in Mangkwan Attack, das der Karawane der Windhändler (und damit leider auch der tollen Melodie für die Nomaden der Lüfte) ein abruptes Ende bereitet. Gespielt wird es auf der Morin-Khuur, einem zwei-saitigen mongolischen Cello. Besonders bedrohlich setzt Franglen es in The Ash Camp in Szene, begleitet von zischendem Sprechgesang und archaischen Trommelrhythmen. Wunderschön ist dagegen die Begleitung von Kiris erstem Wunder: In Miracle raunt der Chor wellenförmig einen markanten Signalruf für die Gottheit Eywa – ein Dreinoten-Motiv, das es schon im zweiten Teil gab, das in der neuen Musik aber viel präsenter auftritt. Es geht zudem klangschön im elegischen Familienthema auf, das bereits in The Way of the Water eingeführt wurde. Kiris eigenes subtil-lyrisches Thema, zum Ende von Brothers (ab 2:54 Min.) leise auf der Solo-Violine zu hören, spielt da nur eine Nebenrolle, bleibt abgesehen von einigen wenigen Referenzen (z.B. der heroischen Variante ganz am Ende von Marshalling Forces) ohnehin eher unscheinbar.
Nach der prachtvollen Eröffnung passiert aber Erstaunliches: Auch wenn Chor- und ethnisches Instrumentarium nie vollständig verschwinden und immer wieder mal rhythmisch anklingen, wird die in den vorigen beiden Filmen etablierte Klangsprache mit ihren typischen Exotismen immer mehr in den Hintergrund gedrängt. Wie der Film verliert auch die Musik Pandora aus den Augen. In vielen Stücken spielt nur noch das Orchester; manchmal tritt der Chor in klassischer Manier hinzu. Franglen konzentriert sich ganz auf die Action- und Suspense-Szenen. Über weite Strecken erscheint die Musik dabei aber seltsam generisch. Die Horner-Verweise in Form von Shakuhachi-Flöte, rollendem Klavier oder Gefahrenmotiv (etwa in Herding Tulkun) – das kennt man alles bereits aus den Vorgängern. Dazu gibt es immer wieder anonyme Passagen oder ganze Stücke, wie Disguise and Escape, die problemlos in jeden Standard-Hollywood-Thriller Platz fänden. Das liegt natürlich auch daran, dass ein ganzer Abschnitt des Films ausschließlich auf der Militärbasis der RDA spielt. Doch scheint die Musik damit einen guten Teil ihrer Identität zu verlieren.
Aber selbst wenn Franglen auf Etabliertes zurückgreift, dann tauchen diese Elemente oft in nahezu identischer Form auf wie in den ersten beiden Avatar-Musiken. Das gilt insbesondere für den markigen Stakkato-Chor in Na’vi-Sprache zur finalen Schlacht zwischen Na’vi und Militär. Und wenn der Chor in Marshaling Forces in bester Carmina-Burana-Tradition singt, wirkt das sogar ziemlich einfallslos. Gerade in der zweiten Hälfte der 131-minütigen Komposition sind die musikalischen Höhepunkte rar gesät, verwässert sich der anfangs positive Eindruck merklich. Der Fokus liegt hier eindeutig auf den Action-Tableaus. Und die sind wie schon in The Way of the Water von ziemlich wechselhafter Güte. Das Niveau von The Beach und Mangkwan Attack, mit ihrer reizvollen Verarbeitung der Leitmotive, wird später kaum noch erreicht, abgesehen von Setting the Score, das das Eywa-Motiv verarbeitet und kraftvoll Horners Toruk-Makto–Thema aus dem ersten Film zitiert. Zumindest am Ende fängt sich Franglens Komposition dennoch etwas: The Light Always Returns verarbeitet noch einmal in einer schmachtenden Streicherkantilene sehr reizvoll Eywa- und Familienthema. Das von Zoe Saldaña gesungene Trauerlied The Future and the Past ist dagegen ein Kuriosum: Eigentlich sollte es eine Szene begleiten, in der Neytiri um ihren verstorbenen Sohn weint. Doch ausgerechnet die fiel der Schere zum Opfer. Dennoch bezeichnet Franglen die etwas blasse Melodie in Interviews als Hauptthema von Fire & Ash. Das ist allerdings mehr als seltsam, weil es abgesehen vom sirenenhaften Sacrifice kaum einmal markant in Erscheinung tritt. Dass nicht alle Themen und Motive gleichermaßen zünden, bleibt ohnehin ein Schwachpunkt, da Franglen seine Komposition konsequent leitmotivisch strukturiert hat. Mehr als 19 unterschiedliche Motive sind zu hören. Doch die meisten sind nur bei genauem Hinhören erkennbar. An die zentralen Leitthemen für Kiri und die Trauer der Familie dürften sich wohl selbst filmmusikaffine Zuschauer kaum mehr erinnern, wenn sie das Kino verlassen. In diesem Sinne ist es auch bezeichnend, dass das großartige Abenteuerthema für die Windhändler im Gegensatz zu den vielen kleinen Leitmotiven nur in ein, zwei frühen Szenen auftritt, danach aber komplett verschwindet. Selbst James Horners identitätsstiftendes Hauptthema klingt nur in wenigen kurzen Momenten an. Wirklich rund wirkt das alles nicht.
Quo vadis, Avatar? Diese Frage lässt sich natürlich auch nach dem dritten Teil nicht abschließend beantworten. Der technische Aufwand des Films und die zumindest in Teilen der Musik spürbare Liebe zum Detail beeindrucken weiterhin. Fire & Ash macht insbesondere auf der großen Leinwand durchaus Spaß, bietet immer noch ein spektakuläres Kinoerlebnis. Und wenn man sich eine kompakte Playlist erstellt (siehe unten), weiß auch Franglens Filmmusik zu unterhalten. Doch das ändert nichts daran, dass das Franchise sichtbar an Frische und Innovativität eingebüßt hat. Das stand natürlich bereits nach The Way of the Water zu befürchten, ist aber trotzdem enttäuschend. Denn diese Art des Event-Kinos, wie es James Cameron hier bietet, wird immer seltener. Umso ärgerlicher mutet deshalb der kommerzielle Ausverkauf der Reihe an, den der dritte Teil durchaus vorantreibt. Wie es weitergeht, steht derweil noch in den Sternen: Fire & Ash hat bislang weltweit über eine Milliarde US-Dollar eingespielt. Die Realisierung der Teile 4 und 5 dürfte damit wohl gesichert sein. Aber selbst James Cameron zeigte sich zuletzt, darauf angesprochen, seltsam zurückhaltend: Man müsse überlegen, wie man die zukünftigen Filme günstiger produzieren könne, und er überlege, ob er den Rest seiner Karriere wirklich nur noch mit Avatar verbringen wolle. Und das hört sich tatsächlich nach schwindendem Interesse an und ganz so, als ob die Serie trotz des großen Erfolges an den Kinokassen ihren kreativen Zenit längst überschritten hätte.
Empfohlene Tracklist: 2. Brothers / 3. Mourning / 4. You still have this family / 5. The Windtraders / 6. Caravan at Night / 7. Mangkwan Attack / 9. Miracle / 14. I can be your guide / 15. The Ash Camp /17. Find the Girl / 20. Lo’ak / 25. Sacrifice / 26. Tulkun Council / 33. Setting the Score / 46. The Light Always Returns / 37. The Future and the Past






