Viva Zapata!, Alex North: „Der Revolution auf der Spur“

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Als Alex North 1939 seine damalige Partnerin, die Ballett-Tänzerin Anna Sokolow, auf ihrer Tour nach Mexiko begleitete, konnte er nicht ahnen, wie sehr diese Reise sein Leben verändern würde. Die Beziehung ging vor Ort nach sieben Jahren in die Brüche und North entschied sich kurzerhand dafür, in Mexiko zu bleiben. Er wurde kurz vor dessen Tod Schüler des mexikanischen Komponisten Silvestre Revueltas (1899 – 1940). Auch wenn nicht überliefert ist, wie viel Einfluss der Lehrer auf den Schüler hatte, ist in den Kino-Musiken Alex Norths das Vorbild kaum zu leugnen. Mit der eigentümlichen Rhythmik, der farbenprächtigen Instrumentierung und dem von Dissonanzen durchsetzten Kontrapunkt entwickelte North eine einzigartige charismatische Tonsprache, die im Hollywood-Kino der folgenden Jahrzehnte eine Ausnahmestellung einnehmen sollte. Brachte sein Durchbruch mit A Streetcar name Desire 1951 noch den Jazz nach Hollywood, gab ihm die Musik zur Filmbiographie Viva Zapata! über die mexikanische Revolution vom 1910 und den Widerstandskämpfer Emiliano Zapata (1879-1919), der sich gegen die grassierende Enteignung von Land auflehnte, ein Jahr später die perfekte Gelegenheit, das unter Revueltas Gelernte anzuwenden. „Was ich von ihm gelernt habe, besaß einen unschätzbaren Wert in Viva Zapata!“, so North [1].

Elia Kazans Film selbst ist aus heutiger Sicht nicht leicht zu fassen. Das liegt vor allem daran, dass es schwerfällt, das politische Klima der frühen 50er Jahre mit dem aufkeimenden kalten Krieg und der Kommunisten-Hatz unter Senator McCarthy mit einigen bemerkenswerten Aussagen des Drehbuchs zum Verhältnis von Revolution und Macht in Einklang zu bringen. Zwar war Kazan in den 30er Jahren Mitglied der kommunistischen Partei, so dass man ihm durchaus Sympathien für die Ideale Zapatas unterstellen könnte. Doch zu Beginn der 50er Jahre war er längst ausgetreten und machte sogar als Anti-Kommunist Negativ-Schlagzeilen, indem er bereitwillig vor McCarthys berüchtigtem „Kommitee für amerikanische Untriebe“ gegen seine Kollegen aussagte. Wie weit die gesellschaftspolitische Stimmung das Drehbuch von John Steinbeck, das dieser in enger Abstimmung mit Kazan entwickelte, beeinflusst hat, wird in der Literatur seitdem kontrovers diskutiert. Tatsächlich gibt es Aspekte, die sich unterschiedlich lesen lassen: Wenn die Bauern zum Beispiel das demokratische Amerika loben, lässt sich das als Zugeständnis an das US-Publikum noch relativ eindeutig interpretieren. Aber wenn der von Marlon Brando gespielte Zapata in der zweiten Hälfte seine Ideale verkauft und in der Machtausübung seinen Vorgängern in wenig nachsteht, dann ist das einerseits eine scharfsinnige Kritik am Wesen vieler Revolutionen, die für das Volk im Grunde nur wenig verbessern, während sich allein die Gesichter an der Macht verändern. Doch im historischen Kontext gesehen könnte das genauso als antisowjetische Propaganda gedacht gewesen sein, um das Publikum nicht auf falsche Gedanken zu bringen. Viva Zapata! fordert deshalb dem Zuschauer einiges ab, verlangt literarische Abstraktion, Legendenbildung, Starkino und ideologische Vorprägung voneinander zu trennen – und das ist kein triviales Unterfangen. Diese paradoxe Gestalt lässt den Film zu einer sperrigen Filmbiographie werden, die einen ebenso faszinierend vielschichtigen wie verzerrten Blick auf die belegte Historie wirft.

Die Filmmusik von Alex North passt ausgezeichnet zu diesem Gemengelage der Widersprüchlichkeiten. Mal ringt seine Musik im schillernden „Main Title“ der mexikanischen Folklore durch die funkelnde Orchestrierung und den faszinierenden Kontrapunkt eine abstrakte Tonsprache ab, die bewusst alle Stereotype konterkariert. Im nächsten Moment badet sie dann wieder im erwartbaren Lokalkolorit, zitiert im Finale sogar das traditionelle „Adelita“ oder spielt mit dem von der Oboe damore gespielten Liebesthema („Zapata’s Love“) auf der Klaviatur des klassischen Hollywood-Melodrams. Diese Zweiteiligkeit kulminiert in einem Schaustück, das North selbst als eines der besten in seiner langen Karriere bezeichnet hat: „Gathering Forces“. Im Film begleitet diese Musik eine Szene, in der der gefangen genommene Zapata von den Handlangern der Regierung zur Exekution geführt werden soll. Doch der Volksheld wird von den einfachen Bauern gerettet, indem sie sich der Prozession anschließen und schließlich durch ihre Übermacht die Bluttat verhindern und die Freilassung Zapatas erzwingen. North begleitet diese eindringliche Szene mit einem langsamen Trommel-Rhythmus, der sich durchsetzt von North typischen Dissonanzen zu einer furiosen pathos-geladenen Folklore-Hymne, dem Revolutions-Thema, steigert. Es ist das Herz der Komposition – ein treffendes Sinnbild für das politische Erwachen der Bauern und Zapatas endgültige Transformation zum revolutionären Führer.

Und spätestens in diesem fulminanten Stück drückt sich die wahre Haltung des Filmes und seine Sympathien gegenüber den Idealen der Revolution aus. Bei North hat dabei natürlich auch der persönliche Bezug durch seine Lehren unter Revueltas eine große Rolle gespielt. Für ihn war das eine Herzensangelegenheit. Doch auch durch die Lebendigkeit und Frische der Musik werden die negativen Zwischentöne – wenn sie denn überhaupt als Propaganda oder als Zugeständnis an das US-Publikum intendiert waren – in den Hintergrund gedrängt. Und selbst die melancholischen Momente wie in „Innocent’s Death“, in dem die Solo-Flöte eine Art Requiem auf den Gefallenen spielt, sind durchzogen von einer Humanität und Wärme, die die heimlichen Sympathien der Produktion verraten. So ist es auch kein Wunder, dass die herausragende Musik von Alex North bis heute eine ungebrochene Popularität genießt. Zweimal wurde sie neu eingespielt: einmal 1977 von Elmer Bernstein (mit dem Royal Philharmonic Orchestra), einmal 1998 von Jerry Goldsmith (mit den Royal Scottish National Orchestra) bis Varèse Sarabande 2008 schließlich die halbstündige Originalaufnahme in seinem CD-Club (gepaart mit The 13th Letter) zugänglich gemacht hat. Während die Bernstein-Fassung inzwischen etwas Staub angesetzt hat und ohnehin nicht ganz komplett ist, überzeugt die von Goldsmith dirigierte als längste und aufnahmetechnisch beste Version, die die Musik um ein im Film nicht verwendetes „Forword“ ergänzt. Am meisten beeindruckt aber trotz des stattlichen Alters die überraschend gut erhaltene Originalfassung, die damals von Alfred Newman dirigiert wurde. Vor allem die mexikanischen Färbungen, die unter Goldsmith mitunter etwas steif wirken, kommen hier am Besten zur Geltung. Da ist die Begeisterung des Komponisten für das Sujet in jedem Takt spürbar, springt der Funken beim Hören über und verdeutlicht, warum die Musik zu den großen Klassikern der Filmmusik-Geschichte gehört.

[1] Booklet der Neueinspielung von Varèse Sarabande VSD-5900, 1998

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