Green Book – Kris Bowers: “Klein aber fein”

Wenn ein Film mit Oscars überhäuft wird, dann gehört in den allermeisten Fällen auch die Filmmusik dazu. Nicht so im Falle der Tragikomödie Green Book, die 2019 als Bester Film ausgezeichnet wurde, insgesamt drei Oscars einheimste und für zwei weitere nominiert war. Doch der Beitrag des damaligen Newcomers Kris Bowers (Bridgerton, Oscar-Nominierung für Der wilde Roboter) ging seinerzeit komplett leer aus und spielte auch bei den anderen Filmpreisen des Jahres keine sonderlich große Rolle. Zwei Gründe dürften dafür ausschlaggebend gewesen sein: Zum einen, dass seine Musik in einzelnen Stücken bekannte Jazzstandards aufgreift und es darum einmal mehr schwerfällt, zwischen originalen und präexistenten Kompositionen zu unterscheiden; zum anderen, weil die Musik nicht lang genug ist, um sich für Preise zu empfehlen.

Green Book erzählt die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte des Chauffeurs Tony “Lip” Vallelonga (Viggo Mortensen), der 1962 den berühmten Jazz-Pianisten Don Shirley (Mahershala Ali) auf einer Konzerttour von New York in die Südstaaten fährt. Es ist eine Zeit, in der ein solcher zweimonatiger Roadtrip eine genaue Planung verlangt. Denn Afrokamerikaner sind nicht überall willkommen, und nur weil Shirley in einem Hotel auftritt, heißt das noch lange nicht, dass er dort auch nächtigen darf. Deshalb richten sich beide nach dem “Negro Motorist Green Book”, einem einschlägigen Reiseführer, der jene Einrichtungen listet, die auch schwarze Kunden akzeptieren. Zwischen Don und Tony entwickelt sich nach anfänglichen Problemen langsam eine ungewöhnliche Freundschaft. Ob es diese in der Realität wirklich gegeben hat, ist allerdings umstritten. Shirleys Familie kritisierte, dass es eine solche, über das Arbeitsverhältnis hinausgehende Beziehung nie gegeben hätte, und sprach von einer “Symphonie der Lügen”. Der Drehbuchautor Brian Currie wies diese Vorwürfe zurück und erklärte, dass er kurz vor dessen Tod 2013 mit Shirley gesprochen und dieser die Geschichte genehmigt habe. Diese Lesart wird zudem von Don Shirley selbst gestützt, der in einem Interview-Outtake der Dokumentation Lost Bohemia (2011) von einer engen freundschaftlichen Bindung zu seinem Fahrer sprach, die weit über das Angestelltenverhältnis hinausgegangen sei.

Doch letztendlich ist diese Diskussion auch ein wenig müßig. Denn Green Book blickt ohnehin durch den Filter des klassischen Erzählkinos “made in Hollywood” auf das Leben seiner Protagonisten. Auch wenn die rassistischen Vorfälle zum Teil sehr heftig sind und auf realen Ereignissen basieren, wird hier doch einiges geglättet und verfälscht, um eine wirkungsvolle Geschichte zu erzählen. So bot etwa das “Green Book”, anders als gezeigt, keinesfalls nur heruntergekommene Absteigen an, sondern durchaus auch bessere Optionen für ein wohlhabenderes Klientel, zu dem Shirley als gefeierter Pianist zweifelsohne gehörte. Und auch das versöhnliche Ende am Weihnachtsabend trägt natürlich eher märchenhafte Züge. Dennoch ist Peter Farrellys Film gar nicht so weit weg von der belegten Historie wie manches andere „Biopic“ der letzten Jahre. Vor allem aber bietet Green Book großartiges Schauspielkino, beeindruckt durch die sorgfältige Ausstattung und dazu auch viel gute, zeitgenössische Musik.

Denn natürlich gibt es viele Stücke des Don-Shirley-Trios (bestehend aus Klavier, Bass und Cello) zu hören, die Kris Bowers extra für die Verwendung im Film arrangierte und selbst am Klavier einspielte. Toll etwa, um nur ein Beispiel zu nennen, Shirleys virtuose Version von Irving Berlins Blue Skies mit ihrer furiosen Mischung aus Jazz und Klassik. Bowers’ Eigenkompositionen fällt deshalb zwangsläufig eine untergeordnete Rolle zu. Sie richten sich vor allem nach den szenischen Stimmungen: Zu Beginn behält er noch die Trio-Besetzung bei, um mit lakonischem Jazzklavier Shirley in seinem Luxusappartement vorzustellen (881 7th Ave) oder das Verstauen seines Gepäcks zu begleiten (Dr. Shirley’s Luggage). Solche kurzen Überleitungen dauern selten länger als eine Minute, sind aber durchaus markant und mit Pfiff gestaltet. Das gilt auch für die lyrischen Stücke, etwa wenn Tony, souffliert von Shirley, einen Brief an seine daheimgebliebene Frau verfasst. Die luftigen Streicher erwecken zusammen mit dem Klavier zwar direkt Erinnerungen an die Filmmusiken von Thomas Newman und Rachel Portman, die vor allem in den 90er Jahren oft im selben Modus komponierten. Doch Bowers, der Jazz und klassisches Piano in LA studiert hat und anschließend am Juilliard-Konservatorium aufgenommen wurde, bringt hier trotz aller Kürze (seine Musik läuft gerade einmal knapp 18 Minuten) seine ganz eigene Sensibilität zum Stoff. Er arbeitet viel mit warmen, transparenten Klangfarben, benutzt nur eine kleine Besetzung und umschifft so die allergrößten Kitschfallen.

Bemerkenswert ist dabei, dass ihm in seinen kleinen Miniaturen immer wieder auch hübsche melodische Einfälle gelingen. Diese gehen aber nie so weit, dass sie ganz aus dem Schatten der Jazzmusik Don Shirleys heraustreten und zu viel Aufmerksamkeit für sich beanspruchen. Das macht natürlich Sinn, um die feine Balance des Filmes zu bewahren. Und dennoch kann man sagen, dass Kris Bowers die Chance eindrucksvoll genutzt hat, um auf sich aufmerksam zu machen. Denn mit dem Erfolg von Green Book startete der Newcomer in den USA durch, wurde im Anschluss für die Serien Bridgerton und Die Farbe Lila gebucht. Der Animationsfilm Der wilde Roboter brachte ihm dann 2025 sogar seine erste Oscar-Nominierung ein. Insofern mag sein charmanter, als auch leichtfüßiger Beitrag zu Green Book zwar nicht in die Filmgeschichte eingehen, war aber ein immens wichtiger Meilenstein in seiner Karriere. Und unterhaltsam ist das Soundtrack-Album mit seinem lyrischen Score ohnehin allemal.

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