La Piste – Armand Amar: “Sehnsüchtige Wüstenklänge”

Im weltweiten Kino gibt es zahllose Filme, die über die Jahre in Vergessenheit geraten. Das liegt bei unzähligen Produktionen, die jeden Monat erscheinen, natürlich in der Natur der Sache. Gleichzeitig ist es aber manchmal auch schade, wenn ein durchaus sehenswerter Film keinen Verleih findet, unglücklich vermarktet wird oder einfach nicht den Nerv der Zeit trifft und deshalb untergeht. Welches Problem es bei La Piste von Himalaya-Regisseur Eric Valli genau war, lässt sich zwanzig Jahre später kaum noch sagen. Der Film von 2006 wurde in Deutschland nie gezeigt, fehlt auf allen Streaming-Plattformen und ist derzeit nur als Import-DVD aus Frankreich erhältlich. Das ist schade. Denn La Piste begeistert mit spektakulären Landschaftsaufnahmen, die eigentlich auf die große Leinwand gehören. Im Mittelpunkt steht die 13-jährige Grace (Camille Summers, Tochter des Regisseurs). Sie kehrt nach einigen Jahren Abwesenheit und dem Tod ihrer Mutter wieder nach Namibia zurück, wo sie als Kind aufwuchs, um bei ihrem Vater Gary (Julian Sands), der als Geologe im Busch arbeitet, zu leben. Doch die beidseitige Wiedersehensfreude währt nur kurz. Gary gerät auf dem Rückweg einer Medikamentenlieferung mit seinem Flugzeug in einen heftigen Sturm, stürzt ab und gilt als verschollen. Grace, die fest an sein Überleben glaubt, macht sich, begleitet von einem einheimischen Guide, auf den beschwerlichen Weg durch die Wüste, um ihren Dad zu finden.

In seiner Grundkonstellation erinnert La Piste stark an klassische Disney-Abenteuerfilme, die zwar familientauglich unterhalten, aber oft eine Spur zu kitschig sind, um wirklich zu überzeugen. Auch hier gibt es viel Unwahrscheinliches: Dass Grace, die gerade erst ein paar Tage im Land ist, ohne sorgfältige Planung, entsprechende Ausrüstung und ausreichend Proviant in einer Sandwüste überleben könnte, lässt sich auch nicht durch den einheimischen Führer Kadjiro (Eriq Ebouaney) an ihrer Seite sinnvoll erklären. Dass sie bei den gewaltigen Dimensionen der Landschaft tatsächlich ihren Vater wiederfindet und dieser als erfahrener Pilot trotz Sturmwarnung in das einfache Flugzeug steigt – das erscheint dann doch extrem unwahrscheinlich und entsprechend märchenhaft. Aber vielleicht sollte man die Handlung auch gar nicht so sehr wortwörtlich nehmen, sondern eher metaphorisch betrachten. Dann wird die Wanderung durch die Wüste zur Metapher für die Suche nach Identität, Bindung und Anerkennung, die endlosen Weiten zur inneren Leere nach dem Tod der Mutter. Und des Vaters Zwangstätigkeit bei der Bande Diamantenschmuggler erscheint stellvertretend für einen ausbeuterischen Beruf, der nur wenig Raum für das lässt, was wirklich im Leben zählt.

Diese Sichtweise wird von der Inszenierung deutlich unterstützt. Wie schon bei Himalaya taucht Valli auch hier tief in die Welt Namibias ein. Gedreht wurde mitten im Land, meist fernab größerer Städte. Das Filmteam war zum Teil in komplett autarken Zeltcamps mit eigener Strom- und Wasserversorgung untergebracht. Dadurch gelingt im Hintergrund der Haupthandlung ein unverstellt wirkender, beinahe dokumentarisch anmutender Blick auf das Land. Zu einem besonderen Gestaltungselement avanciert auch die Filmmusik von Armand Amar (Die Quelle der Frauen), seines Zeichens Spezialist, wenn es um die Begegnung mit anderen Kulturen im Kino geht. Doch anders als man denken könnte, nimmt sein Beitrag keinen unmittelbaren Bezug zur Folklore Namibias. Genauso wenig orientiert sich der in Marokko aufgewachsene Komponist – obwohl das vielleicht nahegelegen hätte – an der offensichtlichen Spannungsdramaturgie. Stattdessen begleitet er das Drama mit langen, fließenden Harmonien, die an den Minimalismus von Philip Glass erinnern und einen von Zeit und Raum entrückten Schwebezustand vermitteln. Das passt perfekt zu den beeindruckenden, schier unendlichen Weiten der Namib-Wüste. Traumhaft schön etwa die sehnsüchtigen Streicher in Kadjiro and Grace, die auf die metaphysische Suche von Grace verweisen. Für gewisse Freiheiten in Bezug auf die namibische Folklore spricht auch der Einsatz des armenischen Duduk (gespielt von Lévon Minassian) in Stücken wie Return to Africa oder Storm, der fast schon Hans Zimmers A time of quiet between the storms aus dem zweiten Dune-Teil vorwegnimmt – genauso wie übrigens der Einsatz der Trommeln zu Beginn von Quarrel. Die Kultur der Himba-Nomaden spiegelt sich in Vokalisen und rhythmischen Gesängen, die sich aber nie in den Vordergrund drängen, weil La Piste zwar durchaus die realen Probleme des Landes wie Alkoholismus oder Bandenkriminalität anspricht, im Kern aber eine klassische Vater-Tochter-Geschichte aus europäischer Perspektive erzählt. Trotzdem gibt es auch hier einige Highlights, wie den luftigen Child’s Song mit gezupften Streichern oder die wortlose Vokalise im betörenden Premonition.

Es versteht sich fast von selbst, dass Amars meditative Filmmusik ihre ganz eigene Sensibilität besitzt und wenig mit der US-amerikanischen Kinosinfonik gemeinsam hat. Die sich langsam entfaltenden Klangräume von La Piste benötigen Ruhe und die Bereitschaft, sich auf sie einzulassen. Wer dazu eine gewisse Offenheit für Weltmusik mitbringt, wird hier mit einem der besten Werke des Komponisten belohnt. Denn der Soundtrack von La Piste funktioniert – und das gilt nicht für jede von Amars Filmmusiken – auch in den spannungsgeladenen Stücken, in denen einfache, aber effektvolle Streicher-Ostinati den filmischen Puls hochtreiben. Zugleich verliert sich die Musik nicht in den ausgetretenen Pfaden des Minimalismus, wie er in jenen Jahren in vielen Arbeiten von Glass, Nyman & Co. zu hören war, sondern bleibt kohärent genug, um durchweg zu überzeugen. So verdient es La Piste filmisch wie filmmusikalisch der Vergessenheit entrissen zu werden und mehr Anerkennung zu bekommen. Natürlich hat der Film hier und da seine Schwächen und ist kein Meisterwerk, bleibt aber doch ein ganz besonderes Stück Kino mit großartigen Bildern und zeitlos schöner Filmmusik.

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