
Die Wachowski-Brüder Larry und Andy (die nach ihrer Transition heute Lana und Lilly heißen) hatten Mitte der 1990er-Jahre die Idee zu einer düsteren Science-Fiction-Dystopie namens The Matrix. Doch als Neulingen im Filmgeschäft traute man ihnen nicht ohne Weiteres zu, ein solches Großprojekt zu stemmen. Um gute Argumente für sich zu sammeln, inszenierten sie deshalb mit kleinem Budget den ungewöhnlichen Noir-Thriller Bound – Gefesselt von 1996. Auch wenn dem Film kein großer Erfolg an den Kinokassen beschieden war, reichten die positiven Besprechungen aus, um bei Warner grünes Licht zu bekommen. Der Rest ist – fraglos turbulente – Filmgeschichte. Als The Matrix mit Keanu Reeves durch die Decke ging, war der Erstling der Wachowskis allerdings bereits ein wenig in Vergessenheit geraten. Zu Unrecht – denn Bound ist eine bemerkenswerte Fingerübung, die nicht nur raffiniert mit filmischen Konventionen spielt, sondern aus heutiger Sicht bereits lange Schatten auf die Abenteuer von Neo vorauswirft: Im Mittelpunkt stehen zwei junge Frauen, die sich zum ersten Mal im Fahrstuhl eines großen Wohnkomplexes begegnen. Die eine, die toughe Corky (Gina Gershon), hat gerade eine Haftstrafe verbüßt und hält sich nun mit Renovierungsarbeiten über Wasser. Die andere, Violet (Jennifer Tilly), ist das Liebchen des selbstverliebten Mafioso Caesar (Joe Pantoliano), der gerade dabei ist, ein großes Geschäft abzuwickeln. Doch wie es der Zufall so will, liegen das Apartment, dessen Wände Corky gerade streicht, und das des eitlen Mobsters direkt nebeneinander.
Von der ersten Sekunde an knistert es zwischen den ungleichen Frauen und sie schmieden einen Plan, um Caesar und seinen Bossen aus Chicago das Geld abzuluchsen. Doch wie schon die Eröffnungsszene zeigt, in der wir Corky gefesselt in einem Kleiderschrank sehen, wird der Plan offensichtlich nicht glattgehen. Es kommt zu einem irrwitzigen Katz-und-Maus-Spiel und der Weg zum Ziel ist mit einigen Leichen gepflastert. Auch wenn der Plot von Bound heute angesichts der allgegenwärtigen LGBTQ+-Bewegung wohl kaum mehr einen Skandal erzeugen würde, erregte er Mitte der 90er-Jahre noch einiges Aufsehen. Ein lesbisches Gangsterpärchen war vorher im Kino in dieser Offenheit (und nicht nur als Subtext wie bei Thelma & Louise) nicht zu sehen gewesen. Zugleich wurde Bound als Erotikthriller auf den Spuren von Basic Instinct vermarktet, eine PR-Strategie, die allerdings in die Irre führt. Zwar gibt es eine elegant gefilmte Sexszene, doch Explizites spielt ansonsten nur eine untergeordnete Rolle. Bemerkenswert ist, wie die Wachowskis das Verhältnis zwischen Männern und Frauen inszenieren: Es sind die Gangster, die sich in ihrem Narzissmus und ihrem eitlen Machthabitus gar nicht vorstellen können, dass Frauen wie Violet und Corky sie hintergehen, geschweige denn sogar gemeinsame Sache machen könnten. Die Misogynie der Mafiosi besiegelt letztlich ihren eigenen Untergang.

Während der eigentliche Plot um den Koffer voller Geld eher konventionell ausfällt, besticht der Erstling der Wachowskis vor allem auf filmischer Ebene: Das beginnt beim Cast. Nicht nur ist die Chemie zwischen Jennifer Tilly und Gina Gershon großartig; zum Szenendieb avanciert überraschend Joe Pantoliano, dessen nervös-hektischer Caesar bereits ein wenig seine Rolle in den Sopranos vorwegnimmt. Dass Bound mehr ist als nur ein weiterer Genrebeitrag, verdankt der Film auch der hervorragenden Kameraarbeit von Bill Pope, der später auch die Matrix-Trilogie und Sam Raimis Spider-Man-Trilogie filmen sollte: Seine Bildsprache besticht durch ihre ungewöhnlichen Perspektivwechsel und ihre markante Farbdramaturgie. Eine Szene, die direkt auf The Matrix vorgreift, ist die oben erwähnte Fahrstuhlszene: Pope filmt das fatale Dreigestirn der Figuren von oben; Corky und Violet tragen Lederjacken und Sonnenbrillen, Caesar einen dunklen Anzug und die rot-grünen Lichter der elektronischen Etagenanzeige nehmen bereits die Wahl zwischen der blauen und roten Pille vorweg, vor der Neo später stehen wird. Auch in Don Davis’ Filmmusik sind bereits erste Vorboten zu hören: gleich im Auftaktstück Closet Diving erklingt ab 0:55 Min. das ikonische Matrix-Motiv in einer frühen Vorform. Das eigentliche Hauptthema ist jedoch ein anderes: ein prägnantes Streichermotiv nach einer kurzen Bläser-Percussion-Figur – unheilvoll und abgründig, wie es sich für einen Film Noir gehört. Es steht für die Mafia und die Fatalität der von ihr ausgehenden Gewalt.
Ganz so stilsicher wie drei Jahre später bei seinem großen Durchbruch agiert Davis – der bis dahin hauptsächlich fürs Fernsehen und als Orchestrator tätig gewesen war – hier allerdings noch nicht. Für die Fahrstuhlszene setzt er etwa auf ein reines Jazzthema, das unvermittelt mit der orchestralen Intensität der Eröffnung bricht und nicht so recht zur elektrisierenden Energie zwischen Corky und Violet passen will. Besser funktioniert da schon Ravine Cuisine für die Szene, in der beide ihren Plan aushecken: Zu Beginn erklingt eine emotionale Klaviermelodie für die Liebenden, ehe ab 2:45 Min. ein abgründiges Spannungsthema die heraufziehende Gewaltspirale andeutet. Über weite Strecken regiert aber die brodelnde Spannungsuntermalung: sinistre Streicher, das nervös-perlende Klavier und immer wieder Figuren in den Blechbläsern, die The Matrix vorausahnen lassen. Die musikalische Moderne lässt hier bereits grüßen, wenngleich bei Weitem nicht so konsequent wie im späteren Science-Fiction-Klassiker: Drollig etwa, wenn Davis in Holy Mackerel perkussive Pistolenschüsse in die Musik integriert. Als stilistische Vorbilder für die eher konventionellen Suspense-Passagen dienten Davis nach eigener Aussage vor allem Ennio Morricone und Bernard Herrmann (insbesondere dessen Score zu Der unsichtbare Dritte / North by Northwest).

Es liegt in der Natur des Genres, dass die Filmmusik eher eine düster-brodelnde ist. Doch die Liebe zum Detail und der Abwechslungsreichtum sind dennoch bemerkenswert. Das gilt insbesondere auch für das Schlussstück, den Mambo Mamacita, der den Zuschauer als Kontrast mit fröhlichen lateinamerikanischen Rhythmen entlässt. Rückblickend ist es vor allem das prägnante Mafia-Thema, das der Komposition seinen Stempel aufdrückt. Natürlich erfindet Davis den Noir-Score nicht neu, und man merkt der Musik mitunter an, dass der Komponist und das Regie-Duo bei ihrem Erstling viel experimentierten und ihren Stil erst noch finden mussten. Doch genau diese Unebenheit – oder wenn man so will: Inkonsistenz – macht auch einen Großteil der unverbrauchten Frische der Musik aus. Wie gut Bound filmmusikalisch gealtert ist, beweist nicht zuletzt die Erstveröffentlichung des vollständigen Soundtracks (zum Kinostart hatte es 1996 nur eine Promo-CD gegeben) durch La-La Land Records im Jahr 2026. Das US-Label präsentiert nicht nur den kompletten Score in exzellentem Sound, sondern als Bonus auch eine konzertante Klavierversion des Mambothemas (Illicit Felicity), eingespielt von Jenny Lin. Einer fesselnden Neubegegnung mit dieser unterschätzten Davis-Musik steht also nichts mehr im Wege.






