In den 1960er Jahren gehörte Sergio Corbucci neben Sergio Leone zu den einflussreichsten Regisseuren von Italowestern. Sein Django von 1966 gilt bis heute immer noch als einer der einflussreichsten Beiträge im Genre. Nur ein Jahr später inszenierte er mit I Crudeli – Die Grausamen einen unbekannteren, aber nicht weniger bemerkenswerten Film, der aber an den Erfolg des Kinohits nicht anknüpfen konnte. Produzent und Mit-Drehbuchautor war der US-Amerikaner Arthur Band (dessen zweiter Sohn übrigens der Filmkomponist Richard Band ist), der dafür sorgte, dass I Crudeli sich stärker am US-Western orientierte als an Leones Dollar-Trilogie oder eben Django. Auch die Handlung löst sich merklich vom Grundprinzip des einsamen Revolverhelden, der es mit einer Gruppe von Outlaws aufnimmt. Hier stehen nämlich die Banditen selbst im Mittelpunkt. Doch so würde sich die Familie um den fanatischen Jonas Morrisson (Joseph Cotten) nie sehen. Irgendwann zwischen dem Ende des amerikanischen Sezessionskriegs im Mai 1865 und dem offiziellen Ende 16 Monate später, träumen sie von einer reformierten Konföderation, die den Kampf wieder aufnimmt. Um das nötige Kleingeld für dieses Anliegen zu beschaffen, überfallen sie einen Geldtransport der Unionstruppen. Ihr Plan ist es, mit dem Geld in New Mexico den Aufbau einer neuen Armee zu finanzieren. Auf ihrer Flucht verstecken sie das Geld kurzerhand in einem Sarg. Als Tarnung dient dabei eine vermeintliche “Witwe” an, die um ihren Krieg gefallenen Mann, einen gewissen Ambrose Allan, trauern soll. Dieser clevere Trick funktioniert: allein schon aus Pietät bleibt der Sarg lange Zeit ungeöffnet.
Doch der Weg gen Süden ist beschwerlich und voller Gefahren. Das Drehbuch schmeißt den unbelehrbaren Outlaws einige Knüppel zwischen die Beine, was einen Großteil des Reizes von I Crudeli – Die Grausamen ausmacht. Für die Morrissons gilt es, immer neue Hindernisse zu überwinden. Da gibt es unvorhergesehene Kontrollen; man trifft überraschend auf Menschen, die den Verstorbenen gut kannten. Eine angriffslustige Schlange ist zu überwinden und ein raffgieriger Bettler hat es ebenfalls auf schnelle Beute abgesehen. Schlimmer als die Gefahren von außen sind aber die Streitereien innerhalb der Familie: der Neid und die Missgunst zwischen den Brüdern und auch die Übergriffigkeit gegenüber den Frauen. Irgendwann wird es alles zu viel. Die Grausamen, man ahnt es schnell, befinden sich auf einem selbstzerstörerischen Pfad. Es gibt keine Heldenfiguren und noch weniger Hoffnung. Corbucci zeichnet ein nüchternes, pessimistisches Menschenbild und positioniert seinen Film damit unmittelbar am Übergang zum Spätwestern, der zwei Jahre mit The Wild Bunch und Spiel mir das Lied vom Tod (beide 1969) für Furore sorgen sollte.
Ein Kuriosum gibt es bei der Filmmusik: Als Komponist listet der Vorspann einen gewissen “Leo Nichols”. Dahinter verbirgt sich natürlich Niemand geringeres als Ennio Morricone selbst. Morricone erklärt in der großartigen Dokumentation von Giuseppe Tornatore, auf die Pseudonyme angesprochen, dass er damals um seinen Ruf als “seriöser Komponist” fürchtete und Angst hatte, belächelt zu werden, wenn er für vermeintlich minderwertige Filme Musik schrieb. Mit dem durchschlagenden Siegeszug von Leones Zwei glorreiche Halunken ein Jahr zuvor war der Italowestern aber längst aus dem großen Schatten Hollywoods herausgetreten und auch Morricone hätte eigentlich keinen Grund mehr gehabt, aus Scham seinem echten Namen zu verbergen. Wahrscheinlicher dürfte deshalb gewesen sein, dass man der Produktion schlichtweg aus kommerziellen Gründen einen authentischen Hollywood-Anstrich verleihen wollte, wofür auch die Besetzung von Joseph Cotten in der Hauptrolle spricht.
Die Filmmusik selbst unterstreicht diese These. Zwar ist Morricones Beitrag hier nicht so ikonisch wie der zu den großen Sergio-Leone-Epen. Das liegt aber primär am nüchtern inszenierten Film selbst, als an fehlender Ambition. Das von der Solo-Trompete gespielte Hauptthema (I Crudeli) begeistert sofort mit seinem lakonischen Charme, der perfekt zu den Antihelden passt, die die Zeitwende verpasst haben und sich verzweifelt am Strohhalm eines potenziellen Neuanfangs klammern. Gespielt wird das Instrument von Nunzio Rotondo, einem damals in Italien preisgekrönten Jazzmusiker, ebenfalls ein Indiz dafür, dass das Projekt durchaus von allen Seiten ernst genommen wurde. Interessant sind die sperrigen Spannungspassagen: Snare Drums, schnelle Gitarrenakkorde und Klavieranschläge, Klanghölzer und Solovioline erzeugen hier eine nervös-brüchige Grundatmosphäre. Diese avantgardistischen Stücke nehmen mit ihrer Nähe zum Jazz sogar ein wenig bereits die experimentellen Giallo-Musiken vorweg, mit denen Morricone nur ein paar Jahre später viele Zuschauer verunsichern und erschrecken sollte.
Doch es ist vor allem Rotondos Trompete, die für die Highlights sorgt: Das zweite große Thema der Filmmusik ist Un monumento, eingeführt im Film nach dem erfolgreichen Überfall am Fluss, wo es in erste Linie noch um die “Mission” der Konföderierten geht, der Jonas alles unterordnet und für den er auch den Tod zweier Mitstreiter in Kauf nimmt, die in seinen Worten nur “wegen des Geldes” dabei waren. Es ist eine getragene, feierliche Melodie für ein im Grunde wenig nobles Ansinnen, die sich in der Albumversion mit Chor und Vokalise von Edda dell’Orso zu einem typischen Morricone-Fanal steigert. Beide Themen treten in unterschiedlichen Varianten auf. Besonders interessant die Version von I Crudeli für akustische Gitarre (The Widow) für die Szene, in der Nat die “zweite” Witwe Claire (Norma Bengell) vor der Vergewaltigung durch seinen Halbbruder Jeff rettet. Gewissermaßen wird hier das Hauptthema der Grausamen zum Liebesthema, eine leise Version als Symbol für etwas Menschlichkeit in einer zynischen Welt. Zum Abschluss der Musik steht dann noch einmal das lakonische Un monumento. Jonas schleppt sich zum Rio Grande, bricht zusammen und zusammen mit der Flagge geht am Ende die Idee der Konföderierten wortwörtlich im Wasser des Flusses unter.
Discografische Notizen
Morricones Musik wurde über die Jahre immer wieder mal neu aufgelegt, zuletzt von GDM Records 2016 und 2017. Dabei handelt es sich im Grunde immer um die gleiche, rund 41-minütige und aus 17 Tracks bestehende Fassung. Das ist mehr Musik als tatsächlich im Film zu hören ist, wo einige Stücke eingekürzt wurden oder in leicht anderen Fassungen zu hören sind. Klanglich gibt es bei den neueren Versionen aber keine großen Unterschiede.
Der Film auf Blu-ray

Die Grausamen ist der erste Film, der in der auf zehn Teile angelegten Spaghetti all’arrabiatta Reihe exklusiv im Shop bei Koch Films/Plaion-Pictures im Jahr 2021 erschienen ist. Durch sein quadratisches Papphüllen-Format fällt die besondere Edition sofort ins Auge und glänzt mit einer liebevollen Ausstattung: Neben einem Filmposter ist ein ausführlicher Begleittext enthalten. Die Blu-Ray enthält ein Interview mit Ruggero Deodato (22 Minuten) und zwei Audiokommentare (von Filmhistoriker Troy Howart und Filmemacher Alex Cox). Entscheidender ist aber das sehr sorgfältig restaurierte Bild, das I Crudeli mit genügend Filmkorn und Tiefenschärfe präsentiert. Nur gelegentlich gibt es schwächere Szenen, die offensichtlich aus einer anderen Bild-Quelle stammen.






