Der mit dem Méliès d’Argent Award beim Triester Science-Fiction-Festival ausgezeichnete Kurzfilm Animalia erzählt von einer dystopischen Zukunft, in der die Natur die Erde zurückerobert hat. Die Menschheit ist zweigeteilt. Während die einen in der sogenannten “inneren Stadt” überlebt haben, ist die Wildnis die Heimat der anderen geworden – ein animalisches Naturvolk fern der Zivilisation mit eigener Lautsprache. Die junge Alm (Ines Høysæter Asserson) hat mit ihrem Extraktionsteam die Aufgabe, eine schwangere Wilde einzufangen, um das Bevölkerungswachstum in der Stadt voranzutreiben. Alle tragen Anzüge mit eigener Sauerstoffversorgung, um eine Kontaminierung zu vermeiden. Und offenbar legen Alms Befehlsgeber besonderen Wert darauf, dass das Neugeborene in der Stadt geboren wird. Doch genau das geht schief. Auf dem Rückweg kommt das Kind im Transporter zur Welt. Das Team erhält die Anweisung, Mutter und Kind zu töten. Alma steht vor einem Dilemma und trifft eine folgenschwere Entscheidung.

Animalia wirft den Zuschauer ohne größeren Kontext mitten in das Geschehen dieser völlig aus dem Ruder laufenden Mission. Dabei kreiert der norwegische Regisseur Marius Rolfsvåg in nur wenigen Minuten ein fesselndes Setting, das seine Intensität daraus zieht, dass jegliche Einordnung der Geschehnisse fehlt und die Situation innerhalb kürzester Zeit durch die Geburt des Kindes eskaliert. Dazu gelingt es dem Film mit einfachen Mitteln, durch sorgfältig hergerichtete Schauplätze die dystopische Zukunft zum Leben zu erwecken. Einen besonderen Anteil daran hat auch die knapp zwanzigminütige Musik des italienischen Newcomers Edoardo Petracci, der durch geschickt eingesetzte Mittel den Spannungsaufbau subtil unterstützt. Ein wichtiger Bestandteil seiner Arbeit sind die menschlichen Stimmen: sei es der Lautgesang von Claudia Donin, als auch der polyphone Kehlkopfgesang Roberto Magnanis im siberischen Kargyraa- bzw. Khöömei-Stil: Beide verleihen den Wilden, im Film “Mapes” (abgeleitet von “ape”, dem englischen Wort für Affen) genannt, Menschlichkeit, signalisieren unterschwellig, dass Alm ihren Helm auch einfach abnehmen könnte, um die Luft dieses freien Naturvolks zu atmen. Dazu passt auch das Spiel der mongolischen Tsuur-Flöte, das ebenfalls auf die Ursprünglichkeit der Wildnis verweist. Unter diese Elementen im Vordergrund legt Petracci ein elektroakustisches Fundament, bestehend aus Streichern, präpariertem Klavier, Percussion und elektronischen Sounds, deren Aufgabe es vor allem ist, das Gefühl latenter Bedrohung zu verstärken.
Dabei geht es weniger um Themen und Motive, als um die Desorientierung des Zuschauers. Ein wenig erinnert dieses sehr spezifische Erkunden einer exotischen Filmarchitektur durch Schaffung eines symbolträchtigen akustischen Klangraums an Hans Zimmers Dune, wobei es natürlich produktionsbedingt hier einige Nummern kleiner zugeht. Schließlich ist Animalia keine große Hollywood-Produktion, wurde bislang vorwiegend auf Filmfestivals gezeigt. Dennoch beeindrucken die Liebe zum Detail und die Sorgfalt, die in dieses ambitionierte Projekt gesteckt wurden. Und das hat sich ausgezahlt. Wenn Alm am Ende der spannenden Kurzfilmfabel die mehr als berechtigte Frage stellt, ob die Invasoren aus der inneren Stadt wirklich menschlicher sind als die vermeintlich unzivilisierten Wilden, dann würde man gerne mehr sehen und hören aus dieser filmischen Welt. Und wer weiß? Animalia basiert auf der Alm-Romantrilogie des norwegischen Schriftstellers Øystein Stene. Stoff für mehr wäre also reichlich vorhanden.






