Jay Kelly – Nicholas Britell: “Eitelkeit & Charme”

Was bedeutet es, über viele Jahre ein gefeierter Hollywoodstar zu sein, dem alle zujubeln, dessen Leben von Assistenten und Managern organisiert wird? Dieser Frage geht Noah Baumbach (Marriage Story) in der Netflix-Produktion Jay Kelly nach. George Clooney spielt darin den alternden Schauspieler gleichen Namens, dessen Karriere noch nicht vorüber ist, der aber bereits darüber nachdenkt, wie viele Rollenangebote er in seinem Leben überhaupt noch annehmen möchte. Gleichzeitig hadert er mit seinen beiden, längst erwachsenen Töchtern Jessica und Daisy, die nicht mehr viel mit ihm zu tun haben wollen, weil er nie Zeit für sie hatte und seinen Beruf stets über die eigene Familie stellte. Bei der Beerdigung des Regisseurs, der ihn einst entdeckte, begegnet Kelly seinem alten Freund Timothy (Billy Crudup) wieder, mit dem er früher gemeinsam die Schauspielschule besuchte. Doch das freudige Wiedersehen währt nur kurz. Timothy ist immer noch sauer, dass Kelly ihm damals die entscheidende Rolle vor der Nase weggeschnappt und zu allem Überfluss auch noch die Freundin ausgespannt hat. Beide prügeln sich auf einem Parkplatz. Für Jay ist das ein Wendepunkt. Seinen nächsten Film will er nun nicht mehr drehen; stattdessen reist er Daisy nach Europa hinterher und nimmt als Vorwand das Angebot eines italienischen Filmfestivals in der Toskana an, das ihm einen Ehrenpreis für sein Lebenswerk verleihen möchte.

Natürlich stellt sich bei einer solchen Handlung unmittelbar die Frage, wie viel vom echten George Clooney in Jay Kelly steckt. Dies gilt umso mehr, als bei der Preisverleihung am Ende Ausschnitte aus seiner realen Filmografie gezeigt werden. So konkret wird das Drehbuch ansonsten aber nur selten. Stattdessen inszeniert Noah Baumbach mit einem gewissen Weichzeichner, rückt vor allem die Starpower Clooneys in den Vordergrund. Wenn es jedoch darum geht, die Psychologie der mit sich selbst hadernden Hauptfigur zu ergründen oder etwas über die Strukturen des Filmbiz zu erzählen, bleibt sein Film meist sehr oberflächlich und unscharf. Dies beginnt bereits mit der ersten Kameraeinstellung, die Kelly bei den Dreharbeiten zu seinem jüngsten Film zeigt. Das künstliche und anachronistisch wirkende Studiosetting passt überhaupt nicht zu einer großen Kinoproduktion und wirkt entsprechend billig. Diese Eröffnungsszene ist symptomatisch für einen Film, der einen sehr holprigen Tonfall besitzt, weil er oft emotional berühren will, aber die dafür notwendige Tiefe vermissen lässt. Über zwei Stunden lang verfolgt das Drehbuch viele unterschiedliche Ideen, kommt dabei aber nie auf den Punkt: Da gibt es den Blick zurück auf Kellys Filmkarriere, der aber diffus bleibt, weil keine Silbe auf seine innere Einstellung zur Kinokunst oder den Inhalt seines Werks verschwendet wird. Der Streit mit Timothy erscheint genauso unterentwickelt wie seine Beziehung zu seinen Töchtern oder der Konflikt mit dem Vater, der absurderweise spontan zum Festival eingeflogen wird. Und wenn der Star auf sein Publikum trifft, zollen ihm alle als „großem Künstler“ Respekt, ohne dass dies nachvollziehbar wäre. Richtiggehend albern wirkt in dieser Hinsicht die Zugszene, in der ein ganzes Abteil Kelly erkennt und unisono anhimmelt. Doch damit nicht genug: Ein Dieb (Lars Eidinger) stiehlt einer alten Dame die Handtasche und Kelly jagt den Kleinkriminellen schließlich hinterher und kann ihn heldenhaft stellen. Es sind Szenen wie diese, in denen sich Jay Kelly als eitles, sentimentales Starkino entlarvt, das keine Diskurse führen möchte und stattdessen lieber Banalitäten aneinandereiht. George Clooney spielt die Rolle merkwürdig steif und vertraut ausschließlich auf seine charismatische Leinwandpräsenz. Phasenweise funktioniert das auch und ist charmant anzusehen. Einige Nebenfiguren, wie Adam Sandler als Kellys leidgeprüfter Manager mit Existenzängsten, stehlen die ein oder andere Szene. Und die Toskana wird einmal mehr pittoresk in Szene gesetzt. Doch die meiste Zeit langweilt Jay Kelly mit Klischees, schlichten Dialogen und Nebenhandlungen, die ins Leere laufen.

Bei so viel generischem Kinohandwerk könnte man beinahe die Filmmusik von Nicholas Britell (Moonlight, Andor) übersehen. Der New Yorker müht sich nämlich nach Kräften, der langatmigen Inszenierung etwas Tiefe einzuhauchen. Das Problem ist nur, dass seine Komposition im selbstverliebten Film überhaupt keinen Resonanzboden findet, um wirklich glänzen zu können. Und das ist ärgerlich. Denn sie besitzt im Grunde den Charme und Pfiff, der der Vorlage abgeht. Das Hauptthema für Jay Kelly (gleich zu Beginn von Opening Quote – Jay Kelly auf dem Klavier zu hören) ist eine elegante, warme Melodie, die Britell ungemein vielseitig einsetzt: Mal erklingt sie nachdenklich auf dem “Felt Piano” (dabei wird Filz vor die Saiten des Klaviers geklemmt, um einen besonders weichen Klang zu erzeugen), wie im Eröffnungsstück oder der Piano-and-Strings-Version. Dann lässt der Komponist sie als Streicherostinato im Walzertakt aufblühen, wie in The Chase oder, mit einem lustvollen Violinsolo versehen, in Here in Italy / Driving with Alba. Einen besonderen Kunstgriff bieten die Szenen, in denen Kelly in Rückblicken auf sein früheres Ich schaut: Hier wird das Thema rückwärts gespielt (z.B. in Timothy Memory – Shadow Theme) und unterstreicht damit subtil das Surreale dieser nachdenklichen Selbstreflexion. Und wenn Kelly gegen Ende im Wald endlich zu sich findet, erklingt sein Thema zum ersten Mal auf dem unpräparierten Klavier. Quasi zu einem Partner-Motiv avanciert das leichtfüßige Thema für Kellys Manager Ron (He Has a Black Eye? – Ron’s Theme), das sich im Idiom an Kellys Thema orientiert, ein raffinierter Verweis darauf, wie sehr beide über die geschäftliche Beziehung hinaus einander brauchen.

Britells Komposition begeistert zudem immer dann, wenn sie das “alte Hollywood” zelebriert: Die tolle Fanfare in To Paris – Fanfare und das überschwänglich Kellys Karriere feiernde The Tribute erzeugen einen Glanz, den das Leinwandgeschehen in dieser Emotionalität eigentlich gar nicht hergibt. Da wird dann spätestens klar, dass die Musik den durchschnittlichen Film nicht retten kann. Dafür ist das Drehbuch einfach zu schwach und der Tonfall der Regie zu uneben. Und doch atmet Britells Beitrag auf der Tonspur zumindest ein klein wenig vom unausgeschöpften Potenzial, das in Jay Kelly steckt. Losgelöst von den Bildern funktioniert die Musik dagegen wunderbar, begeistert mit ihrer warmen Melodik, den bittersüßen Kontrasten und vereinzelt subtil eingeflochtenen Jazz-Elementen. Besonders reizvoll: die Bonusstücke, die über den Abspann zu hören sind und Suiten bzw. Konzertfassungen der Hauptthemen bieten wie die Jay-Kelly-Suite oder die Quintet-Version des Hauptthemas.

So stammt eine der schönsten und zugänglichsten Filmmusiken des Kinojahres zugleich von einem der enttäuschendsten Filme. Eigentlich hatte Britell die Vorgabe, an den klassischen Hollywood-Sound anzuknüpfen, um zu zeigen, wie sehr Kelly in der Vergangenheit lebt. Doch selbst das erscheint bei genauer Betrachtung widersinnig, weil die Handlung in der Gegenwart spielt und Kellys Karriere deshalb offensichtlich nicht so weit zurückreichen kann. Abseits der analogen Aufnahmetechnik und eines gewissen Broadway-Charmes klingt Britells Musik letztendlich auch weniger nach klassischem Hollywood, als nach einer Filmmusik, wie sie Rachel Portman ab Mitte der 90er Jahre geschrieben hätte. Und das macht ja durchaus auch Sinn. Denn da startete bekanntlich auch George Clooneys große Glanzzeit. Jay Kelly beweist allerdings, dass davon heute nicht mehr viel übrig ist. Denn entrückter von der Realität könnte ein Film kaum sein. Dass man das dem Star aber dennoch wohlwollend durchgehen lässt, hat möglicherweise allein mit der klangschönen Filmmusik zu tun, die in ihrer Integrität die Netflix-Produktion vor dem Komplettabsturz bewahrt.

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