Wie kann es eigentlich sein, dass der Weihnachtsmann in einer Nacht um die Welt fliegt und unzähligen Millionen von Kindern ihre Geschenke unter den Tannenbaum legt? Diese Frage stellt sich die kleine Gwen in Arthur Christmas in dem beschaulichen Nest Trelew in England und schickt einen Brief zum Nordpol, der auf dem Schreibtisch von Arthur, dem schusseligen Sohn von Santa Claus, landet. An Heiligabend herrscht hier Ausnahmezustand. Alle Kinder glücklich zu stellen, gleicht einer militärischen Herkules-Operation ungeahnten Ausmaßes, die nur durch die Hilfe zahlloser Elfen gelingen kann und einem roten Raumschiff, das in Rekordgeschwindigkeit um den Globus düst. Der eigentliche Sinn des Festes ist hier im Trubel der generalstabsmäßigen Planung und Durchführung über die Jahre ein wenig verloren gegangen. Santa-Opa grummelt in seinem Lehnsessel und trauert den alten Zeiten mit Holzschlitten und echten Rentieren hinterher. Der amtierende Santa weigert sich zurückzutreten und genießt nur noch den repräsentativen Status seines Amtes. Und Arthurs eitler Bruder hadert damit, dass die komplette Organisation mehr oder weniger auf seinen Schultern lastet. Und da darf eigentlich kein Fehler passieren. Doch dann kommt es zum Undenkbaren: Die Mission “Geschenke” scheint wieder einmal erledigt, doch durch eine Konfusion wird ausgerechnet Gwen als einziges Kind nicht bedacht. Arthur macht sich heimlich mit Grandpa und der Verpackungselfin Briony auf, um auch das letzte Geschenk auszuliefern.

Ähnlich wie Klaus ein paar Jahre später, ist auch Arthur Christmas ein weiterer Versuch, weihnachtliche Mythen mit einer fantasievollen Hintergrundgeschichte zu versehen. In beiden Fällen stellt sich natürlich die Frage, ob das erzählerisch wirklich notwendig ist. Muss man jeden Aspekt der Weihnachtsfeier wirklich derart auszuerzählen und nichts mehr der Fantasie überlassen? Wie Arthur Christmas das Verteilen der Geschenke als militärisches Geheimprojekt inszeniert und dabei sogar den Weihnachtsmann mit einer Barett-Mütze ausstattet, mutet schon ziemlich befremdlich an. Doch anders als Klaus ist der Film von Sarah Smith ein abstruses Abenteuer mit viel Tempo und bissigem Humor, das sich nicht wirklich ernstnimmt, sodass es viel leichter fällt, über derartige Irritationen hinwegzuschauen. Denn aus der originellen Prämisse macht Arthur Christmas ’ne ganze Menge. Schön etwa, dass der Film den Wert jedes einzelnen Menschen hervorhebt, auch wenn dieser statistisch nur eine 1 hinter vielen Nullen auf der Anzeigetafel ist. Dazu steckt der Film voller witziger Einfälle, sei es das Wackel-Rentier am Rennschlitten-Cockpit, eine herrliche Episode, in der man das Weihnachts-Trio für Außerirdische hält, oder eine andere, in der die Helden Löwen in Afrika mit Weihnachtsliedern einsäuseln.
So viele Turbulenzen rund um den Globus, dazu das Thema Weihnachten – das eröffnet natürlich auch der Filmmusik viele Möglichkeiten, aus dem Vollen zu schöpfen. Doch selbst wenn man es bei einer kleinen Streaming-Produktion kaum vermuten würde, gab es hinter den Kulissen reichlich Ärger: Eigentlich sollte Michael Giacchino die Musik schreiben, doch dieser wurde aufgrund kreativer Differenzen gefeuert und in letzter Sekunde Harry Gregson-Williams (Shrek, The Martian) an Bord geholt. Dieser hatte die nicht gerade beneidenswerte Aufgabe, in 4-5 Wochen die komplette Musik abzuliefern – eine besondere Form von “Weihnachtsstress” sozusagen. Angesichts des engen Zeitrahmens kann man sich wohl nur ausmalen, was möglich gewesen wäre, hätte man den Komponisten früher engagiert. Denn das, was Gregson-Williams in einem heißen Augustmonat in kurzer Zeit konzipiert hat, kann sich durchaus sehen bzw. hören lassen: Stilistisch gibt es in seiner Komposition eine Zweiteilung für die unterschiedlichen Vorstellungen von Weihnachten in Arthurs Familie. Für die technoligisierte Auslieferung der Geschenke via Raumschiffe und Elf-Minions gibt es neben dem Orchester elektronische Loops zu hören (Operation Christmas), die nicht zufällig an Mission: Impossible erinnern. Sobald aber Arthur, sein Opa und Briony den alten Rentier-Schlitten entmotten, wechselt die Musik vollständig ins Orchestrale, hin zum klassischen Weihnachts-Sound mit Orchester, Chor und Glockenspiel. Fulminant in dieser Hinsicht das prachtvolle Dashed Away, wenn der Schlitten erstmals in die Lüfte steigt und Gregson-Williams ein elegisches Flugthema präsentiert. Im Finale, wenn alle in der Familie erstmals an einem Strang ziehen, kombiniert der Brite schließlich beide Welten und entlässt den Zuschauer am Ende mit einer sinfonischen Version von Have yourself a merry little Christmas in die Festtage.
Dazwischen liegen viel turbulentes Animations-Scoring und zahlreiche drollige Details: Wenn die Helden im falschen Trelew an der Tür klingeln, verraten Trompeten und lateinamerikanische Harmonien, dass es sich hier schwerlich um England handeln kann (The Wrong Trelew). In Paris Zoo? glauben die drei, sie seien in Frankreich, eine Idee, die sich in einem kurzen Akkordeon-Einsatz spiegelt. Und am Ende des gleichen Stücks begleitet ein Theremin die Szene, in der man das Trio für Aliens “from outer Space” hält. Der Beginn von Serengeti Escape zitiert Stille Nacht, bevor die Musik in ein munteres Scherzo ausbricht. Und wenn der Schlitten gen Weltraum schießt, erklingt eine zünftige Fanfare (Space Travel). Dazu gibt es immer wieder auch lyrische Oasen, in denen die Magie von Weihnachten stärker durchscheint. Das betrifft vor allem die Szenen, in denen Gwen im Mittelpunkt steht und die Musik im munteren Treiben zu Ruhe und Besinnlichkeit findet. Da verströmen dann Instrumente wie Celesta, Harfe, Streicher, Röhrenglocken oder die finnische Kantele festliches Flair. Und natürlich darf auch der raunende Chor nicht fehlen.
Abseits dieser ruhigen Momente bietet die Filmmusik aber eine wahre orchestrale Tour de Force, in der mitunter alle paar Sekunden Stimmungen und Stile wechseln. Dadurch geht allerdings manchmal etwas der rote Faden verloren. Dies gilt umso mehr, als dass vermutlich aus Zeitgründen, ein wirklich zündender melodischer Einfall fehlt, um die vielen Einzelelemente zusammenzuhalten. Zwar gibt es eine Reihe unterschiedlicher Themen und Motive, die alle hübsch anzuhören sind und ihren Zweck erfüllen, aber anders als in Shrek hat man hier, wenn der Abspann rollt, keinen echten Gassenhauer im Ohr. Aber wirklich schlimm ist das nicht. Harry Gregson-Williams hatte beim Komponieren trotz des Zeitdrucks sichtlichen Spaß und diese Energie überträgt sich letztendlich auch beim Hören. Wer also einen weihnachtlichen Animations-Score vom Komponisten im Fahrwasser von Shrek und Chicken Run sucht, der liegt hier absolut goldrichtig. Rasantere filmmusikalische Weihnachten wird man woanders zumindest kaum finden.






