2016 – noch ein Jahr bevor der große Skandal um den Produzenten Harvey Weinstein öffentlich wurde und der Aufschrei vieler Opfer sexueller Belästigung unter dem Hashtag #metoo in den sozialen Netzwerken viral ging –, gab es bereits einen ähnlichen Eklat. Offensichtlich fand er nur am „falschen“ Ort statt und die Opfer gehörten dem „falschen“ politischen Lager an, als dass die Welle der Empörung damals schon hätte ausgelöst werden können: Es ging um das übergriffige Verhalten von Roger Ailes, dem damaligen CEO des ultrakonservativen US-Fernsehsenders Fox News. Mehrere Frauen warfen ihm vor, seine Machtposition ausgenutzt zu haben, um sie sexuell zu belästigen. Ailes trat daraufhin im Juli 2016 von allen seinen Funktionen bei Fox zurück, nicht aber, ohne zuvor von seinem Boss, dem Medienmogul Rupert Murdoch, eine großzügige Abfindung erhalten zu haben. Zu einer Anklage kam es allerdings nicht mehr. Zum einen einigte man sich in den meisten Fällen außergerichtlich und zum anderen verstarb der gesundheitlich angeschlagene 77‑Jährige nur knapp ein Jahr später an den Folgen eines Sturzes im eigenen Haus. Jay Roach (Trumbo) erzählt in Bombshell vom Fall des selbstherrlichen Patriarchen, ausgelöst durch die Moderatorin Gretchen Carlson (Nicole Kidman), die sich weigert, den sexuellen Avancen ihres Chefs nachzugeben, zunächst “strafversetzt” und später sogar entlassen wird.
Doch anfangs hat sie es mit ihrer Klage schwer: Denn in einem großen Haus wie Fox News hackt eine Krähe der anderen kein Auge aus. Ein jeder ist auf das eigene Wohlergehen und die eigene Karriere bedacht. Dazu gehört auch, mit den Wölfen zu heulen und, wenn nötig, die Ellenbogen auszufahren, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Und selbstredend gilt, dass jede Kritik an der bestehenden Hierarchie erhebliche Konsequenzen nach sich zieht. Zu den größten Stärken von Bombshell gehört es, dieses System der Macht in seinen zahlreichen Facetten zu sezieren. Der Blick in das Innenleben von Fox News gleicht dem in eine Barbie-Puppenstube, in der die Moderatorinnen alle bonbonfarbenen Kleider und kurzen Röcke tragen, um kameratauglich die langen Beine hervorzuheben. Alle sind perfekt gestylt und scheinen devot zu ihrem Boss, Roger Ailes, aufzuschauen. Es ist ein aseptischer Mikrokosmos, der äußerliche Perfektion verlangt und in dem den Angestellten abverlangt wird, alles zu tun, was nötig ist, um den Laden am Laufen zu halten. Und für Ailes bedeutet dies eben auch, dass eine junge Angestellte ihm “zu Diensten” sein muss, um zu beweisen, dass sie die notwendige Beharrlichkeit und Loyalität für den Job besitzt. Eine beklemmende Szene zeigt, wie das aussieht: Da ruft Ailes die gerade beförderte Kayla (Margot Robbie) zu sich und bittet sie darum, ihm ihre Beine zu zeigen und auch den Rock etwas höher zu schieben, um angeblich ihre “Eignung zu prüfen”.
Doch selbst später, als Carlsons Vorwürfe laut werden, ergibt sich im Haus des Fernsehsenders eine fragwürdige Dynamik: Während einige wie die abgebrühte Megyn Kelly (Charlize Theron) damit hadern, ob sie mit ihren eigenen Erfahrungen ebenfalls an die Öffentlichkeit gehen sollen, verteilen andere Frauen T-Shirts mit einer Pro-Ailes-Aufschrift. Sie argumentieren, er sei ja nur ein Mann wie jeder andere und habe ihnen doch die Karriere überhaupt erst ermöglicht. Eine andere Dimension wird vom Film leider nur angedeutet: Megyn Kelly, die sich im 2016er-Wahlkampf aufgrund sexistischer Aussagen mit Donald Trump angelegt hatte, vollzog damals eine Rolle rückwärts und versöhnte sich mit dem angehenden Präsidenten. Der Film erzählt das so, dass der öffentliche Druck und der massive Shitstorm sie zum Einlenken zwangen. Das erscheint plausibel, erklärt aber nicht, warum sie später dann doch wieder als aktive Trump-Unterstützerin auftrat. Bombshell blendet das aus, weil der Film die drei für ihr Recht streitenden Frauen als Identifikationsfiguren benötigt. Diese Verkürzung ist aber gerade deshalb so ärgerlich, weil es im öffentlichen Urteil selbstredend keine Rolle spielen sollte, auf welcher ideologischen Seite ein Opfer von sexuellem Missbrauch steht.
Die Filmmusik von Theodore Shapiro (Der Teufel trägt Prada) entwickelt dagegen ein ganz eigenes Gespür für die besondere Machtdynamik im Film. Seine Komposition ist zweigeteilt: Da gibt es zum einen flirrende Spannungsstücke, die die Mechanik im Fernsehsender spiegeln: Da tackert die Percussion, nervöse Rhythmen versinnbildlichen den akuten Stress aller Beteiligten, gezupfte Streicher kommentieren spöttisch den Irrsinn des Alltags und nachdenkliche Klaviertupfer deuten subtil die Schattenseiten des Business an. Im Kontrast dazu stehen die Musikstücke für die Szenen, in denen die Frauen aufbegehren: In der Fahrstuhlszene, in der Megyn Kelly, Kayla Pospisil und Gretchen Carlson zum ersten Mal aufeinandertreffen (“Elevator Trio“), erklingt eine Art wortloser A‑Cappella-Gesang. Für diese Stücke konnte Shapiro Caroline Shaw, Petra Haden und die Bangles-Frontfrau Susanna Hoffs gewinnen. Die Stimmen der drei setzt Shapiro geschickt als musikalische Textur ein. Sie hauchen ein textloses “Ha-ha-ha” in die Mikrofone, ein Symbol für die Suche nach einer eigenen Sprache in der patriarchalen Welt eines reaktionären Fernsehsenders. Doch leider macht Shapiro nur wenig aus dieser spannenden Grundidee. Wie großartig hätte seine Musik sein können, wenn er den Gesang allmählich – je mehr sich die Moderatorinnen gegen ihren Chef zur Wehr setzen und den sexuellen Missbrauch zur Anklage bringen – mit Wörtern und Textzeilen angereichert hätte, um dem wachsenden Selbstvertrauen und der steigenden Resilienz Ausdruck zu verleihen? Das passiert aber enttäuschenderweise nicht. Das Höchste der Gefühle bleibt ein langgezogenes, frenetisch-schrilles “Ah” im Finalstück “Explode”, dem experimentellsten Stück der Komposition.
Ansonsten bleibt es allein bei perkussiven Spielereien und nervös-flirrenden Klangtexturen. So richtig taugen die Hauptfiguren eben nicht zum Heldenkino und so fällt es auch dem Beitrag von Shapiro schwer, die Handlung mehr als nur illustrierend zu begleiten. In manchen Stücken wie “Roger Roger Roger” lehnen sich die ineinandergreifenden Rhythmen auch an den Minimalismus eines Philip Glass an. Doch zu keinem Zeitpunkt kommen die einzelnen Elemente wirklich zusammen. Shapiros Musik bleibt dafür zu eng verzahnt mit den Bildern. Allein ein Stück ragt heraus: „The Accusers’ Waltz“, das im Film eine Montagesequenz begleitet, in der sich die Frauen organisieren, vernetzen und im Austausch langsam den Widerstand gegen Ailes aufbauen. Zum ersten und einzigen Mal in der Filmmusik klingt da so etwas wie eine echte Melodie an. Im Kontext der Handlung erscheint das folgerichtig. Denn nur wenn alle zusammenhalten, können Männer wie Ailes zu Fall gebracht werden. Doch die Melodie verklingt rasch, denn in der schnelllebigen Medienwelt, währt so ein Moment des gemeinsamen Handelns nur kurz. Dabei ist so vieles möglich, wenn nur eine Person voranschreitet: “Ein kleiner Soldat, der mit den anderen spricht; ein kleiner Soldat, der die Feiglinge beim Namen nennt“, heißt es treffend im gelungenen Abspannsong “One Little Soldier” von Regina Spektor, und an Männer wie Ailes richtet sie in der ersten Strophe die Frage: “Glaubtest Du, Du könntest die Welt für immer beherrschen?“






