
Eugène François Vidocq (1775–1857) gilt als eine der besonders schillernden Figuren der französischen Geschichte: In jungen Jahren ein Kleinkrimineller, half er später der Polizei und wurde zum ersten Direktor der Sûreté nationale. Seine Vorstrafen sollten ihn aber sein ganzes Leben verfolgen. Als man die Sûreté 1832 wieder auflöste, eröffnete der erfahrene Kriminalist eine Privatdetektei, vermutlich die erste der Welt. Bei einem so bewegten Lebensweg verwundert es kaum, dass sich Autoren und Filmemacher von ihm inspirieren ließen. So diente Vidocq sogar als Vorbild für Victor Hugos Les Misérables. Im Kino war der Antiheld auch bereits mehrfach zu sehen. Doch die Regisseure nutzten das reale Vorbild primär als Steilvorlage, um spekulative Geschichten zu erzählen. Mal als romantisches Mantel- und Degenabenteuer in der Version von 1939, mal als Steampunk-Fantasy in der Version von 2001. Vidocq – L’Empereur de Paris von 2018 bemüht sich dagegen, ein näher an der belegten Historie angelegtes Porträt des Volkshelden zu zeigen. Dennoch ist auch hier vieles geschönt, gestrafft und im Sinne einer konventionellen Kostümfilm-Unterhaltung verkürzt. Jean-François Richet legt Vidocq (Vincent Cassel) als geläuterten Edelmann an, der sich nichts sehnlicher wünscht, als ein ehrbares Leben zu führen, und hofft, dass ihn der Polizeiminister begnadigt. Das historische Vorbild war hingegen eine umstrittene, höchst polarisierende Figur. Nicht nur galt er als Frauenheld. Man warf ihm auch vor, auf beiden Seiten des Gesetzes zu stehen, dass er befreundete Banden beschützen und Verhaftungen fingieren würde, um Erfolge vorzutäuschen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass er mit einer systematischen Erkennungsdienst-Kartei und der Ballistik einen Grundstein für moderne Polizeiarbeit legte.
Von dieser Vielschichtigkeit ist in der Neuverfilmung aber so gut wie nichts zu sehen. Der Plot ist banal. Das Drehbuch stellt Vidocq mit dem Elsässer Nathanaël Wenger (August Diehl) einen klassischen Antagonisten gegenüber, mit dem es am Ende nach kleineren Scharmützeln zum konventionellen Showdown kommt. Auf dem Weg dahin funktioniert filmisch nur wenig: Die Inszenierung braucht viel zu lange, um die flache Handlung in die Gänge zu bekommen. Freya Mavor als Vidocqs Geliebte darf vor allem hübsch aussehen. Olga Kurylenko irrlichtert als manipulative russische Baronin durch die Intrigenwelt und entwickelt völlig aus dem Nichts Sympathien für den Helden. Pluspunkte sammelt der Film durch seine aufwendigen Dekors. In der Nähe von Paris wurden riesige Sets errichtet und man erhielt die Erlaubnis, in prunkvollen Palästen zu filmen. Das Problem nur: Die Kamera von Manuel Dacosse weiß diese Kulissen nie richtig überzeugend in Szene zu setzen. Oftmals fehlt die Tiefenschärfe, sodass der Hintergrund im Dunkeln absäuft. Gerade der Beginn auf der Galeere wirkt seltsam diffus ausgeleuchtet. Richtig zu fesseln vermag Vidocq – Herrscher der Unterwelt deshalb nicht, was angesichts des großen Potenzials, das die Geschichte eigentlich böte, ziemlich enttäuschend ist. Eine solche Produktion, die nicht so recht weiß, was sie will, könnte von einer guten Filmmusik profitieren, die dort, wo die Inszenierung schwammig bleibt, auf der Tonspur konkretisiert. Doch leider klafft in der Komposition von Marco Beltrami und Marcus Trumpp in dieser Hinsicht eine riesige Lücke: Denn Richet verlangte bewusst einen möglichst ökonomischen Musikeinsatz, um den Zuschauer nicht zu manipulieren, und die Bilder für sich sprechen zu lassen. Im zweistündigen Film gibt es deshalb gerade einmal 37 Minuten Musik, die nur in ausgesuchten Szenen zum Einsatz kommt.
Es ist ein Vertonungskonzept, das völlig scheitert. Immer wenn ein Film ohne Musik auskommt, müssen Dialoge, Schnitt und Kamera so präzise zusammenspielen, dass eine Binnenspannung entsteht, die die Handlung trägt. Das ist hier aber über weite Strecken nicht der Fall, weil die Charaktere keine Tiefe besitzen und die erlesenen Dekors nur prunkvolle Staffage bleiben. Fast entsteht sogar mitunter der Eindruck, als solle demonstriert werden, wie viel verloren geht, wenn Musik als verbindendes künstlerisches Element fehlt. Und wenn dann Beltrami und Trumpp doch einmal zu hören sind, dann erwächst allein aus dem Kontrast von Stille und Musik nicht automatisch eine besondere Bedeutung. Kurios ist nur, dass die Arbeit der beiden Komponisten durchaus charismatisch ist. Das eindringliche Streicherthema aus 1805 und das von Klavier und Solovioline bestrittene Liebesthema (Amour) verströmen einen einnehmenden, spröden Charme. Das luftige Scherzo in Arrestations (im Film die Montageszene, in der Vidocq zahlreiche Kleinganoven dingfest macht und der Polizei überführt) mündet in einer vorwärtsdrängenden Fanfare – eine Art Heldenthema für die Titelfigur. In Stücken wie L’un après l’autre und vor allem Annette orientieren sich Beltrami und Trump deutlich an Max Richters On the Nature of Daylight, dem sehr wahrscheinlich bereits beim Dreh verwendeten Musikstück. Die Szene dazu, in der das Schicksal von Vidocqs Liebster auf dem Spiel steht, ist eine der wenigen im ganzen Film, in der Musik und Bilder Hand in Hand gehen. Plötzlich funktioniert der Film. Aber irgendwie ist das auch unbefriedigend, weil die Szene andeutet, was bei Mut zu mehr Musik möglich gewesen wäre.
An Beltrami und Trumpp lag das sicher nicht. Beide verlassen hier einmal mehr ihre Komfortzone in Richtung eines klassizistisch anmutenden Werks, das die Musik der Epoche eher subtil berücksichtigt, aber dennoch immer wieder Klavier und den Streichern (Violine, Cello und Kontrabass) reizvolle Soli ermöglicht. Und wenn dann das Orchester in Stücken wie Vengeance aufbraust, um Wut und Trauer in die Welt herauszuschreien, dann gerät das äußerst eindrucksvoll. Ohne Zweifel: In L’Empereur de Paris versteckt sich eine ausdrucksstarke, unbedingt hörenswerte Filmmusik, auch wenn man sie im Bildzusammenhang nicht zwangsläufig als solche wahrnimmt. Im Begleittext zur limitierten Soundtrack-CD lobt Marco Beltrami die Zusammenarbeit mit Richet in den höchsten Tönen, spricht von einem selbstbewussten Regisseur, der weiß, was er tut, und seine Vorstellungen mit Vehemenz vertritt. Doch die seltsame Sachlichkeit, mit der diese Huldigung geschrieben ist, suggeriert zwischen den Zeilen eine ganz andere Lesart. Ein Schelm, der dabei Böses denkt.






