
Berlin im Februar, bitterkalt, und wie in jedem Jahr der ausgerollte rote Teppich der Berlinale. In den Kinos herrscht Anfang des Jahres traditionsgemäß “Saure Gurken”-Zeit. Der Endjahressprint für Oscars & Co. ist überwunden und die ganz großen Kinohighlights des neuen Jahrgangs laufen in der Regel erst viele Monate später an. Damit hat auch die Berlinale zu kämpfen, weil sie es viel schwerer hat, prestigeträchtige Weltpremieren an die Spree zu locken. 2026 fällt das besonders auf: Nur wenige Weltstars geben sich die Ehre: Ehrenpreisträgerin Michelle Yeoh (Everything everywhere all at once), daneben Bill Pullman, Pamela Anderson, Sam Riley, Sandra Hüller, Lars Eidinger, Rupert Grint, Jamie Bell und Ethan Hawke. Macht vielleicht auch nichts. Das eitle Schaulaufen vor den Fotografen ist zwar, wie in jedem Jahr, durchaus faszinierend zu beobachten. Um Film als Kunstform geht es dabei aber naturgemäß weniger. Umso sympathischer vielleicht, dass viele Wettbewerbsbeiträge aus aller Welt stammen und weitestgehend ohne Glanz und Glamour auskommen.

Im Dreistünder Dao entführt der französische Regisseur Alain Gomis den Zuschauer nach Guinea-Bissau: Gloria (Katy Correa) erinnert sich während der Hochzeitsfeier ihrer Tochter an die Beerdigungszeremonie nach dem Tod ihres Vaters zurück. Gleichzeitig zeigt der Film immer wieder fiktive Casting-Szenen, in denen die Schauspieler für ihre Rolle vorsprechen. Eine echte Handlung gibt es dabei nicht. Betont lose montiert Gomis Szenen aus allen drei Welten, porträtiert religiös-spirituelle Trauerrituale und stellt spielende Kinder, Tänze und Gesänge in den Mittelpunkt. Dabei geht es immer wieder auch um Fragen der Identität, von Wurzeln und dem unerträglichen Leid, das der Kolonialismus verursacht hat. Mitunter ist das interessant anzusehen, steckt die Lebensfreude der Familien an. Das gilt insbesondere für eine mitreißende Szene, in der alle Gäste Killing me Softly von den Fugees singen, und für den Rhythmus, Teller und Besteck nutzen. Doch nur weil Dao das Herz am rechten Fleck trägt, handelt es sich noch lange nicht um einen guten Film. Der Inhalt steht leider in keinem Verhältnis zur üppigen Überlänge. Dao wirkt wie ein ausuferndes Hochzeitsvideo, bei dem man als Zuschauer schnell das Interesse verliert und sich auch fragt, wie die gezeigte Gemeinschaft wohl mit denjenigen umgehen würde, die Aberglauben und Religion ablehnend gegenüberstehen. So bleibt am Ende vor allem die charismatische Gloria-Hauptdarstellerin Katy Correa mit ihrer Leinwandpräsenz in Erinnerung.

Doch auch das US-amerikanische Kino schwächelt auf der Berlinale: In Rosebush Pruning steht eine neurotisch dysfunktionale Familie im Mittelpunkt, in der sich drei Brüder (u.a. Jamie Bell und Callum Turner) und ihre Schwester Ana (Riley Keough) hasslieben und gegenseitig malträtieren. Über allem thront der missbrauchende Vater. Die Mutter (Pamela Anderson) wurde angeblich von Wölfen zerrissen (was gelogen ist) und Jacks neue Flamme Martha (Elle Fanning) wird als unerwünschter Eindringling verachtet. Die schwarze Komödie im Fahrwasser von Saltburn versucht nach Kräften, das Publikum mit vulgären Absonderlichkeiten zu provozieren. Doch der Schockwert bleibt allein selbstzweckhaft; die prominente Besetzung wird hier völlig verschenkt. Die plakative Inszenierung schafft nur selbstverliebte Karikaturen von Figuren. Tiefe oder Glaubwürdigkeit? Fehlanzeige.

Sehenswert ist dagegen der türkische Wettbewerbsbeitrag Kurtuluş – Salvation. Emin Alper porträtiert darin, wie sich die Muslime eines Bergdorfes in ihrem religiösen Fanatismus immer weiter radikalisieren. Durch die Rückkehr eines verfeindeten Clans, der unmittelbar in der darunter liegenden Ebene lebt, flammt eine alte Fehde wieder auf. Mesut, der von schlimmen Alpträumen geplagt wird, legt sich mit dem eigenen Anführer Ferit an, dem er nicht zutraut, das Dorf ausreichend gegen die Bedrohung von außen zu schützen. Schließlich kommt es zur völligen Eskalation, Ferit wird gestürzt und der Hardliner Mesut fordert ein immer härteres Durchgreifen im schwelenden Konflikt. Vor einer beeindruckenden Bergkulisse fängt Alper auf äußerst beklemmende Weise ein, wie die Männer sich gegenseitig aufstacheln und immer weiter einem verhängnisvollen Wahn verfallen. Gerade in den Nachtszenen verschwimmen dabei oft Traum und Wirklichkeit, bis der schreckliche Traum am Ende schließlich doch zur traurigen Wirklichkeit wird.

Im tunesischen Wettbewerbsbeitrag À voix basse geht es dagegen zumindest eine Spur leichtgewichtiger zu. Lilia (Eya Bouteraa) kehrt zur Beerdigung ihres schwulen Onkels in die Heimat zurück. Der ist unter mysteriösen Umständen gestorben, wurde auf der Straße ohne Kleidung tot aufgefunden. Die Polizei ermittelt, denn gemäß Artikel 230 steht Homosexualität in Tunesien unter Strafe. Die Familie möchte das Ganze am liebsten unter den Teppich kehren. Doch Lilia liebt selbst eine Frau, die sie nun ihrer nichts ahnenden Verwandtschaft vorstellt. Ihre Mutter (Hiam Abbass) hadert mit den Lebensentscheidungen der Tochter. Lilia versucht unterdessen herauszufinden, was wirklich in der verhängnisvollen Nacht mit dem Onkel geschehen ist. Leyla Bouzid erzählt die Geschichte über Familie, Anderssein, staatliche Repression und Trauer genauso sorgfältig wie anrührend. Das Darsteller-Ensemble agiert stark. Leider gerät die Handlung aber im letzten Drittel doch etwas vorhersehbar und löst alle Konflikte zu einfach in Wohlgefallen auf. Lohnend ist der Kinobesuch bei À voix basse aber dennoch allemal.

Angesichts solcher eher typischer Festivalfilme avancierte ein Genre-Beitrag aus Indonesien zu einem großen Geheimtipp: In Ghost and the Cell wird ein verruchtes Staatsgefängnis von einem bösen Dämon heimgesucht. So sehen sich die Insassen, ein Mix aus Kriminellen und politischen Gefangenen, nicht nur den Bedrohungen von innen – dem sadistischen Aufseher oder psychopathischen Kriminellen – gegenüber, sondern müssen gegen ein Monster ankommen, das seine Opfer brutal hinrichtet. Was leicht in einen derben Schocker hätte ausarten können, entwickelt sich unter der Regie von Joko Anwar in Verkleidung einer originellen Horrorkomödie zu einer bissigen gesellschaftspolitischen Allegorie. Dabei klagt der Film eine Gesellschaft an, die sich in Nebensächlichkeiten verzettelt, während die korrupten Oberen mit ihren Verbrechen immer wieder davorkommen. Da bekämpfen sich Gruppen von Gefangenen mit Gewalt, nur um sich einen kleinen Vorteil zu erhaschen: Andere bilden eine Tanzgruppe. Doch das Unrechtssystem bleibt so unberührt. Das Erscheinen des Dämons ändert das alles und führt zugleich – und daraus zieht der Film viel Humor – der Gesellschaft einen Spiegel vor Augen. Ghost in the Cell bietet damit nicht nur völlig irres, sondern auch äußerst witziges und hintersinniges Splatter-Horrorkino. Mit seiner unbändigen Kreativität und Intelligenz steckt der Film dabei sehr viel durchschnittliche Festivalkonkurrenz locker in die Tasche.






