Des Teufels Bad – Soap & Skin: “Mooreiche, mosige”

Im 17. und 18. Jahrhundert gab es im deutschsprachigen Raum das Phänomen des “indirekten Selbstmords”. Weil der Freitod von Kirche und Gesellschaft geächtet war und in solchen Fällen keine Beerdigung zugestanden wurde, griffen Suizidale zu einem besonderen Trick: Sie begingen ein Kapitalverbrechen, auf das die Todesstrafe stand, und ließen sich durch die Beichte von allen Sünden freisprechen. So konnten sie mit Gottes Segen aus der Welt scheiden. Auch wenn die Quellenlage lückenhaft ist, konnte die britische Historikerin Kathy Stuart rund 400 solcher Fälle nachweisen. Das Drama Des Teufels Bad basiert auf einem – durch erhaltene Gerichtsprotokolle – besonders gut dokumentierten Verbrechen, bei dem die Bäuerin Ewa Lizlfellner im November 1761 einen zweijährigen Jungen in die Strömung eines Flusses warf. Mit dieser schrecklichen Tat beginnt auch der Prolog des Films von Veronika Franz und Severin Fiala (Ich seh Ich seh). Danach steht aber die junge Agnes (eindrucksvoll: Anja Plaschg) im Mittelpunkt, die frisch verheiratet mit dem “Wolf”, einem Fischer, in dessen karges Haus im Nachbardorf zieht. Doch das Leben in der Einöde ist reich an Entbehrungen und gezeichnet von der harten Schinderei am Fluss. Auch die Ehe bringt ihr keinerlei Erfüllung: Ihr Mann rührt sie nachts nicht an und die übergriffige Schwiegermutter mischt sich ständig in ihre Hausarbeit ein. Agnes vereinsamt innerlich und zerbricht zunehmend am gesellschaftlichen Druck. Sie entwickelt eine schwere Depression – im Volksmund damals “Teufels Bad” genannt.

Franz & Fiala inszenieren ihren Leidensweg in spröden, düsteren Bildern mit viel Blut, Schlamm, Würmern und abgetrennten Köpfen. Das erinnert in seinen Versatzstücken an einschlägiges Horrorkino. Doch das Grauen entspringt hier komplett der Realität. Alles ist sorgfältig recherchiert: Wenn hingerichtete Frauen öffentlich ausgestellt werden, Agnes sich einen abgeschnittenen Finger als “Glücksbringer” unter ihr Kopfkissen legt oder das Blut der Enthaupteten getrunken wird – weil sich die Menschen davon Heilskräfte versprechen – dann entspricht das tatsächlich dem Volksglauben des 17. und 18. Jahrhunderts. Gleichzeitig beeindruckt die sorgfältige Ausstattung, die das Dorfleben vor über 250 Jahren, gefilmt mit natürlicher Beleuchtung, so überzeugend einfängt, dass man sich an einen Dokumentarfilm erinnert fühlt. Das kommt nicht von ungefähr: Die historischen Quellen ermöglichten einen präzisen Blick in das Innenleben der Selbstmörder. Sie belegen die dramatischen Konsequenzen einer Gesellschaft, die kein Andersein duldete und Menschen auf feste Rollenerwartungen reduzierte. Konnte oder wollte ein Einzelner dem nicht entsprechen, blieb in letzter Konsequenz – das ist die bittere Erkenntnis – nur der Tod als Ausweg. Hoffnung oder Aussicht auf Besserung waren für die Betroffenen in einer solchen von engen Moralvorstellungen geprägten Welt nahezu unmöglich.

Doch leider garantieren ein wichtiges Thema und großer Realismus noch lange keinen guten Film. Während die erste Hälfte in ihrer bedrückenden Intensität noch fesselt , nutzen sich die deprimierende Ausweglosigkeit und die Aneinanderreihung von Leid und Qualen mit zunehmender Laufzeit immer mehr ab. Das liegt auch daran, dass – hat man einmal verstanden, worum es geht – erzählerisch – nur wenig Neues hinzukommt. Durch das vorgezeichnete Schicksal von Agnes, das im Grunde exakt die Handlung des Prologs spiegelt, fällt es der Inszenierung schwer, die Spannung aufrechtzuerhalten. Über lange zwei Stunden schaut man dabei zu, wie sich die junge Frau quält, aufzehrt und schließlich völlig den Bezug zur Realität verliert. Das ist in Teilen dank des einfühlsamen und sehr präsenten Spiels der charismatischen Soap&Skin-Sängerin Anja Plaschg sehr berührend. Doch die bedrückende Freudlosigkeit führt zu einer filmischen Statik, die zwar das Gefühl des Gefangenseins geschickt auf den Zuschauer überträgt, damit aber inhaltlich auf der Stelle tritt. Produziert wurde Des Teufels Bad von Skandalfilmer Ulrich Seidl, und so verwundert es nicht, dass das ungeschönte Historiendrama seinen Zuschauern einiges zumutet und auf das Schicksal der Hauptfigur durch eine vom Horrorkino geschulte Brille schaut. Das sei ein Symbol für den “inneren Horror” hat Severin Fiala in einem Interview erklärt. Und so kehrt sich das Innere von Agnes in der stilisierten Inszenierung konsequent nach außen. Doch das Ausstellen makaberer Bräuche und Sitten ermüdet nicht nur, es steht zwangsläufig auch einem präziseren Gesellschaftsporträt im Weg. Ob etwa das Dorfleben trotz aller aus heutiger Sicht unvorstellbaren, Härten wirklich so ernst, trost- und hoffnungslos war, wie hier dargestellt, erscheint eher zweifelhaft.

Wie sehr die morbide Atmosphäre im Vordergrund steht, belegt auch ein Blick auf die Filmmusik, die Anja Plaschg unter ihrem Künstlernamen Soap&Skin selbst komponiert hat. Angesichts des beinahe dokumentarischen Habitus der Inszenierung verwundert es fast, dass es überhaupt eine Vertonung gibt. Aber natürlich macht das schon Sinn, wenn der Film eben auch als “Horror-Drama” funktionieren soll. Wie so oft in den letzten Jahren ist die Filmmusik allerdings kaum mehr als eine statisch-düstere Klangschicht, die allein die Bilder doppelt und die bleierne Enge des Films in Töne fasst. Dabei verwendet Plaschg eine ungewöhnliche Besetzung, bei der neben den Streichern mit der Drehleier (die wir heute eher mit dem Mittelalter verbinden) ein typisches Instrument aus der Volksmusik des 18. Jahrhunderts zum Einsatz kommt. Doch die pastoralen Stimmungsbilder, bei denen Streicher und die Drehleier spröde aufspielen (Mooreiche, moosig) weichen schnell experimentelleren Stücken, die sich von der historischen Musikpraxis entfernen. Wenn im versponnenen Schmetterling das armenische Duduk gespielt wird, erzeugt die Komponistin durch langgezogene Töne ein Gefühl der Lähmung. Doch das sind noch die positivsten Stimmungsbilder einer Musik, die alsbald völlig auf Abgründe zusteuert und immer wieder mit perkussiven oder geräuschhaften Effekten den fortschreitenden Zustand der Krankheit abbildet. Die brüchige Trompete in Depression beschreitet diesen Weg weiter. In Gedächtnis werden flächig-flirrende Streicher, von wiederkehrenden Vokalisen und tiefen elektronischen Drones überlagert. Vibrierende Orgelklänge bringen in Freispruch eine scheinbare Erlösung und fungieren gleichzeitig auch als Karikatur klassischer Kirchenmusik. Es ist abermals die Dekonstruktion konventioneller Musik, wie man sie bereits aus Horrorfilmen wie Annihilation und Hereditary kennt. Allein für den Abspann hat Anja Plaschg ihrer Filmfigur mit Maria ein eigenes, von Zeit und Raum entrücktes, Marienlied auf den Leib geschrieben.

Es ist das Schlusssstück einer dreißigminütigen Filmmusik, die sich wie die Vorbilder sehr viel Mühe gibt, durch Klangtüftelei einen eigenwilligen Sound für diese sehr besondere Passionsgeschichte zu entwickeln. Das gelingt Anja Plaschg auch auf überzeugende Art und Weise. Dennoch bleibt ihre Musik durch den Verzicht auf greifbare Themen oder Motivarbeit sehr eng mit den Bildern verzahnt. Als musikalische Entsprechung für eine Depression funktionieren die zehn Stücke zwar gut. Ansonsten bleiben sie aber viel zu statisch und monoton, als dass man sie zum autonomen Hören empfehlen könnte. Des Teufels Bad ist ohnehin kein Film, den man wieder und wieder sehen möchte, selbst wenn man ihn – wie es viele Kritiken getan haben – in den höchsten Tönen lobt. Und Gleiches gilt letztendlich auch für die schwermütige Musik, die sich zwar ganz in den Dienst des Films stellt, darüber hinaus aber nur wenig eigene Akzente zu setzen vermag.

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