Sirāt – Kangding Ray: “Der gnadenlose Beat der Wüste”

In jedem Kinojahrgang gibt es mindestens eine Filmmusik, die für Aufruhr sorgt, weil sie einen Gegenentwurf zur klassischen Kinosinfonik präsentiert, von einem Komponisten “von außerhalb” stammt, und quasi aus dem Nichts plötzlich auf den Nominierungslisten der großen Filmpreise auftaucht. Was dann folgt, gleicht einem wiederkehrenden Ritual: Viele Fans sind erbost, dass eine solche “Nicht-Filmmusik” den Vorzug vor den eigenen Hörfavoriten erhalten hat; andere Medien befeuern wiederum den Hype, feiern das vermeintlich Unkonventionelle und Experimentelle. Und wenn sich dann der Wirbel gelegt hat, ist die Filmmusik, um die es eigentlich ging, oft schon wieder vergessen. Dieses Jahr erfüllt der Soundtrack zum spanischen Oscar-Beitrag und Cannes-Gewinner Sirāt alle diese Kriterien. Denn die Musik des französischen Musikers, DJs und Musikproduzenten David Letellier unter dem Künstlernamen “Kangding Ray” wurde völlig überraschend für den Golden Globe nominiert.

Und was der Franzose da auf die Tonspur bringt, ist tatsächlich erstaunlich: Die Suche eines Vaters nach der verschwundenen Tochter in Nordafrika begleitet er mit harten Technobeats, die sich kompromisslos und unermüdlich in die Gehörgänge einhämmern. Wenn sie zum ersten Mal einsetzen, zeigt der Film von Óliver Laxe einen illegalen Rave mitten im Nirgendwo der marokkanischen Wüste. Hier haben sich die Tanzwütigen versammelt – zuckende Leiber in Ekstase – berauscht von LSD und anderen Drogen. Es sind die Außenseiter der Gesellschaft; ob und wenn ja, wovor sie geflohen sind, bleibt unklar. Vorüberziehende Militärkonvois und Nachrichtenmeldungen verheißen nichts Gutes; die Welt scheint am Abgrund zu stehen. Luis (Sergi López) und sein Sohn Esteban fragen sich durch die Menge der Raver, ob irgendjemand die verschollene Mar gesehen hat. Doch alle verneinen. Eine Gruppe Spanier erklärt den beiden, dass noch ein anderer Rave weiter im Süden stattfinden soll und die Gesuchte möglicherweise dort zu finden sei. Luis und Esteban schließen sich ihnen an – der Auftakt eines äußerst beschwerlichen und gefährlichen Roadtrips durch das Land.

Laxe inszeniert diese Reise fernab üblicher Genrekonventionen. Als einzige Bezugspunkte könnte man vielleicht Lohn der Angst oder Mad Max nennen. Doch diese Vergleiche greifen zu kurz. Wie in Trance reist die Gemeinschaft immer tiefer in ein metaphorisches Herz der Finsternis. Die Beats wummern, schleifen und tackern. Sie schaffen Distanz, wo andere Filme folkloristische Klänge einsetzen würden, um Wüstenromantik zu erzeugen. Die Kamera fängt das Schroffe der kargen Natur ein, die endlosen Weiten, die nirgendwohin zu führen scheinen, die stoisch sich auftürmenden Bergketten, die es zu überwinden gilt. Und dann ist da wieder der Rausch der obsessiven Bewegung: die selbstverloren Tanzenden; die Trucks, deren Achsen durch das Halbdunkel rauschen. Manchmal sieht man nur die Scheinwerfer der Fahrzeuge als kleine Punkte am Bergmassiv. Die Menschen wirken verloren und machtlos angesichts dieser gewaltigen Kulisse, den Naturgewalten ausgeliefert. Die Musik von Kangding Ray unterstützt diesen radikalen Blick auf die Suchenden in einer hoffnungslosen, gnadenlosen Welt. Seine Rhythmen oszillieren in ihrem eigenen hypnotisierenden Takt – gleichmütig, scheinbar selbstzweckhaft, doch gleichzeitig unermüdlich vorwärtsdrängend. Hier gibt es kein Heldentum, keine Versöhnung und entsprechend auch keine Nahbarkeit erzeugende elektronische Melodie.

Das passt zu den Protagonisten in Sirāt, die eine unsichtbare Kraft voranzutreiben scheint: die Raver, wie die kleine Gruppe um die toughe Jade, die immer und immer wieder nur tanzen wollen; Luis, der die verzweifelte Suche nach seiner Tochter zwanghaft vorantreibt, und alle Warnungen in den Wind schlägt. Sie alle sind vom Leben gezeichnet, tragen Narben oder Tattoos. Einige haben einen Arm oder ein Bein verloren. In der unbarmherzigen Natur warten zahlreiche Gefahren auf die Reisenden, denn die unbefestigten Bergstraßen führen eng an Abgründen vorbei. Und im Süden des Landes gibt es zahlreiche unmarkierte Minenfelder. Der Tod ist hier ein ständiger Begleiter, und Óliver Laxe lässt das Schicksal ohne Vorwarnung zuschlagen. Entsprechend düster begleitet die Musik, imitiert mitunter mit raffinierten Effekten den rauschenden Saharawind, und tastet sich manchmal geradezu durch das Dunkel. Besonders faszinierend: das hypnotische Les Marches – ein sphärisches Neunminuten-Stück für das Final: langsam anschwellend mit immer schneller rotierenden, funkelnden Arpeggios. In den besten Momenten wie hier lässt die Musik, vergleichbar mit dem Minimalismus der Avantgarde, Zeit und Raum vergessen. Und so unwahrscheinlich es vielleicht anmuten mag: Das funktioniert kongenial mit den Bildern und entwickelt eine völlig unerwartete Sensibilität für die eigentümliche Melancholie des Films.

Sirāt verweigert sich typischen Erzählstrukturen und bleibt bis zum Ende ein ebenso enigmatischer wie verschlossener Film, der viele Projektionsflächen anbietet: So kann man die schwarzen Lautsprecher mit ihrer Ähnlichkeit zur Kaaba auch als Symbol für den Rave als Ersatzreligion interpretieren. Und vielleicht ist die beschwerliche Reise durch die Wüste zugleich eine Metapher für die verzweifelte Suche nach Sinn im Leben, die von den alltäglichen Schreckensmeldungen und Schicksalsschlägen überschattet wird. Viel schwerer fällt es dagegen, die Filmmusik einzuordnen, die abseits der Bilder zwar ebenfalls fasziniert, aber letztendlich in erster Linie Techno-affine Hörer begeistern dürfte, während sie anderswo eher auf Ablehnung stößt. Das ist kein Wunder, denn die mutige audiovisuelle Gestaltung steht deutlich abseits gängiger Vertonungsstandards, wie man sie aus dem US-Kino kennt. Das ist einerseits positiv zu sehen, weil Sirāt damit ungewöhnliche Wege beschreitet. Andererseits ist es nun auch nicht so, dass Sirāt den Underground-Techno neu erfindet. Selbst Kangding Ray nutzte in seinem ersten Soundtrack für Hanna Dooses Wann kommst du meine Wunden küssen (2023) (wenn auch in einem etwas freundlicheren Gewand) bereits ähnliche Rhythmen und Klangflächen. Vielleicht muss man den Techno in Sirāt auch eher als geglücktes audiovisuelles Experiment verstehen. Die Frage, ob das allein schon für Filmpreise ausreicht, ist deshalb, wie so oft in diesen Fällen, nur individuell zu entscheiden und entsprechend müßig. Eines erscheint aber bereits jetzt sicher: Egal, wie man zu dem Film und seiner Musik steht: So schnell vergessen wird man beide nach dem Ansehen nicht.

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