Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull
John Williams

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Da ist er wieder: der Mann mit Peitsche und Hut. Leicht ergraut, 19 Jahre älter und mitten in den späten 50er Jahren gelandet – in einer für ihn befremdlichen Welt des Kalten Krieges, Kommunistenhatz der McCarthy-Ära und Atombombentests – aber immer noch ein Held alter Schule und um keinen Spruch verlegen. Die Rede ist natürlich von Harrison Ford alias Indiana Jones, den George Lucas und Steven Spielberg, nachdem es viele schon nicht mehr für möglich hielten, erneut vor die Kameras geschickt haben. Das vierte Abenteuer führt den beliebten Archäologen in das titelgebende Königreich des ominösen Kristallschädels. Der Schädel, ein klassischer McGuffin – also ein die Handlung vorantreibendes Objekt – verspricht großes Wissen und ungeahnte Macht, die aber – und das deutet sich im Film bereits früh an – nicht unserer Welt entspringt. Böse Russen, Maya-Tempel, überraschende Familienzusammenführung und ein gute Prise Extraterrestrielles: Eigentlich gute Vorraussetzungen für mitreißendes Abenteuerkino. Doch leider kann das Drehbuch nicht ganz mit den ersten drei Filmen mithalten, wirkt zum Teil doch ein wenig arg platt und eindimensional. So entsteht der durchwachsene Eindruck einer verkrampften und viel zu bemühten Neuauflage, die trotz netter Momente insgesamt nur leidlich unterhält.

Ähnliche Ernüchterung kehrte bei vielen Hörern offenbar auch angesichts der neuen Filmmusik von John Williams ein. Zu altbekannt, zu wenige markante neue Themen und zu viele schablonenhafte Suspense- und Actionpassagen waren die häufigsten Vorwürfe an den Altmeister. Tatsächlich bewegt sich dieser stilistisch im von den Vorgängern gesteckten Rahmen. Und tatsächlich gibt es über die alten Themen hinaus keinen der magischen melodischen Einfälle, für die er so geliebt wird. Die neue Musik steht voll im Zeichen der ersten drei Teile: Dem berühmten Raiders-Marsch kommt erneut eine tragende Rolle zu – nicht zuletzt natürlich auch, um den Kinogängern nach langer Leinwandabstinenz den Wiedereinstieg in die Filmreihe zu erleichtern. Er wird von Williams im Titelstück in einem kraftvollen Arrangement präsentiert und im Verlaufe der Partitur immer wieder reizvoll zitiert. Dazu kommt das ebenfalls aus dem ersten Film bekannte Liebesthema („Marion’s Theme“).

Die zentralen neuen Themen gehören sicher nicht zu den besten melodischen Einfällen im Williams-Kanon, erscheinen aber trotz ihrer anfänglichen Unscheinbarkeit nach mehreren Hördurchgängen doch überraschend prägnant: Da ist zum einen das muntere Scherzo „The Adventures of Mutt“ (der Titel ist als augenzwinkernde Anspielung auf den Errol Flynn-Swashbuckler The Adventures of Robin Hood von 1939 gedacht) für Indys Jungen Begleiter Mutt, das jeden Williams-Kenner unweigerlich an das „Scherzo For Motorcycle And Orchestra“ aus dem dritten Film erinnern wird. Für Indys russische Gegenspielerin, Irina Spalko (gespielt von Cate Blanchett) hat Williams ein so elegantes wie sinisteres Thema komponiert, das vom Saxophon in „Irina’s Theme“ eingeführt wird. Williams hat es in einem Interview als eine Hommage an den Film Noir der 40er Jahre beschrieben. Besonders markant ist auch das Motiv für den ominösen Kristallschädel: drei wiederkehrende Noten, die von einer zweiten Tonfolge überlagert werden. Dieses mysteriöse, etwas statisch wirkende, gerade dadurch aber auch eine hypnotische Wirkung entfaltende Motiv wird von Williams geschickt durch die Partitur getragen. Schon fast wie bei den Vertonungen Bernard Herrmanns gelingen ihm dabei schillernde, eindringliche Klangwirkungen.

Schon diese geschickte thematische Konzeption zeigt, dass es beim genauen Hinhören gar nicht so einfach fällt, die vierte Indy-Musik ausschließlich als blassen Aufguss abzutun, wie bereits in mancher womöglich voreiligen Kritik zu lesen war. Ein Beispiel für die Liebe zum Detail liefert z.B. auch die turbulente Vertonung der Verfolgungsjagd über den Campus („A Whirl through Academe“): In der Szene, in der Indy und Sohnemann Mutt mit dem Motorrad über den Campus in den Lesesaal preschen, zitiert Williams ganz kurz das lateinische Studentenlied „Gaudeamus igitur“. Derartiges wird den meisten Kinogängern gar nicht auffallen, ist aber Beleg für den Pfiff, der bei aller Vertrautheit immer wieder aufblitzt. Natürlich trifft zu, dass Kingdom of the Crystal Skull familiär, vielleicht sogar zu familiär klingt. Dies gilt nicht zuletzt auch für die Action- und Suspensestücke, die die zweite Hälfte der Komposition maßgeblich bestimmen (während die eingängigen Konzertversionen der zentralen Themen wie bei Williams üblich zu Beginn der CD stehen). Gerade in diesen düsteren Anteilen wirken die Vertonungslösungen doch eher standardisiert, werden vor allem vom Können des Routiniers getragen. Da gibt es viele Parallelen zu den Actionstücken der Star Wars-Prequels, aber auch War of the Worlds und Minority Report klingen an. Wären da nicht die Zitate des Hauptthemas und des „Crystal Kull“-Motives, zerfiele die Musik wohl komplett in zwei divergente Hälften. Erst spät in der feinen Suite der „End Credits“ knüpft Williams wieder an den leichteren, eingängigen Grundton der Anfangsstücke an, die er dann noch einmal charmant Revue passieren lässt.

Ist das Glas nun halb voll oder halb leer? Diese Frage stellt sich unweigerlich beim Hören der neuen Williams-Musik. Auf der Habenseite stehen gelungene neue Themen, eine gewohnt filigrane Orchestrierung und manches orchestrale Schaustück wie die markante „Jungle Chase“. Dem gegenüber findet sich aber auch viel Altbekanntes und über lange 77 Minuten Spielzeit so manches weniger begeisternde Stück Filmmusik. Indiana Jones and the Kingdom of Crystal Skull ist in sofern ein typischer Abenteuer-Williams geworden – weder durchschnittlich oder gar schlecht noch das ganz besondere Karriere-Highlight. Dies kann man nun kritisieren oder sich über eine unterhaltsame und übrigens aufnahmetechnisch vorzüglich klingende Bereicherung der Williams-Diskographie freuen. Wie auch immer das Urteil beim Hörer ausfällt: Über dem Gros der gegenwärtigen Hollywood-Konkurrenz steht die neue Indiana Jones-Musik qualitativ allemal. (mr)

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