Der Weltraum, unendliche Weiten – Entfernungen, die kaum zu überbrücken sind. Mit der Idee, dass dies eines Tages doch möglich sein könnte, spielten in den letzten Jahren einige Science-Fiction-Filme – von Interstellar, Passengers bis hin zu The Martian. Zugleich erzählten weitere Genre-Einträge von der ersten Begegnung mit außerirdischem Leben, etwa Arrival oder jüngst Spielbergs Disclosure Day. In diese Riege wollte sich Anfang 2026 auch Der Astronaut – Project Hail Mary einreihen. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Andy Weir erzählt der Film von einer globalen Bedrohung der Erde durch sogenannte Astrophagen: Mikroorganismen, die eine Infrarotlinie zwischen Sonne und Venus bilden, die sogenannte “Petrova-Linie”. Durch ihre ungehemmte Vermehrung kühlen sie die Sonne ab und bedrohen damit alles Leben auf der Erde. Das muss natürlich verhindert werden. Und so wird mit Ryland Grace (Ryan Gosling) ein Astronaut ins All geschickt, um die Menschheit vor der Auslöschung zu bewahren. Denn ein einzelner Stern am Firmament ist nicht vom seltsamen Virusbefall betroffen: Tau Ceti, 11,9 Lichtjahre von der Erde entfernt – und damit eigentlich für die Menschheit unerreichbar. Doch den Forschern gelingt es, die erstaunlichen Eigenschaften der Astrophagen für einen revolutionären Antrieb zu nutzen, der die weite Reise ins All ermöglicht. Und so geht eine dreiköpfige Crew um den Molekularzellbiologen und Mittelschullehrer Grace an Bord des Raumschiffs – ein “Hail Mary” wie ein verzweifelter Rettungsversuch im US-Football genannt wird. Am Zielort wacht der in einen Tiefschlaf versetzte Forscher schließlich als einziger Überlebender auf. Doch er ist nicht ganz allein: Vor Ort befindet sich ein Alien-Spaceship mit einer steinernen Kreatur vom Planeten Eridani, die das gleiche Ziel verfolgt wie er. Der niedliche Rocky und Ryland freunden sich nach anfänglichen Kommunikationsproblemen an. Zusammen versuchen beide, das Rätsel um Tau Cetis Astrophagen-Immunität zu lösen.
Was in der Romanvorlage zum Bestseller avancierte, nicht zuletzt, weil Andy Weir ein geschicktes Händchen dafür besitzt, spekulative Science-Fiction mit wissenschaftlichen Hintergründen zu verbinden und dem Leser komplexe Vorgänge anschaulich zu erklären, funktioniert auf der großen Leinwand leider weniger. Die beiden Regisseure Phil Lord und Chris Miller scheinen sich nie ganz entscheiden zu können, ob sie eine unterhaltsame Weltraumkomödie oder ein fesselndes Weltuntergangsszenario inszenieren wollen. Goslings Ryland Grace stolpert wie ein unreifes Kind durchs Raumschiff – was angesichts seiner wissenschaftlichen Reputation und des drohenden Weltuntergangs ziemlich deplatziert wirkt. Gleiches gilt für die Begegnung mit Rocky mit reichlich infantilen Dialogen. Die lockere Erzählweise will nicht so recht zum Ernst der Lage passen und steht dem epischen Anspruch des mit 157 Minuten überlangen Weltraumabenteuers unvereinbar gegenüber. Auch sonst geht kaum etwas zusammen: Das Drehbuch wirkt plump aus unzähligen Vorbildern zusammengeklaubt und bietet kaum mehr als eine banale Buddy-Story zwischen Mensch und Alien. Die wissenschaftlichen Hintergründe, die viel vom Reiz der Vorlage ausmachen, spielen hier praktisch keine Rolle mehr. Der Inszenierung fehlt zudem ein guter Erzählrhythmus, was zum Teil auch an den ungelenk integrierten Rückblenden liegt. Das Talent von Sandra Hüller als “Chief in Command” wird hier nicht nur völlig verschenkt. Viele der Einschübe – wie die Karaokeszene oder der kleine Twist, der erklärt, wie Grace eigentlich für die Mission ausgewählt wurde – bremsen die Erzählung unnötig aus und fühlen sich überflüssig an.
Dazu produziert die Inszenierung allein Bilder, die in den letzten Jahren bereits zahllos in vergleichbaren Produktionen zu sehen waren. Und auch die Musik von Daniel Pemberton weiß nur wenig mit dem generisch anmutenden Stoff anzufangen. Er tut in seiner Vertonung deshalb das, was viele Komponisten in den letzten Jahren gerne tun, wenn keine klassische Herangehensweise gewünscht ist: In seiner hybriden Musik setzt er den Fokus ganz auf rhythmische Experimente, deren vordergründige Aufgabe darin besteht, das Weltraum-Setting in ein funkelndes akustisches Gewand zu kleiden. Die betriebene Klangtüftelei ist durchaus beachtlich: Für das zentrale Signalmotiv (prominent zu hören gleich zu Beginn von God Willing) sampelte er etwa den quiekenden Wasserhahn im Haus eines Freundes. Pemberton versammelte im Studio eine Gruppe Schulkinder, bei dem die Jungen Rhythmen erzeugen, indem sie klatschen oder gemeinsam die Hände auf Oberschenkel, Brust oder Knie schlagen. Natürlich gibt es auch ungewöhnliche Instrumente: So erklingen neben dem Ondes Martenot und der Glasharmonika auch ein Cristal Baschet: Es besteht aus Glasstäben, die mit angefeuchteten Fingern gerieben werden. Die Schwingungen werden über Metallbolzen an große Resonatoren weitergeleitet – wodurch ein besonders sphärischer Klang entsteht. Und natürlich wird auch auf allem geschlagen, was gerade greifbar war: Neben Steeldrums kamen beispielsweise Metallpfannen und Holzblöcke zum Einsatz, um die geschäftigen Rhythmen zu erzeugen, die Grace bei seiner Forschungsarbeit begleiten.
Diese perkussiven Stücke erinnern in ihrer oft leichtfüßigen Verspieltheit deutlich an Thomas Newman (Elemental, Passengers), dessen Arbeiten offensichtlich als Temptrack beim Drehen dienten. Ganz anders die emotionalen Momente: Knabensopran und Chor besingen wortlos die Wunder des Weltalls. Das Problem nur: Die Bilder geben das kaum her. Zu keinem Zeitpunkt hat man als Zuschauer ernsthaft das Gefühl, sich im Weltraum zu befinden. Stattdessen erscheint das Raumschiff wie ein kurioser Spielplatz für die ungewöhnliche Mensch-Alien-WG, in der sich jedes auftretende Problem in Windeseile lösen lässt. Und wenn die Musik dann versucht, im Stil von Hans Zimmers Interstellar die Leinwand zu transzendieren, fühlt sich dies seltsam falsch an. Das liegt aber nicht nur am wenig organischen Wechsel zwischen komödiantisch-niedlichem und dramatischem Tonfall, sondern auch daran, dass Pemberton mit vereinten Kräften von Chor, Sopran und Orchester oftmals viel zu dick aufträgt. Ohnehin entsteht beim Hören der rund zweistündigen Komposition der Eindruck eines sehr undifferenzierten, weitflächigen Musikeinsatzes, der pausenlos auf die Sinne feuert und dadurch zwangsläufig die Dramaturgie vernachlässigt. Ständig tackert irgendein Rhythmus, ertönt ein Signalmotiv oder versuchen die sakralen Gesänge, der Handlung mehr Bedeutung zu verleihen. Andere Modi der Gestaltung kennt Pembertons Vertonung nicht. Sieht man von der ein oder anderen originellen Detailidee wie den Reggae-Beats in Clock Numbers oder manchem griffigen Groove ab, fehlen zudem echte Highlights. Auf Dauer ermüdet die Gleichförmigkeit, mit der die Musik die Handlung begleitet. Vor allem thematisch bleibt die Komposition blass. Zwar gibt es einzelne markante Motive: Neben dem bereits erwähnten Signalmotiv und der kurzen spirituellen Weltraumwunder-Melodie (eingeführt in Ryland Grace, Cognition Assessment ab 0:15) erhält etwa Rocky einen vertrackten Rhythmus (Clock Numbers), der gut zu seinem steinernen Wesen passt. Doch all diese Akzente bleiben seltsam kurzatmig, weil es ihnen letztlich an Entwicklung und Variation mangelt.
Pembertons Musik schafft es nicht, mit den Bildern eine Einheit zu formen, die mehr bildet als die Summe der Einzelteile. Und das unterscheidet seine Arbeit von Hans Zimmers Interstellar, die als Vorbild immer durchscheint – besonders deutlich in den Orgelklängen im melancholischen You were loved (Burial). Man kann dem ambitionierten Komponisten zwar nicht vorwerfen, keine charismatische Vertonung geschaffen zu haben. Die Liebe zum Detail und die versierte Klangtüftelei heben Project Hail Mary durchaus von vielen generischen Vertonungen im Genre ab. Dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass Film und Musik schlichtweg ein paar Jahre zu spät kommen. Alles, was der Film zeigt, hat man bei den Vorbildern schon besser gesehen, und hinsichtlich der Musik besser gehört. Dass der Soundtrack zum Filmstart in kompletter Länge von knapp zwei Stunden veröffentlicht wurde, bessert die Sache ebenfalls nicht. Letztendlich musste wohl selbst Daniel Pemberton dies einsehen: Kurz nach dem Filmstart präsentierte er bei Spotify eine deutlich komprimierte 62-minütige Playlist, die einige der mehr zum atmosphärischen Ambient-Sound tendierenden Stücke ausspart. In dieser Fassung bleibt immerhin eine gefällige, unterhaltsame Musik übrig, die die genannten Probleme aber trotzdem nie ganz abschütteln kann.






