The Handmaid’s Tale – Adam Taylor: “Der musikalische Schatten”

Als Margaret Atwood 1985 ihren dystopischen Roman The Handmaid’s Tale (dt. Der Report der Magd) veröffentlichte – im selben Jahrzehnt wie Alias Grace –, konnte sie kaum ahnen, wie prophetisch die Geschichte einmal sein würde. Selbst 2017, als die Serien-Adaption mit Elisabeth Moss in der Hauptrolle startete, fühlte sich die religiös-fundamentalistische Welt von Gilead in einer nahen US-amerikanischen Zukunft noch an wie wilde Science-Fiction. Doch spätestens mit Donald Trumps zweiter Amtszeit und den ICE-Truppen der Einwanderungsbehörde (deren Chef sich gerne in einer Uniform präsentiert, die an NS-Zeiten erinnert), muss man wohl eingestehen, dass sich “God’s own country” merklich in die falsche Richtung bewegt und die eigene Demokratie immer weiter aushöhlt. Atwoods Roman und damit auch die Serie sind da – es ist beängstigend – einige Schritte weiter. Schritte, die das republikanische Amerika hoffentlich nie gehen wird: Umweltprobleme haben dazu geführt, dass viele Menschen keine Kinder mehr bekommen können. An der Macht steht eine christlich-fundamentalistische Regierung, die alle Menschen in soziale Klassen mit exakt festgelegten Rollen eingeteilt hat. Eine besondere Funktion nehmen dabei die in rote Mäntel gekleideten Mägde ein: Bei ihnen handelt es sich um die wenigen übriggebliebenen Frauen, die noch in der Lage sind, Kinder zu gebären. Eine von ihnen ist June (Elisabeth Moss), die diesen Namen aber ablegen musste. Nun heißt sie Offred – benannt nach ihrem “Besitzer” Fred Waterford. Ohne Rechte lebt sie bei seiner Familie und hat genau eine Aufgabe: Sie soll dem unfruchtbaren Paar ein Kind schenken. Allmonatlich findet deshalb eine sterile Beischlaf-Zeremonie statt, in der er versucht, sie zu schwängern – während die Magd regungslos in den Armen seiner Frau liegt.

Viel Anlass zur Hoffnung gibt es in dieser von Sicherheitstruppen streng bewachten Gesellschaft nicht. Jeder Fluchtversuch wird mit drakonischen Strafen geahndet. Zeigt sich ein Anflug von Widerstand, ersticken ihn die Schergen des Staates sofort im Keim. Die Lage erscheint völlig aussichtslos. Doch genau in dieser Ausgangssituation liegt die besondere Stärke der Serie: Sie führt nämlich schonungslos vor Augen, dass, wenn sich ein derart faschistisches System erst einmal etabliert hat, keine einfache Rückkehr zum “früher” mehr möglich ist. Diese Botschaft sitzt deshalb so eindringlich, weil es den Serienschöpfern mit präziser Beobachtungsgabe gelingt, die niederschmetternde Realität unter totalitärer Herrschaft in ihrer ganzen Tragweite einzufangen. Dazu gehören die alltägliche Polizeipräsenz und die Repressalien ebenso wie die Machtträger, die insgeheim die eigenen Regeln unterwandern. Filmisch ist das hervorragend umgesetzt: Die sorgfältig komponierten Bilder fangen in ihrer Symmetrie und Statik die starren Regeln dieser “Law & Order”-Welt ein. Die gedämpften Farben verdeutlichen, wie sehr hier alles Lebenswerte verblasst ist. Dazu erhält jede “Kaste” ihre eigene Signaturfarbe: Das “Rot” der Mägde symbolisiert Menstruation und Fruchtbarkeit, das Blau der Ehefrauen steht für die Jungfräulichkeit Marias, während die Dienerinnen ein mattes Grün tragen. Und das Braun der Tanten kann man nur als unverhohlenen Verweis auf den Faschismus selbst werten.

Die Filmmusik von Adam Taylor überträgt die trostlose Enge der Inszenierung in fahle Klangfarben. Der Komponist beschreibt den Arbeitsprozess wie folgt: „Eine Idee war es, Sounds und Instrumente durch verschiedene Prozesse so oft zu überarbeiten, bis ein Qualitätsverlust eintritt – ähnlich wie bei einer schlechten Fotokopie.“ Die Musikkonzeption wird in The Handmaid’s Tale also zu einem direkten Spiegel der Serienwelt. Beeindruckend ist bereits das elektronische Chased mit wellenförmig an- und abschwellenden Drones, ein Glissando, das an eine Alarmsirene erinnert und den gesellschaftlichen Ausnahmezustand etabliert. Störgeräusche sind dabei ein bewusster Teil der Komposition, in der Klavier und Streicher im Vordergrund durchaus zärtliche und hoffnungsvolle Akzente setzen, während sich im Hintergrund in wummernden Synthie-Bässen wie ein allgegenwärtiger Schatten die Macht des Regimes ausdrückt. Bemerkenswert ist dabei, wie geschickt Taylor beide musikalische Ebenen – Synthesizer und Orchester – ausbalanciert. Die einfühlsamen Streicher in Ofglen and Offred wirken wie eine melancholische Oase der Menschlichkeit in einer gefühlskalten Gesellschaft. Und wenn June das erste Mal zu einem verbotenen nächtlichen Besuch in Freds Arbeitszimmer gerufen wird, drückt das gezupfte Cello in He Wants To See You nicht nur ihre Anspannung aus, sondern auch die latente Hoffnung, dass sie die Nähe zu ihm zu ihrem Vorteil nutzen kann. Gleichzeitig unterstreichen die elektronischen Klangflächen die Gefahr, die von dieser unerwarteten Entwicklung ausgeht.

Wenn der Filmmusik etwas fehlt, dann sind es übergeordnete Themen, die die vielen Einzelelemente zusammenhalten. Taylor und den Serien-Machern ging es offensichtlich mehr darum, das schwelende Unbehagen auf den Zuschauer zu übertragen, als ein kohärentes musikalisches Werk zu schaffen. Dennoch vertraut die Komposition keineswegs ausschließlich dem dröhnenden Sounddesign. Einen lieblichen Kontrapunkt zur düsteren Grundatmosphäre setzt beispielsweise das verspielte Klavierthema in Their First Time. In Moira and June Escape wandert das elektronische Glissando auf die akustische Ebene und wird von den Streichern als eindringliches Spannungsmotiv gespielt. Konzeptuell sind auch die beiden Schlussstücke interessant: June hat gelernt, sich innerhalb des erdrückenden Systems zu bewegen und beginnt aktiv, sich zur Wehr zu setzen. Entsprechend erwachsen in He’s Alive und insbesondere dem pulsierenden Mom’s Got Work aus dem elektronischen Fundament plötzlich optimistische Töne mit entspannten Gitarrenklängen. Stand diese Klangebene vorher nur für das Regime, wird sie nun musikalisch unterwandert – ein großartiger Einfall. Eher eine Frage des individuellen Geschmacks sind hingegen zwei Stücke der Filmmusik (Escapes Within/The Smell of Caves), die mit Monologen Offreds unterlegt sind. Was bei anderen Soundtracks oft ziemlich entbehrlich ist, funktioniert hier jedoch auf seltsame Weise: Die sanft-resignierte Stimme von Elisabeth Moss entfaltet eine hypnotische Wirkung, die gut zur eigenwilligen Stimmung der Musik passt. Am Ende scheint hier alles durchdacht: Nahezu in jedem Stück gelingt es Adam Taylor, den richtigen Tonfall zu treffen. Womöglich ist es allein der nachvollziehbare und gut begründete Fokus auf die Filmdienlichkeit, der verhindert, dass die spröde Komposition auch abseits der Bilder zu einem fesselnden Hörfavoriten avanciert.

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