Es ist kein Geheimnis, dass ein Großteil der Annehmlichkeiten des modernen Lebens auf dem Schweiß, dem Blut und den Tränen der unzähligen Arbeiter beruht, die einst die Basis für unsere moderne Infrastruktur legten. Doch genau jene Menschen sind in aller Regel irgendwann im Verlauf der Geschichtsschreibung vergessen worden. Einem dieser hart schuftenden “Einzelnen”, die aus dem Nichts kommen und später wieder ins Nichts verschwinden, verleiht Train Dreams ein Gesicht: Basierend auf wahren Begebenheiten erzählt das intime Netflix-Drama die Lebensgeschichte des bärtigen Holzfällers Robert Grainier (Joel Edgerton). Aufgewachsen als Waise, verdient er sich im Sommer des Jahres 1917 in den Wäldern Idahos seinen Unterhalt. Arbeit gibt es reichlich, denn der Hunger der Mächtigen nach Holz ist groß. Schließlich sollen Eisenbahntrassen durch den Nordwesten der USA verlegt werden und manches Tal ist dabei zu überwinden. Der wortkarge Robert hadert mit seinem beschwerlichen Dasein und fühlt sich zunehmend einsam. Ein Umstand, der sich erst ändert, als er beim Gottesdienst Gladys (Felicity Jones) kennenlernt. Beide heiraten und bekommen eine gemeinsame Tochter. Das junge Glück in der abgeschiedenen Hütte am Fluss währt allerdings nicht lang. Als Robert eines Tages von einer langen Arbeitsreise zurückkehrt, steht der Wald in Flammen, sein Zuhause brennt nieder und fortan ist er wieder auf sich allein gestellt.
Clint Bentley zeigt in Train Dreams das Leben des einfachen Mannes, der tagtäglich um seine Existenz und das Wohlergehen seiner Liebsten ringt, damit aber an höheren Gewalten scheitert. Denn die große Politik wird von anderen gemacht, die über die Köpfe hinweg Entscheidungen treffen und damit ganze Lebensläufe prägen. Die Plackerei im Wald steckt dagegen voller Gefahren; Arbeitssicherheit, wie wir sie heute kennen, gibt es nicht. Und so kommt es immer wieder zu fatalen Zwischenfällen, wenn ein gefällter Baum nicht in die gewünschte Richtung kippt oder ein toter Ast in die Tiefe stürzt. Für den im Einklang mit der Natur lebenden Robert sind diese Schicksalsschläge die Strafe für den Raubbau im Wald, bei dem über 500 Jahre alte Bäume ohne Rücksicht zerstört werden. Ein Menschenleben zählt auf den Baustellen nicht viel. Robert muss mit ansehen, wie ein rassistischer Vorarbeiter grundlos einen chinesischen Gastarbeiter tötet. Doch egal ob solche Gräueltaten oder fatale Unfälle – die Arbeit duldet keinen Aufschub. Der Fortschritt marschiert kontinuierlich voran, und dabei bleibt vieles auf der Strecke. Train Dreams erinnert daran, wie klein und ausgeliefert der Mensch im großen Gefüge der Welt ist, wie wenig er ausrichten kann und wie vergänglich alles ist. Dies entbehrt manchmal nicht einer bitteren Ironie, wenn der allwissende Off-Erzähler erwähnt, dass eine gerade mühsam errichtete Holzbrücke einige Jahre später durch eine modernere Variante ersetzt werden wird, oder ein Mann, der einem Herzleiden zum Opfer fällt, nur eine Generation später durch moderne Medizin gerettet worden wäre.

Leider bleiben solche differenzierenden Beobachtungen in Train Dreams rar gesät. Der Film ist zwar klug genug, nicht direkt eine naive “Rückkehr zum einfachen Leben” zu predigen. Dafür sind die gezeigten Härten zu groß. Ganz lösen mag er sich von dieser verlockenden Vorstellung aber trotzdem nicht. Zu idyllisch setzt die Kamera das friedliche Leben der kleinen Familie in Szene, präsentiert wunderschöne Waldbilder, die das Ursprüngliche der Natur feiern. Robert wird dazu recht eindimensional als aufrechter Mann ohne Vorurteile, mit dem Herz am rechten Fleck, inszeniert. Der zerstörerische Einzug des Industrialismus wirkt deshalb zwangsläufig wie ein teuflischer, gesichtsloser Antagonist – genauso unvermeidlich wie unbesiegbar. Enttäuschenderweise gewinnt das Drehbuch dem Kontrast zwischen Prämoderne und unvermeidlichem Fortschritt nur wenige Erkenntnisse ab. Nach dem großen Schicksalsschlag stehen vor allem die Trauerarbeit und der endlose, alles durchflutende Schmerz im Vordergrund. Clint Bentley konzentriert sich ganz auf die Aufs und Abs in Roberts Leben. In den meditativen, mitunter spirituell überhöhten Bilderwelten sucht er mit ihm nach dem Mysterium des Seins. Dabei erinnert das schlichte Drama bewusst an das allegorische Kino von Terrence Malick (The Thin Red Line) – im guten wie im Schlechten. Denn wie beim Vorbild ist es auch hier ein schmaler Grat zwischen angeblicher philosophischer Tiefe und dem Bebildern banaler Kalenderweisheiten.
Train Dreams hätte zweifellos eine ausdrucksstarke Filmmusik geholfen, um der Poesie der Bildsprache eine ästhetische Ebene hinzuzufügen. Aber leider entschieden sich der Regisseur und sein Komponist Bryce Dessner dazu, der Einfachheit der Handlung mit einer ebenso einfachen Klangsprache zu begegnen. Da gibt es luftig-leichte Klavierläufe (A Faint Understanding) und gezupfte Streicher (Reunion) für die junge Liebe. Das Stück Passageways (in vier Reprisen zu hören) bezeichnet Dessner in Interviews als Hauptthema: eine angedeutete, kammermusikalische Streichermelodie, die nie aufblüht, weil auch Roberts Lebensträume letztendlich unerfüllt bleiben müssen. In seiner spröden Anlage erinnert das Thema an Michael Nyman. Der Minimalismus der 90er Jahre ist auch in anderen Momenten präsent, etwa im folkigen Streicherostinato in Cross Cutting, das auf der Tonspur das Absägen der Bäume illustriert. Manchmal erlaubt sich die Musik auch subtile Verweise auf die Zeit, in der die Handlung spielt, wenn Dessner Instrumente wie Banjo, Ukulele oder Harmonium einsetzt. Besonders schön: das von Gitarre und Ukulele bestimmte Family Photograph, eine Folkmelodie, die im Film die Erinnerung an Roberts Familie begleitet. In manchen Momenten erinnern die zarten Klaviertupfer in Begleitung der Streicher auch an James Horners Morgenstimmungen aus The Spitfire Grill (ein Filmmusik-Geheimtipp der 1990er Jahre). Für das große Feuer greift Dessner dagegen zu einem besonderen Kunstgriff: Nach einigen eher geräuschhaften Stücken mit dissonanten Streichern und elektronischen Effekten lässt er das sehnsuchtsvolle Hauptthema in einer dissonanten Kadenz akustisch in Flammen aufgehen.
Diese düsteren Stücke bilden freilich die Ausnahme. Über weite Strecken evoziert die sanfte Musik wirkungsvoll die Naturstimmungen im Wald, trauert in spröden Streichermotiven in hingebungsvoller Melancholie mit der Hauptfigur. Durch die analoge Aufnahmetechnik kreiert Dessner eine erdige Klanglichkeit, die die Stimmung des Filmes wirkungsvoll einfängt. Dies kann aber dennoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihm keine enge Verschmelzung von Bild- und Tonebene gelingt. Das Rezitieren avantgardistischer Stilelemente von Nyman bis Glass will nicht so recht zur Welt der Waldarbeiter in der ersten Jahrhunderthälfte passen. Dies gilt umso mehr, als dass man fließende Minimalismen bei den Vorbildern schon charismatischer gehört hat; man denke nur an The Piano, The Hours oder The Claim zurück, in denen ebenfalls Lebensentwürfe, Vergänglichkeit und Schicksale im Laufe der Zeiten verhandelt wurden und die Musiken mit betörenden Melodiebögen die Leinwand transzendierten. Davon kann in Train Dreams keine Rede sein. Dessners impressionistische Musik schöpft das im wortkargen Film vorhandene Potenzial bestenfalls in Ansätzen aus. Zwar gibt es auch starke Momente, wie das von wellenförmigen Orgelklängen bestimmte The New Cut oder das versöhnliche, wunderschöne The Great Mystery mit seinen hellen Klavierläufen. Letztendlich bleibt das aber Stückwerk. Die Musik agiert viel zu unverbindlich, um das Ungesagte, den Wechsel der Zeiten und das Unaussprechliche in Töne zu fassen. Dessners Komposition schmeichelt sich zwar mit ihrem feinfühligen Wohlklang durchaus in die Ohren, wirkt aber oftmals zu statisch und wechselhaft, um die Bilder organisch auf der Tonspur fließen zu lassen.
In diesem Kontext ist es auch bezeichnend, dass die Inszenierung einen Off-Erzähler benötigt, um Brücken zu bauen oder einzuordnen – etwas, das mit einer präzisen Filmmusik eigentlich nicht nötig gewesen wäre. Und schlimmer noch: Oft beschreibt der Erzähler Dinge, die man ohnehin bereits auf der Leinwand sieht (wie etwa, dass die Arbeiter wortkarg seien). Wirkliche Kinomagie möchte sich in Train Dreams deshalb nicht einstellen. Zu oberflächlich und zu gefühlig wird hier erzählt. Die mangelnde Tiefe der Filmmusik zeigt sich nicht zuletzt auch am großartigen, für den Oscar nominierten Abspannsong Train Dreams. Hier beweist der Gitarrist und Keyboarder der US-amerikanischen Indie-Band The National sein ungleich stärkeres Talent als Songwriter. Nick Cave singt die Geschichte Roberts als herzzerreißende Ballade, die in wenigen Minuten genau jene Emotionen weckt, die dem Film vorher so schmerzlich abgingen.






