Marty Supreme – Daniel Lopatin: “Fake it until you make it”

Marty Mauser (Timothée Chalamet) ist davon überzeugt, der beste Tischtennisspieler der Welt zu sein und mit seinem Talent zum großen Star aufsteigen zu können. Doch im New York der frühen 50er Jahre steht der “Pingpong”, wie der Sport damals oft noch abfällig genannt wurde, noch ganz am Anfang. Marty lässt sich davon aber nicht abhalten. Er hat keine Lust, auch nur eine Sekunde länger im Schuhgeschäft seines Onkels in der Lower East Side zu versauern. Um an den British Open in London teilnehmen zu können, benötigt er allerdings das Geld für den teuren Flug. Doch sein Onkel will ihn von der Reise abbringen und hält ihm deshalb das fällige Gehalt vor. Mit einer List gelingt es Marty, einen Kollegen im Laden dazu zu bringen, ihm das Geld auszuzahlen. Der Trip nach London verläuft allerdings ernüchternd. Völlig überraschend gewinnt der Japaner Endo das Turnier dank der damals in Europa wenig bekannten Penholder-Technik und einem neuartigen Schläger mit Schaumstoffbelag. Marty ist außer sich und schwört selbstredend Rache. Gleichzeitig lernt er die Unternehmergattin und Schauspielerin Kay (Gwyneth Paltrow) kennen, die sich zu einer Affäre mit ihm hinreißen lässt. Unterdessen unterbreitet ihr Mann Rockwell ihm den Vorschlag, für einen fingierten Showkampf nach Japan zu reisen, um sich nochmals mit Endo zu duellieren. Weil Marty sich nicht verkaufen will und das Angebot ablehnt, ist er sofort wieder auf sich gestellt. Er muss versuchen, das Geld für weitere Turnierreisen, anderweitig aufzutreiben. Doch woher nehmen oder stehlen?

Timothée Chalamet spielt Mauser als hyperaktiven Besessenen, der von Ruhm, Geld und Ehre träumt, dem die Realität aber ständig neue Knüppel zwischen die Beine wirft. Aufgeben ist für das Tischtennis-Genie dennoch keine Option. Und so schlittert Marty von einem Schlamassel ins Nächste, was nach zahlreichen Wendungen, die mit fingierten Matches, einem Mobster und einem entlaufenen Hund zu tun haben, schließlich in einem Shootout eskaliert. Josh Safdie inszeniert das, sehr lose basierend auf wahren Begebenheiten, nahezu perfekt: Das Ensemble (neben Chalamet nicht zuletzt Odessa A’zion als Martys schwangere Freundin Rachel) agiert großartig, das schmuddelige New York der 50er Jahre wird atmosphärisch eingefangen. Die Kamera arbeitet immer wieder mit Großaufnahmen, die etwa Martys verzweifeltes Gesicht zeigen, wenn sich wieder einmal eine Option zerschlägt, während sein Gehirn bereits fieberhaft dem nächsten absurden Einfall ausbrütet. So strotzt die Inszenierung nur so vor irrwitzigen Einfällen, Subtexten und schrägen Wendungen. Ganz nebenbei erzählt Josh Safdie zugleich von der kommerziellen Vereinnahmung einer Sportart und derjenigen Talente, die ihn ausüben.

Dazu gibt es zwei zentrale Grundmotive, die sich als Leitgedanken durch Marty Supreme ziehen: Zum einen ist es das Thema der Geburt. Bereits der Vorspann zeigt Spermien auf ihrem Weg zur Eizelle. Rachels Schwangerschaft verläuft parallel zu Martys Bemühungen, in dem es, wenn man so will, um die Geburt des Tischtennissports in den USA, aber auch die “Geburt” des erwachsenen Martys geht. Zum anderen geht es um Täuschung und Illusion. Marty denkt groß, um Großes zu erreichen. Doch der Weg dahin ist gepflastert mit faulen Kompromissen, erniedrigender Selbstverleugnung und Kollateralschäden. Wer in der sozialen Leiter aufsteigen will, so viel wird schnell deutlich, muss buchstäblich über Leichen gehen. Auch Marty, der seine Ziele mit Herz, aber ohne jegliche Skrupel verfolgt, steht irgendwann vor der Frage, wie viel er für seinen Traum bereit ist zu geben. Doch nicht nur er ist es, der betrügt: Seine Mutter fingiert Krankheiten, um ihren Sohn sehen zu können; Rockwell bezahlt die Theater-Besucher, die seiner Frau auf der Bühne zujubeln und selbst Rachel spielt nicht immer mit offenen Karten. Auch wenn alle handelnden Figuren über unterschiedliche Voraussetzungen verfügen: Der Schein steht bei allen über dem Sein.

©A24 – Central Pictures

Angesichts dieses Grundprinzips ist es ein kongenialer Einfall, dass auch der Soundtrack Teil dieses irrwitzigen Spiels mit Illusionen ist. Denn – anders als man erwarten könnte – gibt es keine zeitgenössische Musik aus den 50er Jahren zu hören. Stattdessen werden die Songs ebenso wie die Originalmusik vom typischen Sound der 80er Jahre bestimmt. Da gibt es I have the Touch von Peter Gabriel, Forever Young von Alphaville und natürlich Everybody Wants To Rule The World von Tears for Fears, um nur einige Beispiele zu nennen. Und auch die Originalkomposition von Daniel Lopatin, der ansonsten unter dem Pseudonym “Oneohtrix Point Never” auftritt, imitiert den typischen Synthesizer-Sound dieses Jahrzehnts. Für die 50er ist das natürlich genauso “Fake” wie die Betrügereien auf der Leinwand. Doch parallel verströmt die Musik damit eine progressive Energie, die für Martys unverwüstlichen Optimismus steht und auf der Tonspur quasi einen Aufbruch in ein neues Zeitalter einläutet.

Das die Filmmusik eröffnende The Call setzt sofort den besonderen Tonfall des Films mit Synth-Arpeggien und rhythmischen “Zing”-Harfen-Effekten. Am Ende erklingen gar ein paar Noten, die an Paul Youngs Evergreen Come back and stay erinnern. Im Hintergrund hört man einen wortlosen Chor – rein elektronisch versteht sich. Was Lopatin in der Folge präsentiert, ist ein eklektischer “larger than life”-Hyperrealismus, der 80er-Jahre-Stereotypen aufgreift, überhöht und in etwas Eigenes verwandelt. Dabei entpuppt sich die Filmmusik keineswegs als rein elektronisch, sondern viel mehr als hybrides Konstrukt. Immer wieder fließen orchestrale Anteile ein, verschwimmen die Grenzen. In Motherstone etwa beginnt eine Marimba eine Art Klingelton-Motiv zu spielen; im Verlauf treten Bass-Gitarre und Saxophon hinzu. Holocaust Honey (im Film ein Rückblick in ein Konzentrationslager der Nazis, der zeigt, was Menschen tun, um zu überleben) überrascht mit Orgel und einem neoklassizistischen Barock-Chor, unterlegt von Soundeffekten, die auch von Jean-Michel Jarre stammen könnten. Tub Falls (Im Film die Szene, in der eine Badewanne durch eine Decke kracht) erinnert mit seinen harten Synth-Rhythmen gar an Depeche Mode in frühen Tagen. Die Orgel hat in Vampire’s Castle einen zweiten großen Auftritt. Es ist die Szene, in der Rockwell Marty erklärt, er sei ein Vampir, der seit mehreren Jahrhunderten lebe – ein Verweis auf die alle Zeiten überdauernde Macht des Kapitalismus, die Menschen ausbeutet und unterdrückt. Beim Showdown mit Waffen greift Lopatin nochmals auf einen wildem Genremix zurück, mischt neobarocken Chorgesang mit Orgelklängen und Soundeffekten, während ein Männerchor im Stakkato markige Rufe ausstößt.

Wer sich etwas im 80er-Kino bzw. -Fernsehen und mit heutigen Serien auskennt, wird zahlreiche Querreferenzen ausmachen können. Da pendelt sich die Filmmusik irgendwo zwischen Jan Hammer, Harold Faltermeyer, Koyaanisqatsi von Philip Glass und den Klangwelten von Stranger Things und Cobra Kai ein. Insofern ist nichts was Lopatin hier zusammenmischt in irgendeiner Weise neu oder revolutionär. Dennoch gelingt es ihm, die Fusion unterschiedlicher Stilelemente sehr organisch und frisch wirken zu lassen. Die einzelnen akustischen Ebenen fließen hier auf faszinierende Weise ineinander. Das liegt auch daran, dass ich die Grenzen zwischen elektronischen Sounds und dem Spiel einzelner Soloinstrumente oder des Orchesters inklusive Chor derart auflösen, dass oft der jeweilige Ursprung oft nicht eindeutig erkennbar ist. Das passt natürlich hervorragend zur moralisch-ethischen Einordnung der Handlung, die sich ebenfalls klaren Zuschreibungen verweigert. Marty ist ebenso Opfer wie Täter – Betrüger, wie Betrogener. Daniel Lopatin glitzernde Neon-Musik unterstreicht clever diese Uneindeutigkeit und gibt dem Film einen elektrisierenden Vibe.

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