Greenland – David Buckley: “Endzeit ohne Paukenschlag”

Als Greenland im Oktober 2020 erschien, hätte das Timing kaum schlechter sein können. Im Bann des Corona-Virus stand gerade die Welt still. Regierungen beschlossen Lockdowns und legten damit das kulturelle Leben lahm. Dies hatte zur Folge, dass der Film von Ric Roman Waugh (Angel Has Fallen) nur kurze Zeit in den Kinos lief. Ein großer Erfolg wäre dem Katastrophenfilm wohl ohnehin nicht beschieden gewesen. Denn wer wollte angesichts einer globalen Pandemie mit ungewissem Ausgang schon einen Plot sehen, in dem die Menschheit durch einen Kometen ausgelöscht wird? Dies gilt umso mehr, als Waugh sich bemüht, das Untergangsszenario möglichst realistisch darzustellen und auf ein Effektspektakel im Stile von Armageddon oder Deep Impact verzichtet. Stattdessen steht eine kleine Familie im Mittelpunkt, die von der Katastrophe kalt erwischt wird: der Bauingenieur John (Action-Haudegen Gerard Butler), seine Frau Allison (Morena Baccarin) und ihr kleiner Sohn Nathan. Bei einem Last-Minute-Einkauf für eine Grillparty erhält John die Nachricht, seine Familie sei für die Rettung auserwählt und möge sich im nächstgelegenen Militärstützpunkt einfinden. Von da an ist klar: Der Komet, von dem alle glaubten, er würde die Erde knapp verfehlen, wird abstürzen und für verheerende Verwüstungen sorgen.

Waugh erzählt ganz aus der Perspektive von Johns Familie. Und das hat zur Folge, dass es im Film früh zur dramatischen Situation kommt, dass nur die Garritys, aber keiner der Party-Gäste gerettet werden kann. Der Abschied unter den Freunden verläuft dramatisch: Eine Mutter fleht John an, doch wenigstens ihr Kind zu retten. Doch die Spielregeln der Behörden kennen keine Ausnahmen. Und so beginnt für die dreiköpfige Familie ein verzweifelter Roadtrip gen Norden, um einen der letzten Militärflieger zu erwischen, der Rettung in einem unterirdischen Bunker verspricht. Doch so leicht ist das nicht. Überall herrscht Panik; jeder will fliehen, und manche Menschen greifen zu Akten der Verzweiflung, um für sich und die Liebsten einen Vorteil zu erhaschen. So geht ein Militärflugplatz in Flammen auf, nachdem das Arsenal von einem aufgebrachten Mob gestürmt wurde, und die Garritys werden unterwegs gewaltsam voneinander getrennt.

Auch wenn Greenland dabei größtenteils den Konventionen des Unterhaltungskinos folgt und nicht jede Szene besonders glaubwürdig erscheint, entwirft der Film dennoch ein beängstigend reales Endzeitszenario, das theoretisch so oder so ähnlich eintreten könnte. Viel kritisiert wurden zwar die nicht immer rationalen Entscheidungen oder dummen Fehler der Figuren – wie die lebenswichtigen, im Auto vergessenen Medikamente des Sohnes oder dass dieser sich nicht selbst befreit. Das mag tatsächlich unwahrscheinlich sein. Andererseits dürften sich nur die wenigsten Menschen in Panik und unter Schock wirklich rational verhalten. Doch das größere Problem ist eigentlich, dass es in den letzten Jahren zahlreiche Filme und Serien gab, die mit ihren dystopischen Settings vergleichbare Bilder produzierten: von The Walking Dead, Leave the World Behind und Civil War bis hin zu The End We Start From, um nur einige Beispiele zu nennen. Als reines Spannungskino funktioniert Greenland zwar grundsolide und ist unterhaltsam. Doch für ein echtes Highlight mangelt es an einem besonderen Alleinstellungsmerkmal, um aus der Masse ähnlicher Produktionen herauszuragen. Visuell bietet der Katastrophenfilm nichts, was man nicht schon x-fach anderswo gesehen hätte. Und die Handlung verläuft viel zu überraschungsfrei auf das obligatorische Happy End zu. Ärgerlich ist auch manches Klischee wie die Eheprobleme (er ist fremdgegangen), die sich allein durch den Kometeneinschlag plump in Luft auflösen.

Die Filmmusik von David Buckley schafft es ebenso wenig, große Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Der britische Komponist beweist mit seiner Komposition vor allem, wie sehr er inzwischen die Klangsprache Hans Zimmers verinnerlicht hat. Denn über weite Strecken nimmt er sich vor allem dessen Musiken zu Inception und Interstellar als Inspirationsquelle. Wie diese Vorbilder nutzt er als Grundidee Streicher, Chor und sphärische Klangtexturen, um die Menschlichkeit in allem Chaos zu betonen und gleichzeitig die transzendentale Erfahrung des Übergangs in eine andere Welt zu versinnbildlichen. Leitgedanke seiner Komposition ist ein aus drei Noten bestehendes Hauptthema, das von der E-Gitarre in Imperfect Lives vorgestellt wird und für den Zusammenhalt der Familie steht. Auch wenn es sich um ein sehr einfaches Motiv handelt, ist es dennoch prägnant genug, um diesen Grundgedanken überzeugend zu transportieren. Eher generisch geraten dagegen die Actionpassagen, in denen der Komet für Zerstörungen schrecklichen Ausmaßes sorgt. Da gibt es in Stücken wie First Shockwave oder Things fall apart Schlagwerk, kreischende Soundeffekte und elektronische Loops zu hören. Zwar sollen, wie Buckley in einem Interview verriet, kaskadierende Akkorde den näher kommenden Kometen illustrieren. Doch richtig deutlich wird diese Idee eigentlich nicht.

Zu einer Stilkopie von Zimmers Interstellar werden die zweite Hälfte von FEMA Camp (im Film die Szene, in der Allison Nathan in einem Erste-Hilfe-Zelt wiederfindet) und das Stück Innocence Lost. Buckley gelingt es mit ihnen, die Handlung in einen größeren Kontext einzubetten und mit dem schicksalhaft raunenden Knabenchor vom Schicksal der gesamten Menschheit zu erzählen. Da vermittelt die Musik geschickt ein Gefühl für das gesamte Ausmaß der Katastrophe. Das gilt auch für das Finale in Grönland, in dem abermals das große Vorbild präsent wird. Seine Wirkung verfehlt das nicht. Was bei Zimmer funktioniert, funktioniert letztlich auch hier. Streicher über elektronischen Loops, dazu das elegische Chorraunen. Vor allem die letzten drei Stücke (Greenland A good DeathBrave New World) sind besonders klangschön geraten und verfehlen im Zusammenspiel mit den Bildern nicht ihre Wirkung. Da weiß Buckley genau, welche Knöpfe er musikalisch drücken muss, um die gewünschte Emotionalität zu erzeugen. Doch weil sich sein Beitrag fast ausschließlich an aktuellen Hollywood-Standards orientiert, wirkt er gleichzeitig viel zu anonym und oberflächlich, um wirklich zu begeistern. Wie dem Film fehlt auch auf der Tonspur das Besondere, um den Zuschauer aus der Komfortzone herauszureißen. Das vorhersehbare Happy End, die glattpolierten Bilder und die glattpolierte Musik: Sie alle vermitteln mehr den Eindruck einer gelackten Hollywood-Illusion als einer beängstigenden Dystopie.

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