Dass ein dritter Teil einer Filmreihe zu einem großen Triumph wird, ist in der Kinogeschichte eher die Ausnahme. Aber das Animationsstudio Pixar bürgt selbst bei Fortsetzungen für liebe zum Detail und hohe Qualität. Für Toy Story 3 ließ man sich ganze elf Jahre Zeit, um erneut eine besondere kreative Idee umzusetzen. Denn anstatt irgendein Abenteuer um Woody & Buzz zu erzählen, stellt der Film von Lee Unkrich (Findet Nemo) die Frage, was passiert, wenn die Spielzeuge bei Andy ausgedient haben – eine Frage, die bereits der Vorgänger mit der Episode um die traurige Vorgeschichte des Cowgirls Jessy angerissen hatte. Zu Beginn steht ein neuerlicher Umzug an: Diesel Mal ist es aber nur Andy, der das Haus verlässt, um aufs College zu gehen. Im Kinderzimmer bricht umgehend Panik aus. Wird man mitgenommen, verstaubt im Karton auf dem Dachboden oder landet gar im Abfall? Unbeabsichtigt beantwortet sich die Frage von selbst. Die Freunde wandern zunächst in den Müll, können sich aber in letzter Sekunde retten und werden schließlich dem Kindergarten “Sunnyside” gespendet. Alle sind begeistert; endlich wird wieder mit ihnen gespielt. Allerdings hat die Sache einen Haken: Hier herrscht der pinke Plüschteddy Lotzo mit seinem Gefährten, einer unheimlich wirkenden Babypuppe. Und damit nicht genug: Die Horde losgelassener Kinder geht alles andere als pfleglich mit den Spielzeugen um.
Es versteht sich fast von selbst, dass auch Toy Story 3 in technischer Hinsicht absolut makellos aussieht. Die virtuosen Bilderwelten setzen die Messlatte noch einmal ein gutes Stückchen höher als in den ersten beiden Teilen. Inhaltlich braucht die Geschichte dieses Mal allerdings, um in Gang zu kommen. Das liegt vorwiegend daran, dass das Publikum elf Jahre nach Teil 2 erst einmal wieder abgeholt werden will. Dies geschieht auf sehr vertraute Art und Weise mit einer erträumten Spielsequenz wie es sie bereits in Toy Story 2 gab, die sich hier aber schließlich als alte Videoaufnahme entpuppt. Auch die Existenzängste von Woody & Co. sind alles andere als neu. Denn die drohende Obsoleszenz zieht sich in leicht variierter Form als Grundidee durch alle Teile. Doch sobald sich der Kindergarten in einen Albtraumort, ein Hochsicherheitsgefängnis mit Schreckensherrschaft, verwandelt, zieht der Film das Tempo an. Es entwickelt sich eine furiose zweite Hälfte, die an Rasanz, Kreativität und Witz alles vorher im Franchise gesehene komplett in den Schatten stellt. Da reiht sich ein großartiger Einfall an den nächsten: Die “bösen” Spielzeuge betreiben etwa in einem Snackautomaten illegales Glücksspiel; Spielzeugkörbe werden kurzerhand zu Gefängniszellen umgewandelt. Und die Vorstellung der Sicherheitsmaßnahmen könnte einem Mission-Impossible-Film entstammen. Der finale Action-Showdown in einer finsteren Müllpresse fällt sogar so hochdramatisch und fotorealistisch animiert aus, dass selbst mancher Hollywood-Blockbuster dagegen abfällt. Insbesondere die letzte halbe Stunde gerät so düster, dass sie für jüngere Kids eher weniger geeignet sein dürfte. Das Ende von Toy Story 3 beschließt die Geschichte schließlich mit bittersüßer Sentimentalität und geht zu Herzen: Andy spielt zusammen mit einem kleinen Mädchen ein letztes Mal mit Woody & Co. und übergibt die Toys damit in die Hände der nächsten Generation.
Ob Toy Story 3 damit der beste Film der Reihe ist, bleibt natürlich Geschmackssache. Fest steht aber, dass er für Pixar zu einem unvergleichlichen Triumph wurde und mit seinem weltweiten Einspielergebnis die magische Grenze von 1 Milliarde US-Dollar knackte. Bei den Oscars durfte er sich sogar über fünf Nominierungen freuen (u.a. als bester Film) wurde schließlich als bester Animationsfilm und für Randy Newmans Song We belong together ausgezeichnet. Die eigentliche Filmmusik ging dabei abermals leer aus – was bei einem so gigantischen Erfolg beinahe erstaunlich anmutet. Vielleicht liegt dies aber daran, dass es hinter den Kulissen offenbar erheblichen Streit gab. In einem Interview ließ Randy Newman später nämlich ungewöhnlich selbstkritisch verlauten, dass er selbst nicht einfach in der Zusammenarbeit sei und nicht glaube, dass Pixar ihn noch einmal verpflichten werde. Zwar war das eine Sorge, die sich letztlich als unbegründet herausstellen sollte. Dennoch gab es offenbar viele Diskussionen um den richtigen Musikeinsatz. Newman erklärte zudem, dass er sich dadurch limitiert gefühlt habe, dass Unkrich seine Musik bereits als Temptrack verwendet und sich in diese Stücke verliebt habe.
Dem fertigen Produkt hört man diesen Disput zunächst nicht an. Die Musik folgt im Grunde der bewährten Rezeptur der Vorgänger – mit allen Stärken und Schwächen. Das Orchester spielt sich virtuos und in rasantem Tempo durch eine wahre Wundertüte von Stilzitaten, motivischen Referenzen und Mickey-Mousing-Effekten, die direkt die Bewegung der Figuren auf der Leinwand spiegeln. Die Leitmotive aus dem ersten Teil werden hier und da kurz zitiert, spielen aber in der Gestaltung eigentlich keine größere Rolle mehr. Und wie gehabt gibt es ein, zwei neue thematische Ideen, die szenisch funktionieren, der Komposition im Ganzen aber nicht den Stempel aufdrücken. Dazu gehören dieses Mal die relaxte Melodie für Sunnyside, die mit Gitarre, Mundharmonika und Streichern den Eindruck einer falschen Idylle erweckt. Und für den “bösen Buzz” erklingt ein sinistres Marschthema. Das Oscar-prämierte We belong together dagegen ist allein über dem Abspann zu hören, was einmal mehr die Frage aufwirft, ob nicht für einen Filmpreis eigentlich eine direkte Verwendung innerhalb des Filmkontextes Voraussetzung sein sollte. Das schönste Stück der Komposition ist allerdings das rührige So long, dessen sanft-wehmütige Klaviermelodie kongenial zum bittersüßen Ende passt (und stark an die Finalstücke aus Newmans Filmmusik zu Parenthood erinnert, vermutlich einer der besagten Temptracks).
Doch je länger man die Musik zu Toy Story 3 hört, desto mehr fällt auf, dass sich doch etwas anders anfühlt als zuvor. Die Newman-typischen Jazz- und Americana-Elemente verschwinden im Verlauf nämlich beinahe völlig. Zudem häufen sich die rein illustrativen Mickey-Mousing-Effekte. Und wenn die Spielzeuge schließlich in der Müllvernichtungsmaschinerie landen, erklingt mit The Claw ein kraftvoller Actiontrack – irgendwo zwischen Randy Newmans abgelehntem Air Force One und The Matrix von Don Davis. Das ist etwas, was es vorher so noch nicht im Franchise gab und es ist nicht nur dem spektakulären Handlungsverlauf geschuldet. Denn bei Toy Story 3 treten zum ersten Mal mit Don Davis (der vorher nur orchestrierte), Jonathan Sacks und Bruno Coon Co-Komponisten in Erscheinung. Ob dies eine Konsequenz daraus war, dass Newman sich möglicherweise geweigert hat, bestimmte Wünsche des Regisseurs zu erfüllen, ist natürlich nicht nach draußen gedrungen. Dennoch fällt gleich im ersten Stück der Einsatz von E-Gitarren auf. Und wenn Buzz aus Versehen in einen spanisch-sprechenden Modus versetzt wird, wird dies von rassigen Flamenco-Gitarren begleitet – beides zweifellos nicht gerade die Komfortzone des Komponisten. Natürlich sind das alles Maßnahmen, um dem Film stärker an den Zeitgeschmack heranzuführen. Zum hochdramatischen Finale hätte die Klangsprache der ersten beiden Filme ohnehin gar nicht so richtig gepasst. Letztendlich hat Randy Newman dies angesichts des Erfolges wohl auch eingesehen. Und bei allem Ärger, gab es einige Trostpflaster: Er durfte sich nicht nur den erwähnen Song-Oscar, sondern auch den Musik-Grammy für die komplette Filmmusik ins Regal stellen. Erfolg heilt schließlich viele Wunden.






