„Treppe abwärts“ – Die Saat

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Ein guter Mensch im Kampf gegen ein unmoralisches System, das ist das Thema von Mia Maariel Meyers zweitem Spielfilm Die Saat. Im Zentrum der Handlung steht Rainer Matschek (Hanno Koffler), der mit schwangerer Frau und Tochter aufs Land zieht, um sich endlich den Traum vom Eigenheim zu erfüllen. Die Finanzierung steht aber auf wackligen Beinen, ist zwingend darauf angewiesen, dass Rainer Karriere als Bauleiter macht. Als ihm auf der Baustelle einer Musterwohnung kurz vor Ende der Probezeit das Vertrauen entzogen und stattdessen der skrupellose Kleemann auf seinen Posten gesetzt wird, gerät die Lebensplanung der Matscheks ins Wanken. Eine nicht-bezahlte Rechnung reiht sich an die nächste und auch auf Arbeit wächst der Druck ins Unermessliche. Die 12jährige Tochter Doreen kämpft derweil mit ganz anderen Problemen: Der Umzug aufs Land hat sie durch den Verlust ihrer vertrauten Umgebung hart getroffen. Als sie die Nachbarstochter Mara aus wohlhabenden Hause kennenlernt, scheint auch sie angekommen. Doch die neue Freundschaft zwischen den Mädchen währt nicht lange. Mara entpuppt sich als unberechenbar. Als Beide beinahe beim Ladendiebstahl in einer Tankstelle erwischt werden, droht die eiskalt berechnende Mara Doreen Gewalt an, sollte sie sie verraten.

Treppe aufwärts hieß der erste Film von Mia Maariel Meyers. Bei Die Saat könnte man dagegen von der „Treppe abwärts“ sprechen. Denn mit jeder Filmminute eskaliert die Lage der Familie ein Stück weiter in die falsche Richtung. Rainer versucht zwar, seine Konflikte mit Diplomatie zu lösen. Doch scheitert er damit kläglich in einer modernen Leistungsgesellschaft, die keine Rücksicht auf den Einzelnen nimmt und die vor allem über Druck funktioniert – Zeitdruck, finanzieller Druck und der Druck, jederzeit ersetzbar zu sein, sollte man nicht “performen“. In Die Saat kommt das alles zusammen und bedroht nicht nur die Existenz der Eltern, sondern belastet auch die nächste Generation. Es ist nämlich Doreen, die still leidend mitansehen muss wie sich ihre Eltern zermürben. Natürlich ist es etwas konstruiert, wie sich die Situation an mehreren Fronten gleichzeitig zuspitzt. Doch Mia Maariel Meyers arbeitet sehr bewusst mit Stereotypen. Das betrifft vor allem die Figuren: Sei es der neue Bauleiter, der keine Gnade kennt oder die Nachbarstochter Mara, die zu keiner Empathie fähig ist, nicht zuletzt weil ihr aalglatter Vater jede Schuld seiner Tochter kategorisch verneint. Sie alle stehen für eine hässliche rücksichtslose Seite des Kapitalismus.

Diese Stereotype kann man kritisieren. Sie eröffnen aber gleichzeitig Raum für grundsätzliche Fragestellungen: Ist der Traum vom Eigenheim nicht in Wahrheit nur eine Illusion, wenn man bedenkt, unter welchen Bedingungen dieser Traum realisiert wurde und wenn klar sein muss, dass diejenigen, die auf der Baustelle für andere buckeln, niemals die gleichen Chancen in der Gesellschaft bekommen werden? Und wie ist die Gewalteskalation am Ende zu werten? Ist sie nicht eine logische Konsequenz, wenn Menschen an ihre Grenzen gebracht und derart zum Äußersten getrieben werden? Die Saat – und das ist die große Stärke des Films – lädt inhaltlich zu einer komplexen Debatte um den Zustand unserer Gesellschaft ein. Dagegen muss die formale Ebene fast zwangsläufig ein wenig abfallen. Tatsächlich wirkt die Inszenierung etwas konventionell, stellt sich ganz in den Dienst des Schauspielkinos. Und da glänzt der Film mit einem furiosen Ensemble: Hanno Koffler spielt den Familienvater, der nach und nach die Kontrolle über das eigene Leben verliert, mit eindringlicher Präsenz. Zum Szenendieb wird Andreas Döhler als übellauniger Bauleiter Kleemann, der mit gnadenloser Härte den Bauarbeitern das Leben zur Hölle macht, aber selbst privat mit einer schmerzhaften Trennung hadert. Und dann ist da noch Dora Zygouri in der Rolle des verletzlichen Teenagers, die hier ein eindrucksvolles Filmdebüt hinlegt. Sie alle machen die Die Saat zu einer schmerzhaft intensiven Erfahrung von großer Aktualität.

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