Dunkirk – Hans Zimmer: „Sounds of War“

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Christopher Nolan macht Filme, denen man sich als Zuschauer kaum entziehen kann. Diese Wirkung erzeugt der Starregisseur durch eine audiovisuelle Überwältigungsstrategie, in der eine hochtechnisierte Inszenierung immer wieder die Grenzen des Machbaren auslotet. Lag ein solches Konzept bei den Science Fiction- und Fantasy-Welten von Batman, Inception und Interstellar noch nahe, erscheint es in Dunkirk (2017), seinem Weltkriegsdrama über die Evakuierung von Dünkirchen im Juni 1940, ungleich gewagter. Doch in gewisser Weise setzt Nolan hier nur fort, was Steven Spielberg 1998 in der ersten halben Stunde von Der Soldat James Ryan begonnen hat: Er wirft den Zuschauer mitten hinein in den ohnmächtigen Taumel des außer Fugen geratenen Kriegsgeschehens. Doch im Unterschied zu Spielberg, der im Anschluss an die spektakuläre Eröffnungssequenz am Omaha Beach in eine klassische Erzählung überging, behält Dunkirk sein Publikum über volle 100 Minuten im lähmenden Würgegriff. Auf drei Zeitebenen erleben wir den verzweifelten Versuch der eingeschnürten britischen Soldaten, vor den heranrückenden Deutschen zu entkommen. Einmal auf einem kleinen Fischerboot, das traumatisierte Soldaten einsammelt, einmal im Luftkampf über dem Atlantik und einmal an der Mole am Strand, wo ein General (Kenneth Branagh) verzweifelt versucht, den Abtransport der Truppen zu organisieren. Dazu hämmert, tackert und schwelt die synthetische Filmmusik von Hans Zimmer wie ein unbarmherziges Uhrwerk, treibt unaufhaltsam die Mechanik des Kriegsgeschehens voran. Immer wieder greift sie dabei Elemente der Inszenierung auf. So zum Beispiel in The Mole: Da imitiert Zimmer die an den Strand spülenden Wellen. Immer schneller werden die Rhythmen, mahnen, wie sehr die Zeit drängt. Schrille metallische Klänge spiegeln das Aneinanderreiben von Metall – Sinnbild für das Rettungsschiff, das an die Mole gedrückt wird. Zimmer erzeugt im Kontrast zu den weiten Strandpanoramen ein Gefühl bleierner Beklemmung und Enge, dreht raffiniert an der Eskalationsschraube. Mit Hilfe der sogenannten Shepard-Skala erzeugt er die Illusion einer unendlich ansteigenden Tonleiter, ein Effekt den er bereits bei seinen Batman-Filmen genutzt hat und für den Christopher Nolan offenbar eine große Affinität besitzt.

Anders als bei Inception und Interstellar gibt es allerdings keine melodischen Anknüpfungspunkte, kein Hauptthema, welches sich zur Identifikation mit Handlung oder Figuren eignen würde. Über weite Strecken agiert Zimmers Beitrag mit seinen endlosen Ostinati vor allem als rhythmischer Pulsgeber. Das ist ganz im Sinne von Nolan, der sich ganz bewusst klassischen Erzählstrukturen verweigert. Denn hier geht es nicht um Heldentaten, sondern darum, das nackte Überleben der Soldaten in den Mittelpunkt zu stellen. Doch weil das an sich keinen Film füllt, greift Nolan dann doch auf kleinteilige Spannungsdramaturgien zurück, die ins große Ganze als lose miteinander verknüpfte Episoden eingebettet sind. Bei genauem Hinsehen entpuppen sie sich als konventionellen Erzählmustern verpflichtet: Da geht es darum, ob ein Verwundeter noch rechtzeitig das rettende Schiff erreicht, ob in einem Schiffsrumpf gefangene und unter Beschuss geratene Soldaten der tödlichen Falle entkommen oder sich ein Pilot nach dem Absturz seiner Maschine noch aus dem im Wasser versinkenden Cockpit befreien kann. Es mag kurios erscheinen: Aber mit diesen aneinandergereihten Szenen folgt Dunkirk den Grundprinzipien des Action-Kinos, bei dem hinter jeder Ecke eine neue zu überwindende Gefahr für die Heldenfigur lauert. Für den Film hat diese Konzentration auf Spannungsmomente einen weitreichenden Effekt: Es wird im übergeordneten Sinne nämlich nur wenig erzählt. Nach eigenen Angaben ging es Nolan vor allem darum, zu zeigen „wie es war“ und wie „es sich angefühlt hat“. Und zumindest in dieser Hinsicht funktioniert sein Film exzellent. Visuell brilliert Dunkirk mit atemberaubenden Panorama-Shots und fulminanten Luftkampfszenen. Der Dreh am Originalschauplatz unter Einsatz echter Schiffe und Flugzeuge ohne jede CGI-Künstlichkeit lässt den Film dazu besonders echt erscheinen. Doch es gibt auch Schwächen: die Totalen auf den Strand offenbaren nur wenige Hundert Soldaten, während in Wirklichkeit Hunderttausende inklusive Material ihrer Rettung harrten. Und während die belgische Stadt Dünkirchen in der Schlacht fast vollständig zerbombt wurde, zeigt Nolan sie praktisch unversehrt. Gleiches gilt für die Soldaten, adrette Jünglein, denen man Strapazen, Hunger und Müdigkeit kaum ansieht. Es ist schon seltsam: Bei allem betriebenen Aufwand wohnt der Inszenierung eine seltsame Hochglanz-Optik inne, in der sich das wahre Elend des Krieges nur in unzureichendem Maße ausdrückt.

Auch das mag Teil der Agenda Nolans sein, der mit Dunkirk nach eigenen Angaben ein Zeichen für ein neues Gemeinschaftsgefühl setzen wollte. In einer Zugszene ganz am Ende liest einer der Soldaten aus der Zeitung eine den Zusammenhalt beschwörende Rede Winston Churchills vor. Und auf einmal überrascht Zimmer mit orchestralem Pathos, zitiert Nimrod aus Elgars Enigma Variationen. Und es offenbart sich ein letztes Mal die ganze Zwiespältigkeit von Dunkirk: Wenn die Kamera aus dem Zug auf saftige grüne Wiesen und in fröhliche Kindergesichter blickt, dann könnte der Kontrast zu den fahlen fast monochromen Einstellungen der Atlantikküste kaum größer sein. Eine effektvolle Szene. Es wird sichtbar, was auf dem Spiel stand, wie viel Frieden und Freiheit bedeuten, wofür die Soldaten gekämpft haben. Und doch scheint Nolan gleichzeitig recht unverblümt für den Einsatz an der Front zu werben. Ist das bereits Verharmlosung oder nur eine weitere glatt polierte Illusion innerhalb der gut geölten Kino-Maschinerie Nolans, die mit allen verfügbaren Mitteln auf die Sinne des Zuschauers feuert? Man mag dazu geteilter Meinung sein. Fest steht: Hans Zimmers Oscar-nominierte Filmmusik ist in dieser Maschinerie ein integraler, dominanter Bestandteil. Brachiale Sounds für ein brachiales Kino. Ein Kino, das beeindruckt und überwältigt, dem man mitunter nur bei allem technischen Perfektionismus etwas mehr Seele und Haltung gewünscht hätte.

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