Parallel Mothers – Alberto Iglesias: “Dissonanzen der Mutterschaft”

Es gibt nur wenige Regisseure, die die Tragödien des Alltags mit einer solchen Leichtigkeit und sensibler Eleganz einfangen, wie der spanische Regisseur Pedro Almodóvar. Seine bittersüßen Dramen machen sich schon seit vielen Jahren für eine tolerante, offene Gesellschaft stark und stellen immer wieder starke Frauenfiguren in ihren Mittelpunkt. So auch in Parallele Mütter – Parallel Mothers: Zwei werdende Mütter, Janis (Penélope Cruz) und Ana (Milena Smit), lernen sich zur Entbindung im Krankenhaus kennen und freunden sich miteinander an. Einige Monate später kommen Janis allerdings Zweifel, ob ihre Tochter Cecilia wirklich ihr leibliches Kind ist. Die Kleine sieht nämlich weder ihr noch dem Vater ähnlich. Ein DNA-Test bringt die schreckliche Gewissheit: Mit hundertprozentiger Sicherheit ist Janis nicht die Mutter. In ihr reift die Erkenntnis, dass die Babys bei der Geburt vertauscht worden sein müssen. Als sie nach einigen Monaten Ana zufällig wiedersieht, folgt der nächste Schock: Anas Tochter, mutmaßlich das leibliche Kind von Janis, ist am plötzlichen Kindstod verstorben.

Was sich nach einem seifigen, tränenreichen Melodram anhört, entwickelt sich bei Almodóvar dank einer präzisen Psychologisierung und der beiden hervorragenden Schauspielerinnen zu einer überzeugenden Analyse des Mutterseins in der heutigen Gesellschaft. Da kreist das Drehbuch um Fragen der Identität, verhandelt den Spagat zwischen Kind und Karriere, dem beide Alleinerziehenden ausgesetzt sind, erzählt von den belastenden Rollenerwartungen an Frauen, denen sich Janis und Ana widersetzen. In einer Rahmenhandlung wird zudem die Familiengeschichte von Janis aufgearbeitet: Ihr Urgroßvater wurde einst während des faschistischen Franco-Regimes von Falangisten ermordet. Arturo, der “On-off“-Partner von Janis, will das Massengrab öffnen lassen, um eine würdige Beerdigung der Toten zu ermöglichen. Bei Almodóvar ist alles verknüpft, bedingt einander. Das ist einerseits vielschichtig, wirkt mitunter aber auch etwas gewollt. Doch so konstruiert die Handlung auch erscheinen mag (und wohl auch ist): Unter der souveränen Regie des Altmeisters gelingt dennoch eindringliches, tiefgehendes Kino.

Zur besonderen Wirkung trägt auch die Filmmusik von Alberto Iglesias bei. Doch wenngleich sie sowohl für den Oscar als auch für den Golden Globe nominiert war, ging sie in der internationalen Presse und unter Fans nahezu komplett unter. Das erstaunt, doch ein näherer Blick auf die Komposition macht verständlich, warum das so ist. Denn Iglesias verwendet erneut eine sehr europäische Sensibilität, die vom aktuellen Hollywood-Sound kaum weiter entfernt sein könnte. Zwar gibt es in seiner kammermusikalischen Vertonung durchaus wiederkehrende Themen und Motive, aber eine mitreißende, unmittelbar berührende Melodie sucht man vergeblich. Das war auch schon bei seinen anderen Vertonungen für Almodóvar so, und Parallel Mothers bildet keine Ausnahme. Kurzum: Was hier auf der Tonspur erklingt, ist erfüllt von bittersüßer Melancholie, spröde und abgründig. Kein Wunder also, dass die Musik auf den ersten Blick nicht unbedingt zum wiederholten Hören einlädt.

Dabei ist durchaus interessant, wie Iglesias psychologisierend das Innenleben der Figuren nach außen kehrt. Nervöse Streicher, geisterhafte Harfen-Klänge und an Bernard Herrmanns Hitchcock-Musiken erinnernde Streicherharmonien, die dem Film beinahe die Stimmung eines Thrillers geben, spiegeln die ambivalenten Gefühle der zutiefst erschütterten Janis, die nicht weiß, wie sie mit der dramatischen Situation umgehen soll. Eine einfühlsame Klaviermelodie (El visillo volante, ab ca 1:36) steht dagegen für das kurz währende Babyglück. Je nachdem aber, wie das Schicksal zuschlägt, lässt Iglesias es ins Dissonante wandern. Für die Beziehung von Janis und Arturo gibt es eine Art Liebesthema für Streicher und Holzbläser – nicht romantisch ausschweifend, sondern mysteriös-abgründig – ein Verweis auf die “verbotene” Affäre zwischen den Beiden. Und natürlich atmet die Musik auch die spanische Folklore, die z.B. mit dezenten Fandango-Rhythmen auf die Tradition und Geschichte des Landes verweist. Phasenweise erinnert das Spiel des kleinen Ensembles mit Soli von Cello und Klarinette auch an die Strenge eines spröden kammermusikalischen Konzertwerks.

Leicht macht es dieses akustische Eintauchen in die menschliche Psyche dem Hörer also nicht. Und doch entpuppt sich die Komposition nach mehrmaligen Hördurchgängen als gleichermaßen charismatisches wie sperrig-undurchdringliches Werk. Besonders deutlich wird das auch am zehnminütigen La revelación del secreto, das mit seinen fahlen Klangfarben geradezu morbide anmutet und dem nichts Erlösendes anhaftet, obwohl es zwischen den beiden Frauen zur großen Aussprache kommt. Ebenso wie Almodóvars Film, verweigert sich auch Alberto Iglesias in seiner Musik jeglichem Kitsch. Für streicherselige Liebesromantik ist hier kein Platz, genauso wenig für einen verklärten Blick aufs Muttersein. Das ist natürlich ein konsequenter Gegenentwurf zum US-Kino, das nur zu gerne den Zusammenhalt und das Glück innerhalb der Familie feiert. Man kann natürlich fragen, ob Iglesias hier nicht doch eine Spur zu düster aufträgt angesichts der Tatsache, dass Janis und Ana eine liebevolle Beziehung verbindet und Janis sich letztendlich selbst mit Arturo aussöhnt. Aber es ist eben auch Teil der charakteristischen Tonsprache, die Regisseur und Komponist nun zum dreizehnten Mal pflegen. Typisch Almodóvar, typisch Iglesias – und in all seinen Schattierungen einmal mehr hörenswert.

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