Un Sac de Billes – Armand Armar: “Die schreckliche Welt des Krieges”

Die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten hat im Dritten Reich das Leben unzähliger Familien auseinandergerissen, zerstört und ausgelöscht. Angesichts des Erstarkens rechtsradikaler Parteien erscheint es in diesen Tagen umso wichtiger, sich vor Augen zu führen, was Faschisten anrichten, wenn sie einmal an die Macht gelangen. Eine Möglichkeit dazu liefert das französische Filmdrama Ein Sack voll Murmeln (Un Sac de Billes) von 2017. Darin erzählt Christian Duguay, basierend auf der Autobiografie von Joseph Joffo, die wahre Geschichte einer jüdischen Friseurfamilie, für die die Lage 1941 im besetzten Paris immer gefährlicher wird. Kurzerhand entscheiden sich die Eltern dazu, aus der Stadt zu fliehen. Um möglichst wenig Verdacht zu erregen, machen sie sich getrennt auf den Weg. Die beiden Jüngsten, Jo und sein älterer Bruder Maurice, werden mit dem Zug vorausgeschickt. Doch die Reise der zehn und dreizehn Jahre alten Kinder verläuft alles andere als reibungslos. Schergen des Regimes patrouillieren überall. Mithilfe eines Pfarrers und eines Schleusers erreichen die Geschwister schließlich nach langem Fußmarsch Nizza, wo sie den Rest der Familie wiedertreffen. Doch das Glück und die Sicherheit in der freien Zone erweisen sich als trügerisch. Denn nach dem Sturz von Mussolini in Italien übernehmen die Deutschen auch hier die Kontrolle. So kommt es, wie es kommen muss: Eines Tages geraten Jo und Maurice in Gefangenschaft und sind gezwungen, ihre Religion zu verleugnen, nur um nicht im nächsten Zug zu landen, der sie in ein Konzentrationslager befördern würde.

Duguays Version der berührenden Kindheitsgeschichte von Joseph Joffo ist allerdings nicht die erste Adaption für die große Leinwand. Bereits 1975 hatte Jacques Doillon den Stoff verfilmt, Philippe Sarde komponierte seinerzeit die kurze, äußerst sparsam eingesetzte Filmmusik. Die Inszenierung blieb damals weitestgehend nüchtern, hielt sich in natürlichen Farben und verlagerte die Bedrohung durch die Nationalsozialisten in den Hintergrund. Ganz anders die Neuauflage: Sie präsentiert die Geschichte nicht nur in sonnendurchfluteten, farbenprächtigen Bildern, sie rückt auch die alltägliche Gewalt gegenüber den Juden stärker in den Mittelpunkt. Mehrfach müssen Jo und Maurice mit ansehen, wie Menschen in ihrer Nähe kaltblütig exekutiert werden. Die Gefahr für Leib und Leben ist darum in jeder Szene greifbar. Die filmische Umsetzung der berührenden Lebensgeschichte schwächelt aber an anderer Stelle: Von Beginn an erzeugt die Kamera pittoreske, pastellfarbene Bilder, die auch Die fabelhafte Welt der Amélie entspringen könnten. Dieser verklärende Weichzeichner steht natürlich im eklatanten Widerspruch zur bitteren historischen Realität entbehrungsreicher Kriegsjahre. Eine seltsame Distanz zum Leinwandgeschehen entsteht aber auch dadurch, dass das Drehbuch mit vielen Auslassungen arbeitet. Wenn Maurice etwa seinen kleinen Bruder, der nicht mehr laufen kann, auf dem Weg nach Nizza huckepack nimmt, fragt man sich unweigerlich, wie viele Kilometer beide auf diese Weise tatsächlich zurückgelegt haben. Hinzu kommt, dass sich angesichts der Strapazen der langen Reise keinerlei Erschöpfung oder Verzweiflung in ihren Gesichtern ablesen lässt. Obwohl die Geschichte wahr ist und in etwa wirklich so stattgefunden hat, fühlt sich die Inszenierung deshalb nicht wahrhaftig an. Es fehlen die kleinen Details, die die Geschichte greifbar machen und zum Leben erwecken.

Leider trägt auch die Filmmusik von Armand Amar zu diesem verwässerten Eindruck bei. Zwar präsentiert er mit dem Hauptthema in Un sac de Billes eine attraktive Melodie mit reizvollen Klavierläufen. Doch bereits die Pizzicati der begleitenden Streicher verströmen bei aller Melancholie eine Lieblichkeit, die den oben beschriebenen „Amélie“-Eindruck verstärkt. Besonders deutlich wird dies auch bei der Ankunft in Nizza (Arrivée À Nice), in der Streicher, Klavier und Holzbläser so beschwingt die Wiedersehensfreude feiern, dass es auch die Begleitung zu einer Liebeskomödie sein könnte. Selbst in den Spannungssequenzen bleibt Amars Komposition seltsam gemäßigt. Er vertont Szenen wie die Kontrolle im Zug oder die nächtliche Flucht über die Grenze zur freien Zone mit einer transparenten Klangsprache, in der Streicherostinati mit Klavier, Percussion und Bläsern alle Verstörung und jegliches Entsetzen wegglätten. Es ist geradezu erstaunlich, dass Amar, dem es in seinen ethnisch geprägten Filmmusiken so mühelos gelingt, die Leinwand zu transzendieren und für einen Humanismus jenseits jeglicher Grenzen zu werben, sich hier so schwer damit tut, den richtigen Tonfall zu finden. Das gilt auch für den Versuch, mit La traversée, einem der stärksten Stücke der Filmmusik, einen solchen majestätischen, Resilienz gegend den Faschismus beschwörenden Moment zu schaffen. In der oben beschriebenen „Huckepackszene“ schwillt ein Streicherostinato mit Begleitfiguren von Klavier, Holzbläsern und Xylofon zu einer epischen Melodie an, die den Überlebenswillen der Jungen feiert. Doch gerade weil Inszenierung, Drehbuch und Musik nicht präzise genug Hand in Hand gehen, wirkt die Musik viel zu pathetisch – und damit zu weit weg vom Innenleben der Kinder.

Amars Musik badet etwas zu sehr im behaglichen Wohlklang des französischen Arthouse-Kinos. Und das ist ein wenig schade, weil die Musik durchaus viel Hörenswertes bietet. Neben dem wunderbaren Hauptthema das schwermütige Duett von Klavier und Violine zu Beginn von Retrouvailles etwa oder das herzergreifende Retour À Paris: Wenn Jo nach vielen Jahren wieder nach Paris zurückkehrt, erinnert das Spiel der Solovioline in diesem Finalstück unmittelbar an das Hauptthema von John Williams aus Schindlers Liste. Es ist das erste Mal in der Filmmusik zu Un Sac de Billes, dass die jüdische Musiktradition eine größere Rolle spielt. Das mag angesichts des Sujets auf den ersten Blick erstaunlich anmuten. Doch weil Jo und Maurice zuvor lange Zeit ihre Religion verbergen müssen, liegt es nahe, dass sich auch die Musik in Zurückhaltung übt. Daraus ergibt sich eine interessante konzeptuelle Klammer: Während das Hauptthema des Titelstücks bittersüß die Vergänglichkeit der Kindheit unterstreicht, etabliert Retour À Paris als Ende der beschwerlichen Reise das Annehmen und Ausleben der eigenen jüdischen Identität. Es ist ein zu Tränen rührender Kontrast, auch musikalisch, der die Bedeutung von Freiheit als essenzielle Voraussetzung für die individuelle Entfaltung hervorhebt. Auch wenn Ein Sack voll Murmeln einige Schwächen besitzt, wird diese Kausalität unmittelbar deutlich. Und diese Botschaft bleibt zeitlos: Denn wer in diesen Tagen rechtsradikalen Kräften auf den Leim geht und ihnen seine Stimme gibt, riskiert fahrlässig, Freiheit & Demokratie zu verlieren.

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