Die Corona-Zeit und die Folgejahre liefen nicht gut für das Animationsstudio Pixar: Einige ihrer Filme wie Onward, Luca oder Turning Red blieben weit hinter den kommerziellen Erwartungen zurück. Nur Soul (2020) bildete die rühmliche Ausnahme. Ein Zugpferd, das seit dem ersten Kinofilm von 1995 zuverlässig funktioniert hat, ist das Toy-Story-Franchise, das bislang (Stand 2026) mit jedem neuen Eintrag in der Reihe das Einspielergebnis des jeweiligen Vorgängers übertrumpfen konnte. Bei so viel loyaler Publikumstreue verwundert es nicht, dass man 2022 mit Lightyear den Versuch wagte, mit einem Abenteuer des Space Rangers Buzz ein Spin-off zu etablieren. Die Prämisse ist hier aber freilich eine andere: In einer Texteinblendung erfahren wir, dass dies der Lieblingsfilm von Andy gewesen sein soll, weshalb er sich die Actionfigur zum Geburtstag gewünscht hatte – bekanntlich der Ausgangspunkt des ersten Toy Story, in dem das neue Geschenk die Spielzeugbande durcheinanderwirbelt. Entsprechend hat der Buzz aus Lightyear wenig mit der Figur zu tun, die alle kennen, und sieht eben etwas anders aus. Und vielleicht liegt es auch genau daran, dass der Ableger floppte. Denn als ironisch-gebrochener Held funktionierte Buzz in den Originalfilmen so wunderbar, weil man ihn nie ganz ernst nehmen konnte, sein sympathischer Enthusiasmus Woody & Co. aber trotzdem aus mancher misslichen Lage rettete. Diese Ebene fehlt im Film von Angus MacLane leider völlig. Stattdessen wird unser Held auf ein klassisches Abenteuer geschickt. Mit der Mannschaft seines Forschungsraumschiffs ist er auf dem unwirtlichen Planeten T’Kani Prime gestrandet, der von giftgrünen Schlingenpflanzen beherrsct wird. Buzz ist besessen davon, einen neuen Kristall-Antrieb zu entwicklen, der die Heimreise ermöglicht. Doch wenn er nach einem Testflug zurückkommt, sind jedesmal viele Jahre vergangen. Und eines Tages wird der Planet vom berüchtigten “Emperor Zurg” belagert, der bereits in den Toy-Story-Filmen als Film-in-Film-Widersacher auftauchte.
Dass dieser Plot beim Publikum nicht zu zünden vermochte, hat mehrere Gründe: So fehlt wie schon bei einigen der jüngeren Pixar-Produktionen eine wirklich zündende, frische Idee. Dabei wäre ein gewisser Retro-Charme, schließlich wird Lightyear als eine Produktion der 90er-Jahre beschrieben, eine naheliegende Idee gewesen. Stattdessen bietet der Film nicht nur State-of-the-Art-Animation, sondern reproduziert auch viel Pixar-Bekanntes. Da gibt es etwa eine bittersüße Zeitraffer-Montage, die wie schon in Oben ein ganzes Leben rekapituliert. Und natürlich erhält Buzz auch den obligatorisch niedlichen Sidekick: eine kleine, orangefarbene Roboter-Katze namens Sox, die ihm dabei helfen soll, die emotionale Belastung angesichts der erlebten Zeitsprünge zu bewältigen, letztlich aber als KI auf vier Beinen fungiert. Dazu plündert sich das Drehbuch durch einige bekannte Science-Fiction-Tropen. Vor allem die Neuauflage von Lost in Space ist hier, was sowohl die feindlichen Roboter als auch das Stranden auf einem fremden Planeten angeht, neben Star Wars und Star Trek eines der offensichtlichen Vorbilder. So fühlt sich Lightyear für einen Pixar-Film seltsam generisch und ideenarm an. Möglicherweise fällt es aber auch einfach schwer, Buzz, nachdem ihn alle Toy-Story-Filme jahrelang als charmant-dickköpfiges “Plastik-Spielzeug” etabliert haben, nun plötzlich als ernsthaften Leinwandhelden zu akzeptieren.
Entsprechend bemüht sich auch Michael Giacchino mit seiner orchestralen Filmmusik, dem Space Ranger akustisch ein neues Gewand zu geben. Vom kleinteiligen Mickey-Mousing von Randy Newman ist hier nichts zu hören, auch dessen “To Infinity and Beyond”-Leitmotiv taucht nicht auf. Stattdessen gibt es ein neues Thema für den Helden, eine strahlende Fanfare, bestehend aus vier Noten, die grenzenlosen Optimismus verströmt. Mit diesem einfachen, aber effektvollen Motiv ist dem Komponisten ein echter Ohrwurm gelungen, wie man ihn im heutigen Kino nur noch selten hört. Das Problem ist aber: Es taucht in der Komposition unzählige Male in wechselnder Instrumentierung auf – ohne große Variation oder Entwicklung. Doch wie oft kann man ein prägnantes Thema hintereinander hören, bevor es anfängt, langweilig zu werden? Diese Frage kann und muss sich jeder mit Lightyear individuell beantworten. Zur Verteidigung ist aber auch festzuhalten, dass die Musik, wenn das Thema mit viel Pathos in den Hörnern erklingt, hübsch von den Flöten umspielt wird oder süffig in den Streichern erstrahlt – bei aller Redundanz einigen Hörreiz entfaltet.
Und abgesehen davon ist sie keinesfalls monothematisch. Denn es gibt durchaus andere Akzente: eine melancholische Vergänglichkeits-Melodie (Lightyear’s Behind, ab 1:05 Minute) und einen zackigen russisch klingenden Choral für den Bösewicht Zurg (Zurg’s Displeasure), mitunter auch als kerniger “Imperial March”-Verschnitt (etwa in der One Buzz Suite ab 4:44 Minute) zu hören. Diese beiden Ideen spielen zwar insgesamt nur eine untergeordnete Rolle, erfahren in der Musik aber doch mehr Entwicklung als das Hauptthema selbst. Vor allem der Zurg-Marsch bietet einen kraftvollen Kontrast zum Glanz der Buzz-Fanfare. Die melodische Einfallskraft ist ohnehin eine Stärke von Giacchinos Lightyear. Kritischer zu sehen ist, wie stereotyp der Hollywood-Routinier ansonsten die Weltraum-Action begleitet. Der erfahrene Routinier greift hier fast ausschließlich auf Blaupausen aus Star Wars, Gustav Holsts Die Planeten und den eigenen Werken der Vergangenheit (von Star Trek bis Tomorrowland) zurück. Man kennt alle Versatzstücke zur Genüge: die Fanfaren, Märsche und den glitzernden Pathos – und man hat sie alle bei den großen Vorbildern schon besser gehört.
Trotzdem ist es natürlich sympathisch, dass Michael Giacchino hier fast ausschließlich sinfonisch arbeitet; sein Lightyear weiß als orchestrale Space-Opera durchaus zu unterhalten. Was ihm aber überhaupt nicht gelingt, ist es, den Abenteuern von Buzz eine eigene musikalische Identität zu verleihen, die den Toy-Story-Ableger derart zum Leben erweckt, dass wirklich das Gefühl entstünde, hier könnte eine neue Franchise-Reihe entstehen (eine Richtung, die die Szene nach dem Abspann andeutet). In mancher Rezension war zu lesen, dass der Film seltsam kühl wirke. Das liegt natürlich zuallererst am wenig inspirierten Drehbuch. Doch ganz unschuldig an diesem Eindruck ist die Musik leider auch nicht, da sie trotz der markanten Themen am Ende des Tages viel zu stereotyp bleibt. Allein die wunderschöne zwölfminütige End-Credits-Suite (One Buzz Suite) dürfte als perfektes Kondensat ein aussichtsreicher Kandidat für jede zukünftige Best-of-Zusammenstellung des Komponisten sein.






