Das Grauen kommt in Drag me to Hell plötzlich und unerwartet. Ohne erkennbaren Grund trifft es die aufstrebende Bankangestellte Christine Brown (Alison Lohman): Eines Tages taucht eine unheimliche alte Dame mit dem seltsamen Namen Ganush in ihrem Büro auf und bittet darum, die Hypothek auf ihr Haus ein drittes Mal zu verlängern. Christine, die kurz zuvor von ihrem Chef dazu aufgefordert wurde, auch mal harte Entscheidungen zu treffen, wenn sie denn zur Bankmanagerin aufsteigen wolle, lehnt ihre Bitte trotz allen Flehens ab. Ein folgenschwerer Fehler, denn die Alte hat es in sich und lauert der Bankerin in der Tiefgarage auf. Nach einem drastischen Kampf spricht sie einen “Lamia”-Fluch auf den abgerissenen Knopf von Christines Mantel aus: Fortan wird die junge Frau von Halluzinationen und dämonischen Erscheinungen geplagt. Doch das ist erst der Anfang: Laut Prophezeiung soll sich am dritten Tag ein Schlund in der Erde auftun und sie tief hinab in die Hölle ziehen.
Sam Raimi inszeniert dieses schwere Martyrium als höllischen Spaß. Vor allem ist das eine riesengroße Sauerei, in der das dämonische Böse die arme Christine (Alison Lohman musste beim Dreh offenbar so einiges über sich ergehen lassen) immer wieder mit Schleim, Blut, Schlamm und Getier besudelt und die junge Frau allerhand Qualen durchleiden lässt. Das ist bisweilen so dermaßen überzogen, dass man laut auflachen muss: Einmal wacht Christine in einer Halluzination neben Ganush im Bett auf, die als Morgengruß sofort einen Schwall Würmer über ihr Opfer erbricht. Später fährt der Dämon bei einer Séance plötzlich in einen Ziegenbock und lässt den Assistenten des Mediums einen grotesken Feuertanz aufführen. Doch trotz solcher überzeichneter Absurditäten gelingt Raimi das erstaunliche Kunststück, Humor und Spannung so geschickt auszubalancieren, dass Drag me to Hell zu keinem Zeitpunkt komplett ins Alberne abrutscht oder im Erzähltempo nachlässt. Man fiebert förmlich mit der sich nach Kräften wehrenden Christine, bangt, ob sie sich dem Lamia entziehen kann. Interessant sind dabei die kaum übersehbaren Bezüge zu ihrer Körperlichkeit: Einst litt sie unter einer Essstörung und Übergewicht, was ihr den zweifelhaften Titel der “Pork Queen” – der Schweinekönigin – einbrachte. Angeblich leidet sie unter einer Laktoseintoleranz, die sich später als nicht existent entpuppt. Ständig wird etwas erbrochen oder in Münder gestopft. Vor allem aber fällt auf, wie Christine laufend von fast allen Menschen um sie herum begutachtet und bewertet wird, ob im Büro, von der feindseligen Mutter ihres Freundes oder Ganush selbst. Und ist die im Zerfall begriffene Alte mit ihren zweiten Zähnen nicht ohnehin ein Sinnbild für die Vergänglichkeit aller Schönheit? Es wäre daher vorschnell, Drag me to Hell ausschließlich als grelle Horror-Komödie zu rezipieren. Auf den zweiten Blick drängt sich nämlich eine allegorische Lesart auf, bei der sich Christines innere Dämonen als Heimsuchungen des Bösen manifestieren.
Doch selbst wenn man so weit nicht gehen möchte, bereitet Sam Raimis Rückkehr zu seinen Horrorwurzeln, viele Jahre nach dem Tanz der Teufel, einen Heidenspaß. Beträchtlichen Anteil daran hat die Vertonung von Christopher Young (Hellraiser, Bless the Child). Gleich die Vorspannmusik (Drag me to Hell) setzt den unmissverständlichen Tonfall für Raimis Film: Die Solovioline vollführt da zusammen mit Orchester und Chor einen furiosen diabolischen Tanz. Durch übereinandergelegte Tonspuren ließ Young die Solovioline als „Teufelsgeige“ mit zehn Fingern spielen. Dadurch entsteht ein bemerkenswerter Effekt des Außerweltlichen. Doch gleichzeitig spricht das markante Hauptthema eine geradezu unwiderstehliche Einladung zu Sam Raimis lustvoller Verneigung vor dem Horrorkino aus. Genauso wie der versierte Horrorregisseur mit ironischer Brechung alle Register des Dämonenspektakels zieht, überzeichnet auch Youngs Filmmusik, ohne jemals die Binnenspannung der Inszenierung zu vernachlässigen. Wie doppelbödig dieses Spiel ist, beweist auch das Hauptthema für Christine (Tale of a haunted Banker), eine mit viel Hall versehene Klaviermelodie, die ein wenig den Keyboard-Sound der 80er-Jahre wiederbelebt, aber gleichzeitig hervorragend als melancholisch-warme Melodie für die mit ihrem Schicksal hadernde Protagonistin funktioniert.
Natürlich benötigt auch Drag me to Hell eine Vielzahl klassischer Horroreffekte, um zu funktionieren. Alles ist hier vorhanden: Geräuschhaftes und metallisch klingende Clustereffekte, der mal flüsternde, mal kreischende Chor, schrille Dissonanzen in den Streichern, oder der Einsatz der Orgel. Christopher Young ist seit vielen Jahren ein erfahrener Komponist im Horrorgenre und diese Könnerschaft merkt man jeder einzelnen Note an. Gleichzeitig bewegt sich seine Musik damit natürlich auch auf relativ ausgetretenen Pfaden. Am stärksten ist sie deshalb immer dann, wenn sie eines der Hauptthemen verarbeitet, sei es in Variationen des Christine-Themas oder beim Erklingen der „Teufelsgeige”. Daraus generiert Young großartige atmosphärische Momente, wie im ätherischen Ordeal by Corpse, in dem das Diabolische im Hintergrund lauert. Synths, Geige und Chor deuten das Hauptthema an – Vorboten des auf Christine lastenden Fluchs. Erstaunlich ist, wie gut ihre einfühlsame Klaviermelodie in Familiar Familiars oder Brick Dogs à la carte funktioniert und Anteil an ihrem Schicksal nimmt. Doch derartige Ruhepausen währen nur kurz. Ebenso überzeugend ist das dritte große Thema der Komposition, ein furioser Tanz für den Fluch, zu hören in der berüchtigten Séance-Szene (Lamia ab 2:20 Min.), die völlig im Chaos endet, und als Marsch zum bitterbösen Finale in Auto da Fe. Für den Abschluss seiner Musik präsentiert Young dann als Gegenstück zum Beginn das Hauptthema im sechsminütigen Concerto to Hell, eine furiose Konzertfassung, die zu den großen filmmusikalischen Höhepunkten des Kinojahres 2009 zählt.
Es ist natürlich schade, dass eine solche Filmmusik niemals eine Chance hatte, auch nur in die Nähe einer Oscar-Nominierung zu kommen. Was das angeht, wurde Christopher Young ohnehin über viele Jahre komplett übersehen, weil Genre-Beiträge wie dieser oder etwa sein Hellraiser es bei der Academy traditionell schwer haben. Ärgerlich ist das im Fall von Drag me to Hell aber dennoch. Der Film ist einer der besten Horrorfilme der 2000er-Jahre und die Musik eine der besten Horror-Vertonungen des Jahrzehnts. So charismatisch und mitreißend geht es auf der Tonspur sonst nur selten zu, wenn der Teufel oder einer seiner Gesellen zuschlagen. Das gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass heute viele Vertonungen vor allem zum experimentellen Sounddesign tendieren und nur sehr begrenzt musikalische Eigenständigkeit besitzen. Wirklich schade also, dass die Subtexte des Drehbuchs und die besonderen Qualitäten von Youngs Soundtrack an den Abstimmenden komplett vorbeigegangen sind.






