Shipwrecked – Patrick Doyle: „Fröhlich gestrandet“

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Nach seinem filmmusikalischen Durchbruch mit Kenneth Branaghs Henry V (1989) war das norwegische Jugendabenteuer Shipwrecked – Haakon Haakonsen von 1990 der zweite Kinofilm mit Musik von Patrick Doyle. In Deutschland kam der Film von Nils Gaup (The last King) seinerzeit gar nicht erst in die Kinos und wurde unter dem Titel Gestrandet direkt auf DVD veröffentlicht. Warum die Disney-Tochter Buena Vista damals so wenig Vertrauen in den familienfreundlichen Abenteuerfilm besaß, lässt sich aus heutiger Sicht kaum noch rekonstruieren. Ein Grund dürfte aber gewesen sein, dass der zugrundeliegende Roman von Oluf Falck-Ytter, der den bezeichnenden Untertitel „ein norwegischer Robinson“ trägt, ausschließlich in seinem Heimatland große Popularität genießt und man ihm international möglicherweise für seine zu große Nähe zu Robinson Crusoe und Die Schatzinsel gescholten hätte.

Tatsächlich sind beide Vorbilder in Gaups Verfilmung präsent. Im Mittelpunkt der Handlung steht der junge Haakon Haakonsen, der Mitte des 19. Jahrhunderts gezwungen ist, seine Familie in Norwegen zu verlassen, um den elterlichen Hof vor dem drohenden Verkauf zu retten. Er heuert auf einem Segelschiff an und verdient sich nach anfänglichen Schwierigkeiten als Schiffsjunge den Respekt von Kapitän und Crew. Alles läuft gut, bis in London der britische Offizier Lt. Howell (Gabriel Byrne) an Bord kommt, angeblich zum Schutz der Besatzung vor Piraten. Doch in Wahrheit handelt es sich um den berüchtigten Piraten John Merrick, der das Schiff unter seine Kontrolle bringen will, um in der Karibik mit seinen finsteren Kumpanen einen auf einer einsamen Insel versteckten Schatz zu bergen.

Auch wenn sich dieser Plot alles andere als originell anhört, stammt Gestrandet aus einer Zeit, in der CGI-Effekte bei kleineren Produktionen noch Zukunftsmusik waren. Entsprechend begeistert der Film nicht nur mit den Bildern eines echten Dreimasters auf hoher See, sondern auch mit realen Drehorten ganz ohne Blue Screen (gedreht wurde in London, Spanien sowie auf den Fiji-Inseln). Im Vergleich zu aktuellen über-produzierten Disney-Kunstprodukten wie Jungle Cruise wirkt Gestrandet deshalb trotz einem etwas albern wirkenden Finales (mit Slapstick-Anleihen im Stile von Home Alone) sympathisch altmodisch. Und das gilt auch für die sinfonische Filmmusik, die ohne elektronische Elemente auskommt. Patrick Doyle darf fern jeglicher Synthesizer fröhlich „swashbuckeln„, wobei es Budget- und Zielgruppen-bedingt etwas weniger kraftvoll zugeht als in den 30er und 40er Jahren bei Erich Wolfgang Korngold (The Sea Hawk). Auch wenn es im Vergleich zum Vorbild an Orchestergröße und Themenvielfalt mangelt, begeistert die Musik mit ihrem unverbrauchten Enthusiasmus. Und wie schon bei Henry V erstaunt, wie eindeutig die Handschrift des Komponisten bereits so früh in seiner Karriere erkennbar ist.

Doyles Hauptthema ist eine prachtvolle Hymne, die ein wenig die Ouvertüre zu Kenneth Branaghs Viel Lärm um Nichts (1993) vorwegnimmt und in ähnlichem Maße zu überzeugen vermag. Das Thema wird zwar strenggenommen von mehreren Neben-Motiven flankiert (wie dem wiederkehrenden Spannungsmotiv, das sehr prominent in „Hakon finds Mary“ und „Dreaming of Home“ zu hören ist), bleibt aber derart omnipräsent, dass man fast von einer mono-thematischen Musik sprechen könnte. Doch langweilig wird das nie. Denn Doyle variiert mustergültig und trägt das Thema gekonnt durch die verschiedenen Orchestergruppen. Die Melodie ist harmonisch so flexibel, dass sie in unterschiedlichen Kontexten funktioniert, ob in der majestätischen Variante beim Auflaufen des Schiffes in „Off to the sea“, in der lyrischen von Holzbläsern gespielten Variation in den „End Credits – Part 1“ oder als vorwärts drängendes Motiv in den Action-Passagen. Das Thema wird so zu einem prägenden melodischem Anker der Filmmusik. Doch wenn man so will, liegt darin auch eine kleine Schwäche, denn Doyle setzt es vielleicht ein wenig zu häufig ein. Etwas mehr stilistische Abwechslung hätten dem Film und der Musik zweifellos gut zu Gesicht gestanden, zumal die letzte halbe Stunde nach dem Schiffbruch auf der Karibik-Insel durchaus Potential dafür besessen hätte, noch einen anderen Akzent zu setzen. Insofern besitzt Shipwrecked weder die künstlerische Ambition von Henry V noch die Reife späterer Doyle-Arbeiten. Am Unterhaltungswert der charmanten Filmmusik ändert das aber wenig.


Diskographische Notiz:

Der Original-Soundtrack wurde zwar 1990 auf CD veröffentlicht, ist aber aufgrund des Misserfolgs des Filmes, längst zur Rarität geworden, die man selbst auf den gängigen Streaming-Portalen wie Spotify oder Amazon Music vergeblich sucht. Der Film selbst ist hingegen im Programm von Disney+ enthalten.

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