Star Wars: Andor – Nicholas Britell: “Kühle Musik für dunkle Zeiten”

Die Filmmusiken im Star-Wars-Universum haben eine weite Reise hinter sich gelegt: Nachdem John Williams die Saga mit dem klassischen Hollywood-Sound über neun Kinofilme geprägt hat und auch John Powell (Solo) bzw. Michael Giacchino (Rogue One) nahtlos an diese Stilvorgabe anknüpften, boten die diversen Serien-Ableger bei Disney+ genügend Freiheiten, neue Wege einzuschlagen. Am besten hat bislang Ludwig Göransson die Gelegenheit genutzt: Für The Mandalorian schuf er einen cleveren, äußerst unterhaltsamen Mix aus alt und neu. Das sich an den Italowestern anlehnende Serien-Hauptthema gehört bereits jetzt zu den Star-Wars-Evergreens, die sich einen eigenen Podestplatz im Universum gesichert haben. Doch weil Walt Disney die kommerzielle Verwertung der erworbenen Lizenzrechte mit irrsinnigem Tempo vorantreibt, war klar, dass sich dieses Niveau auf Dauer nicht würde halten lassen. Beim ziemlich enttäuschenden Ableger Obi-Wan Kenobi konnte selbst das starke Hauptthema von John Williams die Miniserie nicht vor dem kreativen Totalabsturz retten. Seitdem fielen nahezu alle weiteren Serien im Franchise bei Kritik und Fans gleichermaßen durch. Einzige Ausnahme: Star Wars – Andor, die die Vorgeschichte von Rogue One erzählt und die Entstehung der Rebellion in den Mittelpunkt stellt. Um das inhaltlich einzuordnen: Das ist jene Rebellion, die in Rogue One die Pläne für die Zerstörung des Todessterns beschafft, die in Episode IV (1977) schließlich Luke, Leia und Han Solo einen ersten Teilerfolg gegen die dunkle Seite der Macht ermöglichen.

Doch die ersten Folgen lassen zunächst Schlimmes befürchten. Da wird Cassian Andor (Diego Luna, der die Rolle bereits in Rogue One verkörperte) als gewiefter Dieb, Schmuggler und Händler eingeführt, der seine seit Kindheitstagen verschollene Schwester sucht und in Notwehr zwei Konzernmitarbeiter einer Sicherheitsfirma tötet – was ihn zum Feind des Imperiums macht. Die Bilder, die die Serie dafür bemüht, sind leider vollkommen austauschbar. Das CGI-generierte Aussehen der Planeten und Städte, die Einstellungen von Raumschiffen, die starten und landen, bis zu den generischen Nebenfiguren – man kennt das alles aus den zahllosen Franchise-Ablegern der letzten Jahre. Dazu kommt ein äußerst anonym wirkendes Underscoring von Nicholas Britell, der mit klirrend kalten Klangtexturen und sogar Technobeats für eine Disco-Szene aufwartet. Es ist ein ziemlich schwacher, beliebig wirkender Einstieg. Doch nach wenigen Folgen besinnt sich die Serie plötzlich. Mit dem Auftauchen von Luthen (Stellan Skarsgård), der Andor als Söldner für eine geheime Mission der Rebellen anwirbt, verändert sich die Statik der Handlung. Andor wird unter falschem Namen Mitglied einer Gruppe Widerständler, die auf dem exotischen Planeten Aldhani die Geldvorräte des Imperiums stehlen soll. Die anderen Rebellen beäugen den Neuankömmling anfangs misstrauisch, wodurch sich eine interessante Dynamik ergibt. Die unwirtlichen Hügellandschaften verleihen der Serie einen wohltuenden Kontrast zu den CGI-generierten Welten. Und auch die Figuren auf Imperiums-Seiten werden plastischer, wie die Geheimagentin des Imperiums Dedra Meero, die die Pläne der Rebellen wittert oder die Senatorin Mon Mothra, die heimlich die Rebellen unterstützt und dies sogar vor ihrem Ehemann verheimlicht.

Von dieser wachsenden Dreidimensionalität ist die Filmmusik von Nicholas Britell aber leider weit entfernt. Statt die Tonsprache zu erweitern und den verschiedenen Schauplätzen und Charakteren auf der Tonspur eine eigene Identität zu geben, bleibt er den anfangs eingeschlagenen Weg treu. Ähnlich wie Volker Bertelmanns Dune: Prophecy ist seine Komposition eine Fusion aus elektronischen, zum Sound Design tendierenden Klangtexturen und orchestralen Elementen, wie dem Spiel der Streicher in den emotionalen Momenten. Zusammengehalten wird die Komposition von dem aus fünf Noten bestehende Hauptthema – über drei Stunden der einzige markante Einfall. Die omnipräsente Melodie steht für den Grundgedanken der Rebellion, zugleich aber auch die Transformation Cassions, der nach und nach zu seiner Bestimmung im Widerstand findet. Entsprechend wird sie in unterschiedlichen Kontexten eingesetzt. Wunderschön etwa wie das Motiv in der Past/Present-Suite (die Szene am Ende der dritten Folge, in der Andor mit Luthen den Planeten Ferrix verlässt) zu einer eindrucksvollen Hymne aufblüht. Wie variabel es ist, zeigt auch Your Mother Is Dead, in dem die Celli den Tod von Andors Mutter betrauern. Bemerkenswert ist auch, dass Britell das Thema in jedem Vorspann in einem anderen Arrangement präsentiert. In den Folgen, in denen Andor auf dem Gefängnisplaneten Narkina 5 als Arbeitssklave landet, erklingt es zum Beispiel rein elektronisch wie beinahe die gesamte Musik dieser Folgen. Davon abgesehen ist es erstaunlich, wie wenig sich die Tonsprache für die einzelnen Planeten voneinander unterscheidet: Während auf Ferrix noch die enigmatischen Amboss-Schläge (We Begin) und das drollige Motiv für den Androiden B2 im Gedächtnis haften bleiben, lässt sich das für die anderen Handlungsorte wie Aldhani oder Coruscant kaum sagen. Allein der Gefängnisplanet Narkina 5 bekommt mit kühl, pulsierenden Synthie-Sounds, die manchmal an die 80er Jahre erinnern, noch am ehesten so etwas wie einen eigenen Klangraum.

In der letzten Folge der ersten Staffel erklingt dann doch noch eines der interessanten Stücke der Serie: Die Anwohner von Ferrix versammeln sich zu einem bewegenden Trauermarsch (Forming up/Unto Stone We Are). Für diese Szene hat die Requisitenabteilung spezielle außerirdisch aussehende Blasinstrumente gebaut, die wie echte Blasinstrumente und Trommeln funktionieren und von den Schauspielern am Set gespielt wurden. Der leicht verstimmte Klang und das asynchrone Spiel dieser ungewöhnlichen Blaskapelle, die zum Unmut des Imperiums durch die Straßen schreitet, berührt gerade durch seine Imperfektion. Zugleich liegt darin bei aller Trauer auch etwas Spöttisches und Unnachgiebiges – eine reizvolle Metapher für den sich immer mehr formierenden Widerstand gegen das übermächtig erscheinende Imperium. Allerdings offenbart dieses quasi “analoge” Stück auch, wie sehr es Britells über weite Strecken künstlicher Vertonung ansonsten an Nahbarkeit fehlt. Während die Serienwelt sich oft nüchtern, deprimierend und auch schmutzig anfühlt, geht gerade dieser Aspekt an den aseptischen Sound Designs des Komponisten beinahe komplett vorbei.

Die Abkehr von der sinfonischen Sprache, die John Williams über neun Kinofilme kultiviert hat, war eine bewusste Entscheidung der Macher, die zwingend ein neues akustisches Vokabular für Andor wollten, um die Filmwelt zu entmythologisieren. Doch das funktioniert nur teilweise, weil die Serie immer noch als Teil des Star-Wars-Universums funktionieren soll. Das gilt insbesondere deshalb, weil die Handlung die direkte Vorgeschichte des populären Spin-Off-Films Rogue One erzählt und Michael Giacchino sich in seiner rauen Filmmusik konsequent auf Williams Leitmotivik bezieht. Wenn man so will, fehlt Andor deshalb die musikalische DNA des Franchise. Gleichzeitig sollte aber auch klar sein, dass es ohne ein gewisses Maß an Erneuerung und Veränderung nicht geht, wenn Star Wars für neue Zuschauerschichten relevant bleiben soll. Und vielleicht kann man das musikalische Konzept auch damit rechtfertigen, dass die Rebellion hier noch in ihren Kinderschuhen steckt, wie auch die Antagonisten des Imperiums eher anonym wirken, kleine Räder in einem bürokratischen Beamtenstaat, benebelt vom Gefühl der eigenen Unverwundbarkeit. In diesem Kontext ergibt es möglicherweise Sinn, dass die Musik ähnlich gesichtslos und kühl bleibt. Doch dann wäre es womöglich eine kluge Idee gewesen, sich im Verlauf dem altbekannten “Star-Wars-Sound” immer weiter anzunähern. Das passiert aber im Grunde zu keinem Zeitpunkt. Darüber, ob das unerwartete Konzept von Nicholas Britell wirklich aufgegangen ist, lässt sich deshalb vortrefflich streiten. Dennoch ist es schwer vorstellbar, dass sich in einigen Jahren noch viele Star-Wars-Fans an diese Musik erinnern werden. Dafür klingt sie über weite Strecken abseits der Bilder viel zu austauschbar.


Diskografische Notizen

Soundtrack Folgen 1-4
Soundtrack Folgen 5-8
Soundtrack 9-12
Der Andor-Soundtrack auf Vinyl

Wie bei vielen Serien dieser Tage liegt auch die Filmmusik zu Andor als Download in kompletter Form auf den gängigen Streaming-Plattformen vor. Die jeweils knapp einstündigen Alben decken jeweils immer vier aufeinander folgende Episoden ab. Und wie so oft ist das viel zu viel Musik. Die Aufgabe, daraus ein sinnvolles, kürzeres Album zu erstellen, hat Nicholas Britell aber bereits selbst erledigt. Für die Vinyl-Ausgabe hat er 18 repräsentative Tracks zusammengestellt, die eine deutlich straffere Fassung seiner Komposition ergeben, die ohne größeren Leerlauf auskommt.

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