War das wirklich nötig? So reagierten nicht wenige Kinogänger nach der Ankündigung Disneys, tatsächlich einen vierten Teil der Toy-Story-Reihe produzieren zu wollen. Denn viele Fans betrachteten das Ende von Toy Story 3 als perfekten Abschluss und sahen die Geschichte um die lebendig gewordenen Spielzeuge als auserzählt an. Doch sie hatten die Rechnung natürlich ohne Disney gemacht. Der Konzern lässt keine Chance aus, um eine beliebte Cashcow zu melken. Und tatsächlich sollte das Studio mit dieser Entscheidung recht behalten. Toy Story 4 hat weltweit 1,073 Milliarden US-Dollar eingespielt und erhielt 2020 sogar den Oscar für den besten Animationsfilm. Dieser beachtliche Erfolg ändert allerdings wenig daran, dass der vierte Teil der bislang schwächste Eintrag der Reihe und ein ziemlich durchschnittlicher Pixar-Film ist. Ursachen dafür gibt es viele. Das größte Problem besteht darin, dass wie befürchtet im Grunde nichts erzählt wird, was man nicht vorher bereits mehrfach gesehen hätte. Abermals gehen Spielzeuge verloren; abermals stehen sie vor der Frage, ob sie von ihrem “Besitzer-Kind” geliebt und bespielt werden wollen oder besser eigene Wege gehen sollten. Und natürlich muss man im turbulenten Finale alle Hebel in Bewegung setzen, um in letzter Sekunde von der Familie mitgenommen zu werden, bevor sie sich auf den Weg macht. Der Schauplatz ist dieses Mal zwar ein anderer – die Handlung spielt fast ausschließlich auf einem Jahrmarkt mit angrenzendem Antiquitätengeschäft, doch die Plotmuster bleiben dieselben. Größter Unterschied zu den Vorgängerfilmen ist dagegen ein Aspekt, der in einigen Filmkritiken zu Recht kritisiert wurde: die seltsame Wesensveränderung der Hauptfiguren. Das betrifft nicht nur Woody, der es mit der Loyalität zu seiner Besitzerin Bonnie plötzlich nicht mehr ganz so genau nimmt. Auch Bonnie, die Andy eigentlich hoch und heilig versprochen hatte, auf Woody & Co. besonders aufzupassen, begegnet dem Verlust eines ihrer Spielzeuge nur mit einem Schulternzucken. Insbesondere ist es aber die Porzellanschäferin Bo Peep, die hier plötzlich von der sanft-gutmütigen Gefährtin Woodys zur toughen Einzelgängerin mutiert. Zwar wird dies mit ihrem Empowerment abseits der Gruppe begründet. Keinen Sinn ergibt es aber, dass sie diesen Charakterzug bereits in der chronologisch nach Teil 2 angesiedelten Rückblende aufweist.
Ärgerlich ist zudem, wie die Spielzeuge immer stärker mit den Menschen interagieren – was nicht gänzlich neu im Franchise ist, aber mit der gefälschten Navi-Stimme und der blockierten Bremse im Caravan mittlerweile doch so überzogen wirkt, dass man sich wundert, warum kein Mensch jemals ein “lebendiges” Spielzeug zu Gesicht bekommen hat. Natürlich war die innere Logik der Toy-Story -Filmwelt noch nie hundertprozentig wasserdicht. Wie willkürlich die Autoren hier aber mit den etablierten Figuren umgehen, offenbart eine fehlende Liebe zum Detail, die für Pixar doch ziemlich ungewöhnlich anmutet. Dennoch ist Teil 4 kein schlechter Film. Weiterhin beeindruckt die nahezu fotorealistische Animation. Welche Sprünge diese gemacht hat, wird insbesondere bei den Tieren sichtbar, wenn man nur den Detailgrad des Fells und die Bewegungsabläufe des Hundes aus dem ersten Teil mit der Katze im Antiquitäten-Shop vergleicht. Auch für ein paar nette Gags ist immer noch Platz: Drollig etwa, wie der von Bonnie aus einer Plastikgabel gebastelte “Forky” ständig versucht, sich im nächstgelegenen Mülleimer zu entsorgen. Und die beiden Plüschtiere aus der Jahrmarktsbude stehlen mit ihren radikalen Angriffsplänen die ein oder andere Szene. Charmant ist auch, dass das Erzähltempo des Filmes nach dem actiongeladenen Finale des Vorgängers in der Müllpresse wieder einen Gang herunterschaltet. Diese Rückkehr zum Bewährten zeigt sich speziell auch am Beitrag von Randy Newman, der allem Unken zum Trotz (siehe Kritik zum dritten Teil) erneut engagiert wurde, um die Filmmusik zu schreiben. Hatte sich der 1943 in Los Angeles geborene Komponist und Songwriter zuletzt mit der modernen Ausrichtung des Showdowns spürbar unwohl gefühlt, vertraut er nun wieder komplett auf die in den ersten beiden Filmen etablierte Tonsprache, die sich an Aaron Copland, George Gershwin und Richard Strauss anlehnt. Und damit gelingt ihm durchaus ein sympathisches Gegengewicht zu vielen Vertonungen von Animationsfilmen der letzten Jahre, die ohne elektronische Beats kaum auskommen.
Zusätzliche Familiarität erzeugt Newman durch mehrere Rückgriffe auf die bisherigen Musiken. Das gilt nicht nur für die etablierten Leitmotive von Buzz, Bo Peep oder Woody, die erwartungsgemäß auftauchen, sondern auch für andere Themen: Beispielsweise enthält Operation Pull Toy (ab Minute 1:53) das Bläsermotiv von Ride like a Wind aus Toy Story 2; in Buzz’s Flight & a Maiden zitiert Newman nicht nur die mitreißende Fanfare von Zurg’s Planet (ab Minute 1:35) aus Toy Story 2, sondern (ab Minute 2:27) auch das schmissige Marschmotiv von On the Move aus dem originalen Toy Story. Und für die große Abschiedsszene (Parting Gifts & New Horizons) fungiert So long aus Toy Story 3 als Blaupause. Das Bemerkenswerte daran: Es sind Querreferenzen, die nicht direkt leitmotivisch erklärbar sind und damit möglicherweise unbewusst sogar zum Eindruck beitragen, alle Situationen in Toy Story 4 schon einmal so ähnlich erlebt zu haben. Erfreulicherweise bietet die neue Musik aber nicht nur Altbekanntes: Für die Plastikgabel Forky erklingt ein verschrobenes Scherzo (Trash Can Chronicles/A Spork in the Road), das reizvoll durch die Holzbläser wandert. Und die angesichts des ersten Schulbesuchs sehr schüchterne und verunsicherte Bonnie erhält eine Klavier-Streichermelodie in Begleitung von Flöte und Klarinette (School Daze), die an den Lyrizismus von Newmans früheren Dramen-Musiken erinnert. Hübsch auch das Tango-Motiv auf dem Akkordeon für den “gescheiterten” Motorrad-Stuntman Duke Caboom (Recruiting Duke Caboom).
Es versteht sich allerdings von selbst, dass Toy Story 4 trotz dieser neuen Akzente das Rad in keinerlei Hinsicht neu erfindet und die Reihe filmmusikalisch weiterhin daran krankt, dass sie so eng mit den Bildern verzahnt ist, dass eine übergeordnete konzeptuelle Klammer fehlt, um die kleinteiligen Einzelideen zu einem schlüssigen Ganzen zusammenzufügen. Randy Newman illustriert die neuerlichen Abenteuer mit viel Verve und einer gewohnt liebevollen Orchestrierung, in der vor allem die Bläser immer wieder reizvoll aufspielen dürfen. Die Selbstzitate ausgeklammert, knüpft die neue Musik mühelos an das hohe Niveau der Vorgänger an. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es keinerlei erkennbare Entwicklung gibt. Wo es beim Vorgänger Don Davis war, der als Co-Komponist Richtung Blockbuster-Kino schielte, kehrt Teil 4 ganz bewusst zum Bodenständigen zurück. Doch nicht nur der Film selbst, sondern auch die Musik wirkt dadurch formelhaft: Bernstein-Copland-Anleihen, etwas Space-Opera, viel Mickey-Mousing und natürlich einige rührselig-melancholische Abschiedsstücke – man kennt diese Rezeptur inzwischen zur Genüge. Und darf natürlich auch eine Reprise von You’ve got a friend in me und ein neuer (abermals Oscar-nominierter) Song (I Can’t Let You Throw Yourself Away) nicht fehlen. Es bleibt hier alles beim gut geölten Alten. Und man benötigt wirklich nur wenig Fantasie, um sich vorzustellen, dass Newman, solange er nicht in den wohlverdienten Ruhestand geht, noch viele ähnliche Musiken nach gleichem Muster zu den unvermeidbaren Fortsetzungen beisteuern könnte.






