
Zwei Jahre ist es her, dass das kleine galizische Fischerdorf A Guarda von einem schrecklichen Schiffsunglück heimgesucht wurde. Schock und Trauer währten lange. Doch nun versucht Luis (Javier Gutiérrez), einer der wenigen Überlebenden, die Dorftradition der Rondallas wiederzubeleben. Die Rondalla, die in Spanien eine lange Tradition besitzt, kann man ehesten mit einem Spielmannszug vergleichen. Dabei geht es weniger um Perfektion, als die Freude am gemeinsamen Musizieren. Nach und nach gelingt es Luis, alle wieder zusammenzutrommeln. Wie in früheren Zeiten möchte er bei einem Wettstreit der Dörfer anzutreten. Seine Freundin Isabel sowie deren Töchter Andrea und Sabela, deren Mann bzw. Vater bei der Katastrophe verstarb, sind nach anfänglichem Zögern ebenfalls mit von der Partie. Vor allem Andrea leidet noch immer unter dem schlimmen Verlust. Sie tut sich schwer damit, Luis als neuen Stiefvater anzuerkennen. Das Leben der talentierten Dudelsack-Spielerin wird zudem dadurch verkompliziert, dass ihre Jugendliebe Elías ins Dorf zurückgekehrt ist und Tauchroboter parallel zu den ersten Proben das Wrack des Kutters finden. Plötzlich fällt der Verdacht auf ihren toten Vater: Ihm wird vorgeworfen, die Katastrophe durch fahrlässiges Verhalten verursacht zu haben.
Wer in den letzten Jahrzehnten den ein oder anderen Arthouse-Film gesehen hat, der kennt das Grundprinzip von So klingt das Leben – Rondallas bereits. Dass eine Dorfgemeinschaft über Tanz oder Musik wieder zusammenfindet und nebenbei den ein oder anderen Konflikt überwindet – dazu gehört auch, dass Amor ein paar Pfeile verschießt – das ist alles wahrlich nicht neu. Man mag da an Wie im Himmel, Fisherman’s Friends oder Brassed Off denken. Daniel Sánchez Arévalo hat diese Vorbilder gut studiert und bietet in seiner neuen Regiearbeit vor allem charmantes Wohlfühlkino auf ausgetretenen Pfaden, woran auch die ein oder andere Überraschung und Variation des Altbekannten wenig ändert. Alleinstellungsmerkmal ist allerdings der starke Fokus auf die Tradition der Rondallas. Die Planung der Choreografie und die regelmäßigen Proben für den Wettstreit nehmen in seinem Film breiten Raum ein. Die Drehbuch-Idee war dem Regisseur gekommen, nachdem er ein Video gesehen hatte, indem eine Dorfkombo Thunderstruck von AC/DC aufgeführt hatte. Mit der ursprünglichen Rondalla, in der ein Ensemble aus Zupfinstrumenten durch die Straßen wanderte, hat das weniger zu tun. Aber die Instrumentierung und Form der Rondalla war über die Generationen stets im Wandel, wurde immer freier interpretiert. Dies zeigt auch der Film, wo die Formation um Luis vor allem aus Dudelsäcken, Trommeln und Tambourinen besteht. So verleiht auch Andrea, die schließlich die Leitung von Luis übernimmt, der Musik eine dringen benötigte Frischzellenkur. Allerdings arrangiert sie für den Wettbewerb nicht AC/DC, sondern in Erinnerung an ihren verstorbenen Vater einen Song der Band Coldplay. In dieser Wahl drückt sich freilich auch eine gewisse Oberflächlichkeit aus. So klingt das Leben verhandelt alle Themen leider ohne Ecken und Kanten. Manchmal lässt das mit der Stirn runzeln, wenn beispielsweise der sich selbst verletzende Elias trotz psychischer Probleme unfassbar selbstbewusst und unbekümmert um Andreas Herz wirbt. Auch der Konkurrenzkampf der beiden Polizisten-Brüder nimmt im Verlauf eine seltsame Note an, wenn er in eine blutige Schlägerei zwischen zwei Dörfern ausartet, die keinerlei strafrechtlichen Folgen hat und insbesondere angesichts des Filmendes rückblickend ziemlich absurd wirkt.
Es funktioniert also längst nicht alles in dieser ansonsten charmanten Feelgood-Dramödie. Was aber definitiv funktioniert ist die Filmmusik von Federico Jusid, der hier zwar keine Komposition im klassischen Sinne beigesteuert hat, dafür aber zusammen mit dem Musikproduzenten Daniel Osiewala für das Erstellen und Arrangieren der Rondalla-Stücke mit ihren fröhlichen Marschrhythmen zuständig war. In einem Interview bezeichnete er die Arbeit am Film als “Übung in Demut”. Er habe lediglich drei Melodien für die Rondallas beigesteuert. Echte Originalmusik abseits der Musik der Proben gibt es dann eigentlich auch nicht: Eine kleine Ausnahme: Es gibt eine Szene am Anfang, in der Elias mit der Flöte unter Andreas Fenster ein Ständchen spielt. Beide musizieren schließlich im Duett und die eindringliche Melodie wird mittels eines geschickten Cuts plötzlich als Rondalla von der kompletten Gruppe übernommen. Es ist eine gelungene Szene, nicht nur wegen des eleganten Übergangs, sondern weil sich darin sogar ein versteckter Hinweis auf den Wortursprung der Rondalla verbirgt: Der Name leitet sich nämlich vom spanischen Wort ronda (die Runde, der Rundgang) bzw. dem Verb rondar ab, was so viel wie „herumstreifen“, „Nachtwache halten“ oder eben „ein Ständchen bringen“ bedeutet.
Doch solche feinsinnigen Momente sind in So klingt das Leben ansonsten rar gesät. Zum Beispiel gründet die galizische Tradition der Rondalla nicht zuletzt in der Arbeiterbewegung. Zwar spielen im Film der Muschelfang und die finanziellen Schwierigkeiten der lokalen Händler am Rande eine Rolle, doch wird derlei schnell wieder beiseitegeschoben. Dazu stellt sich die Frage, woher das ganze Geld für neue Instrumente und Kostüme eigentlich kommt. Derartige Vereinfachungen schaden dem Film. Daniel Sánchez Arévalo geht zu viele Konzessionen ein, um ein möglichst breites Publikum zu erreichen. In vielen Szenen fühlt sich die Handlung eine Spur zu weichgezeichnet an. Das ist schade. Denn eigentlich sind alle Zutaten für mitreißendes Kino vorhanden: der pittoreske Schauplatz, eine solide Plotidee und eine sympathische Darsteller-Riege. Doch das Drehbuch macht daraus viel zu wenig, verpasst es, von den echten Alltagsnöten der Dorfbewohner in wandelnden Zeiten zu erzählen. Rondallas produziert stattdessen vor allem gelackte Postkarten-Bilder und postuliert, dass sich irgendwie alle Probleme mit etwas Musik und Tanz schon bewältigen lassen. Das ist eigentlich ein sehr schöner Gedanke: Doch allerspätestens, wenn im Abspann der Popsong As que nunca cantaron von Tanxugeira erklingt, anstatt den Rondalla-Stücken und Federico Jusid noch einmal ein echtes Schaulaufen zu ermöglichen, ahnt man, dass das echte Leben dann doch ein klein wenig anders klingt.






