The Odyssey – Ludwig Göransson: “Sehnsucht und Verlorenheit”

“A Face, A Fleet, A War,
A Man, A Thought, A Trick
A Trick to break the walls of Troy!”

Es sind markige Worte, mit denen der Sänger Travis Scott, der auch den ätherischen Schlusssong performt, als Barde die erste Szene von The Odyssey einleitet. Es ist eine vorweggenommene Inhaltsangabe, die dennoch in die Irre führt, wie ohnehin im neuen Film von Christopher Nolan alles anders erscheint. Nolan zählt derzeit zu den wenigen Regisseuren, die alles, was sie anfassen, in Gold verwandeln. Galten Historienschinken in den letzten Jahren im Allgemeinen als Kassengift, reicht bei ihm allein schon die Ankündigung einer Verfilmung von Homers Odyssee aus, um beim Publikum große Erwartungen zu schüren und die Diskussionen in den sozialen Netzwerken anzuheizen. Dies ist in diesem Fall auch deshalb bemerkenswert, weil die aus 24 Gesängen bestehende Dichtung aus dem 7. oder 8. Jahrhundert v. Chr. wahrlich keine leichte literarische Kost ist und in Schulen nur noch selten auf dem Lehrplan steht. Doch der Plan ging auf. Allen Unkenrufen zum Trotz wurde das dreistündige, im IMAX-Format gedrehte Epos zu einem der großen Kinoerfolge des Jahrgangs 2026. Dass dieser Stoff aus der griechischen Antike und Mythologie so viele Menschen in die Säle lockt, liegt aber nicht nur am großen Namen, sondern auch daran, dass Nolan der Balanceakt gelungen ist, den Stoff behutsam an heutige Sehgewohnheiten anzupassen, ihm eine eigene Lesart zu verleihen und ihn nebenbei zu “Hollywoodisieren”, ohne ihm die Seele zu rauben. Vieles ist dabei schon von der Anlage her spektakulär. Bereits der stargespickte Cast, angeführt von Matt Damon als Odysseus, beeindruckt: Da geben sich Anne Hathaway, Zendaya, Tom Holland, Robert Pattinson, Elliot Page, Mia Goth, Samantha Morton und Charlize Theron die Ehre – selbst wenn einige von ihnen nur kleine Nebenrollen verkörpern. Natürlich ließ Nolan es sich nicht nehmen, an echten Schauplätzen mit möglichst wenig CGI zu drehen. Wenn Odysseus in See sticht, dann tut er dies auf einer echten Galeere (für die hier ein Wikingerschiff eingesetzt wurde). Die Szenen in Ithaka wurden vor einem real existierenden Castello auf der italienischen Insel Favignana gedreht. Dazu gilt The Odyssey als erster abendfüllender Spielfilm, der vollständig mit IMAX-Filmkameras auf 65 mm gedreht wurde. Für das Team stellte dies eine große Herausforderung dar: Die eigens für den Film entwickelten Spezialkameras waren nicht nur schwer und unhandlich, sondern eine Rolle reichte gerade einmal für drei Minuten Filmmaterial – was unzählige Magazinwechsel erforderte.

Die Mühen haben sich gelohnt. The Odyssey ist ein archaisch anmutendes Historiendrama, das sich den Konventionen des Abenteuerkinos zwar nicht völlig verweigert, Homers Dichtung aber in einen neuen Kontext stellt, bei dem die einzelnen Etappen der Reise über die offensichtliche Action hinaus stets allegorisch zu lesen sind. Wenn Odysseus etwa auf der Flucht in seiner Hybris ohne Not noch einen letzten Pfeil auf den Zyklopen Polyphem abschießt, beschwört dies erst sein eigentliches Schicksal herauf. Diese vermeidbare Eskalation führt zu vielen weiteren Toten und weil Polyphem der Sohn von Poseidon ist, löst erst dessen Zorn die eigentliche Irrfahrt aus. Besonders beeindruckend ist die Episode bei Circe (großartig: Samantha Morton), die Odysseus’ Männer in Schweine verwandelt und die niederen Triebe der Soldaten entlarvt – was schließlich durch die spätere Sequenz, in der gezeigt wird, was wirklich in der Nacht der Eroberung Trojas geschah, noch einmal eine besondere Bedeutung erhält. Figuren und Handlung werden in The Odyssey behutsam aufgebaut, wobei lange nicht eindeutig klar ist, worauf alles hinausläuft. Doch gerade, wenn sich dann im letzten Drittel viele einzelne Erzählfäden raffiniert zusammenfügen, entreißt Nolans Film den Stoff der Antike und macht ihn zu einer eindringlichen, modernen Erzählung, die auch heute noch große Relevanz besitzt.

Eine spezielle Rolle in der Gesamtkonzeption spielt auch die Musik des mittlerweile dreifachen Oscar-Preisträgers Ludwig Göransson. Ein elementarer Ansatz von Christopher Nolan beim gesamten Projekt war es, dass sich der Film nicht anfühlen sollte wie andere Historienfilme zuvor. Deshalb war es von Beginn an sein ausdrücklicher Wunsch, dass kein traditionelles Orchester zum Einsatz kommt. Und das ist durchaus schlüssig. Denn auch wenn Homers Dichtung gewissermaßen eine der ersten Heldenreisen der Literaturgeschichte präsentiert, ist Odysseus in Nolans Neuinterpretation ein nachdenklicher Antiheld, schwer gezeichnet von Reue und der unbändigen Sehnsucht, wieder heimzukehren. Insofern erscheint es naheliegend, dass ihn keine strahlenden Fanfaren begleiten und auch in der Schlacht um Troja oder beim Kampf mit dem Zyklopen keine Musik erklingt, die einem schlichten Gut-Böse-Schema folgt. Göransson erzeugt karge, meditative Klanglandschaften, die über weite Strecken mehr von Rhythmik und Texturen bestimmt werden, als von Kompositionen, die illustrieren oder präzise psychologisieren. Stattdessen scheint seine Musik eher von übergeordneten Leitgedanken geprägt, die die Grundmotive der Odyssee spiegeln. Die rund zweistündige Komposition badet förmlich in Gefühlen von Verlorenheit, innerer Leere und grenzenloser Sehnsucht.

Besonders deutlich wird dies in der Musik der Sirenen (Sirens), in der sich eine melodische Idee andeutet, die sich meditativ in die Höhe schraubt, aber nie ihr Ziel erlangt. Um diese Wirkung zu erzielen, vertraut Göransson auf einen im nolanschen Kino seit The Prestige gern genutzten Kunstgriff: die Shepard-Skala, die die Illusion einer unendlich ansteigenden Tonleiter erzeugt. Dafür werden mehrere aufsteigende Tonfolgen übereinandergelegt und gegeneinander verschoben. Erreicht eine Stimme das obere Ende des Frequenzbereichs, wird sie langsam ausgeblendet, während „unten“ eine neue anschwillt. Göransson geht dabei sogar so weit, diesen Effekt auch perkussiv zu nutzen. Bei der Schlacht um Troja (Troy) wird er von verschiedenen, sich unter und übereinander schiebenden Trommel-Rhythmen erzeugt. Die Szene wirkt dadurch radikaler, als man es von konventionellen Abenteuerfilmen gewohnt ist: Sie reißt nicht mit, sondern fühlt sich an, wie das, was sie im Grunde ist: ein, fataler, nicht enden wollender Gewaltrausch.

Ein weiteres Gestaltungsmerkmal von Göranssons Arbeit ist die Kombination aus Instrumenten, die einen antiken Sound besitzen im Kontrast zu den Gestaltungsmitteln der modernen Filmmusik mit Synthesizern und den Verfremdungsmöglichkeiten eines modernen Musikstudios. Beide Ebenen werden hier konsequent gemischt: Für den authentischen Sound des alten Griechenlands sorgt etwa ein Aulos, ein antikes Doppelrohrblattinstrument, das extra für den Film rekonstruiert wurde. Dazu kommen eine griechische Lyra und eine albanische Hirtenflöte, die Fyell (die ein wenig klingt wie ein Duduk), zum Einsatz. Zugleich verwendet Göransson eine ganze Armada von bronzenen Gongs und Metallplatten, die das Archaische dieser mythologischen Welt betonen. Doch weil die Musik nicht allein in der Vergangenheit existieren soll, gibt es eben auch synthetische Klangflächen, geräuschartige Effekte, in denen es knistert, kratzt und rauscht. Manchmal sind auch verfremdete Stimmen und Instrumente zu hören. Es sind auf- und abebbende Schichten und Effekte, die sich immer wieder unmerklich ins Klangbild einfügen, um genauso unmerklich wieder verschwinden.

Anders als in mancher, eher polemischen Kritik zu lesen war, gibt es aber durchaus thematische Akzente: Besonders attraktiv sind die mit Ithaka, Penelope und Odysseus verbundenen folkloristischen Melodien, in denen die erwähnten Instrumente Aulos, Fyell und Lyra verträumte, melancholische Stimmungen erzeugen. Wenn sich das Odysseus-Thema wie im wunderschönen Titelstück über mehrere Minuten mit kleinen Nuancen wiederholt (bevor es gegen Ende mit Chor und Trommeln zu einer pathetischen Hymne wird), entsteht eine betörende, hypnotische Atmosphäre, mit der es tatsächlich gelingt, die Musik anders klingen zu lassen als bei vergleichbaren Produktionen. Doch natürlich steckt auch viel Marketing-Sprech darin, wenn Göransson im Making-of zur Musik davon erzählt, er habe die eigene Komfortzone verlassen müssen und alles sei völlig anders als gewohnt. Denn so “anders” klingt seine Musik dann eben doch nicht, wenn man Werke angesagter Komponisten wie Hans Zimmer (von Inception bis Dune), Daniel Pemberton (Project Hail Mary) oder Nicholas Britell (Andor) zum Maßstab nimmt. Besonders deutlich wird dies in Stücken wie Let’s Go Home oder Another Name, bei denen man als Hörer in den elegischen Harmonien einen Eindruck davon bekommt, wie wohl Zimmer im Inception-Modus den Film vertont hätte. Und natürlich ist auch die Idee, mit selbstgebauten oder rekonstruierten Instrumenten für eine besondere Klanglichkeit zu sorgen, nicht wirklich neu. Dieses kreative Streben nach neuen Sounds war vor knapp zehn Jahren bereits eines der zentralen Themen der Filmmusik-Doku Score.

Ohne Zweifel steckt hinter Ludwig Göranssons Komposition ein intelligentes, durchdachtes Vertonungskonzept. Gleichwohl ist es aber auch irgendwie schade, dass gegenwärtig Musiken zu solchen epischen Großprojekten, abgesehen von Einzelstücken, kaum noch Werkcharakter im Sinne einer auch im Konzertsaal spielbaren Partitur besitzen. Satte zwei Stunden dauert der Soundtrack zu The Odyssey. Und auch wenn es immer wieder reizvolle melodische Oasen gibt, kippt die Musik doch oft so ins Geräuschartige oder wird von monotonen Rhythmen bestimmt, dass sie ihre Kohärenz und Binnenspannung verliert. Das ist natürlich gewollt, um die innere Leere und Verlorenheit von Odysseus zu spiegeln, lässt das autonome Hören aber mitunter zu einer Herausforderung werden, wenn sich Stücke wie Cyclops oder Hades in fahlen elektronischen Klangexperimenten verlieren. Da gibt es dann auch Momente, in denen jeglicher Bezug zur Antike abhanden kommt und die Musik genauso gut einen x-beliebigen Science-Fiction-Film begleiten könnte. Bei allem Respekt für die Experimentierfreude, muss da dann auch die kritische Frage erlaubt sein, ob nicht eine organischere Komposition möglich gewesen wäre, ohne die gewünschte Wirkung zu mildern. An der Filmmusik zu The Odyssey scheiden sich – man kann es in Filmforen rund um den Globus nachlesen – ohnehin die Geister. Während die einen in ihrer Begeisterung Ludwig Göransson bereits den vierten Oscar prophezeien, sprechen die anderen von einem gesichtslosen Sounddesign und von “des Kaisers neuen Kleidern”. Es ist gar nicht so leicht, dem etwas zu entgegnen. Letztlich haben beide Seiten ein wenig Recht: Der Leerlauf und manche kompositorisch schwache Passage lassen sich kaum leugnen. Wer der anfangs verschlossen und sperrig wirkenden Musik aber die Chance des mehrmaligen Hörens gibt, wird dennoch belohnt. Dann nämlich entfaltet sie eine überraschende Faszinationskraft, die lange nachhallt und einen so schnell nicht mehr loslässt.


Empfohlene Playlist:

  1. Zeus’ Law / 2. Ithaca / 3. Penelope / 4. Telemachus / 8. Menelaus, Husband of Helen / 10. Laestrygonians / 11. Circe / 13. Loyal to the Future / 14. Sirens / 17. Another Name / 20. Odysseus / 22. Chasing the Escaping Sun

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