Der Mann ist ein Phänomen: Es gibt wohl keinen anderen lebenden Filmkomponisten, dem es so zuverlässig gelingt, weltweit die Arenen zu füllen. Und das nicht nur, wenn er selbst zur E-Gitarre greift oder in die Tasten des Keyboards haut, sondern selbst dann, wenn er durch Abwesenheit glänzt: Seit einigen Jahren tourt mit „The World of Hans Zimmer – A New Dimension“ ein von ihm kuratiertes Programm weltweit durch die Konzerthallen. Matt Dunkley, langjähriger Partner Zimmers, führt dabei durch einen rund dreistündigen Streifzug durch die mittlerweile fünf Jahrzehnte umspannende Karriere des Deutschen. Ende Oktober 2026 gastierte der Dirigent, der in Hollywood auch als Komponist und Orchestrator arbeitet, mit dem Odessa Symphony Orchestra & Friends in der Barclays Arena in der Hansestadt Hamburg, einmal mehr vor vollen Rängen. Warum das so gut funktioniert, wurde an diesem Abend schnell offensichtlich: Die Setlist ist in vielerlei Hinsicht äußerst clever gewählt. Sie wirft nicht nur Schlaglichter auf unterschiedliche Schaffensperioden Zimmers. Sie belegt auch die erstaunliche Wandlungsfähigkeit des Komponisten, der in seiner Karriere musikalisch wie filmisch zahlreiche unterschiedliche Genres bedient hat, die kaum weiter voneinander entfernt liegen könnten.
Die ersten beiden Stücke machen das unmittelbar deutlich: Schrauben sich Orchester und Synthesizer bei Man of Steel noch episch in die Höhe, kontrastiert das Hauptthema aus Driving Miss Daisy (1989) diesen für den Komponisten typischen Bombast-Sound sofort mit luftiger Percussion und tänzelnder Klarinette. Die Suite aus The Rock führt dann direkt zurück in die 90er, als Zimmers Stern gerade mit seiner kraftvollen Rock-Rhythmik und elegischen Streicher-Hymnen kometenhaft aufging, bevor das Liebesthema aus Pearl Harbor wiederum einen romantischen Kontrapunkt setzt. Zwischen den Stücken zeigt sich: Ganz abwesend ist Hans Zimmer doch nicht. Über aufgezeichnete Videobotschaften tritt er – ein netter Einfall – immer wieder mit dem Dirigenten oder direkt mit dem Publikum im Saal in Kontakt. Zu einem ersten Höhepunkt kommt es mit der Suite aus Ridley Scotts Gladiator: Und die bietet zu Beginn gleich eine große Überraschung. Zu hören ist nämlich mit „Rome is the Light“ der wunderschöne alternative Song zum berühmten „Now we are free“, das die Suite beschließt. Beide werden eindrucksvoll von der libanesischen Sängerin Carla Chamoun interpretiert. Dagegen fallen die Suiten aus The Dark Knight und Interstellar leider etwas ab. Erstere, weil sie sich etwas zu sehr in kühlem Bombast verliert, letztere, weil sie ohne echte Kirchenorgel zwangsläufig unvollständig wirkt und dem Werk nicht ganz gerecht wird. Eine zweite Überraschung liefert die Suite aus The Prince of Egypt: Zimmer kündigt diese von der Großleinwand als Weltpremiere an, was etwas albern anmutet angesichts der Tatsache, dass sie bereits vor zwei Jahren fester Programmbestandteil bei der ersten Toursaison von “The World of Hans Zimmer” war. Doch die Musik mit ihren lebhaften orientalischen Stimmungen ist nach wie vor großartig und bietet den zahlreichen Solisten wie der Sopranistin Ganya Ben-gur Akselrod viel Raum, zu glänzen.

Spätestens an dieser Stelle versteht man auch, dass es zu Hans Zimmers größten Talenten gehört, in seinen Filmmusiken viele Künstler aus unterschiedlichen Kulturkreisen zusammenzubringen. So spielt der aus Litauen stammende Saulius Petreikis bei dem sehnsüchtig schmachtenden Liebesthema aus Dune 2 das Duduk und drückt mit seiner Querflöte auch der komödiantischen Suite aus Kung Fu Panda seinen Stempel auf. Dank der Geigen-Virtuosin Maya Levy wird der ungarische Volkstanz aus Sherlock Holmes zu einem besonderen Erlebnis. Die spezielle Bearbeitung verabschiedet sich dabei deutlich von der originalen Filmmusik und erweitert das elegante Hauptthema zu einem glühend-feurigen Duett zwischen Violine und Gitarre. Die Stimmung kocht in der Halle über. Und dann ist auch der große Auftritt des Nairobi Chamber Chorus gekommen: Angeführt von den kräftigen Stimmen Nokukhanya Dlaminis und Futurelove Sibandas singen sie das mitreißende „Mother Africa“ aus The Power of One (1992). Die Musik zu dem Drama über die Anfänge der Apartheid in Südafrika war es damals, die Hans Zimmer das Engagement beim König der Löwen (1994) einbrachte. Und schon hallt auch der berühmte „Hakuna Matata“-Ruf durch den Saal. Doch statt der Songs von Elton John setzt Zimmer hier den Schwerpunkt auf eine markige Orchestersuite, bei der auch die stampfenden Trommelrhythmen zur Gnuherde nicht fehlen dürfen, bis schließlich doch noch ein kurzes Zitat von „Circle of Life“ die mitreißende Suite beschließt. Und dann rückt der Abend seinem Ende entgegen. Hans Zimmer spielt auf der großen Leinwand virtuell das berührende „Time“ aus Inception, eine melancholische Ode an die Vergänglichkeit und eine raffinierte Konzertillusion.

Die Abwesenheit des “Maestros” erweist sich am Ende als kein großes Problem. Tatsächlich sind beide Konzertreihen ohnehin jeweils etwas anders ausgerichtet. Während bei den Live-Auftritten Zimmers die Rockband und die Elektronik stärker im Vordergrund stehen, empfiehlt sich The World of Hans Zimmer vor allem für diejenigen, die mehr den Klang des Orchesters bevorzugen. Und da weiß die Musik durchaus für sich zu sprechen. Ein wenig schade mutet allerdings die Steifheit des Programms an, das sich seit der letzten Toursaison samt Moderation und Videoeinspielern nicht verändert hat. Dass bei der Suite aus The Rock kein Gedenken an den im August verstorbenen Co-Komponisten Nick Glennie-Smith stattfindet, ist einer der Momente, in denen das besonders auffällt. Aber auch, dass seit der Tour 24/25 überhaupt kein Update im Inhalt stattgefunden hat, ist schade. Das beliebte Hauptthema aus F1 oder eine längere Suite aus Dune hätten das Programm zweifelsohne aufgewertet. Aber man kann eben nicht alles haben. Das stellen schließlich auch Zimmer und Dunkley im finalen “Dialog” fest, in dem sie diskutieren, dass man vielleicht auch etwas aus The Holiday spielen könnte. Doch dann setzt sich der oben von der Leinwand auf seine Schäflein herabblickende Maestro mit einem Machtwort durch: “Let’s make some noise – mach etwas Krach!”. Gesagt, getan. Und so beschließt der Fluch der Karibik mit dem wohl populärsten Hauptthema von Hans Zimmer den mitreißenden Konzertabend unter minutenlangen Standing Ovations des Publikums.
Weitere Showtermine und Tickets unter https://worldofhanszimmer.com/






