
Mit ihrem aggressiven Verhalten eckt die rebellische Jugendliche Vilma (mit unbändiger Wut gespielt von Ona Huczkowski) ständig in ihrer Pflegefamilie an. Als sie wieder einmal mit Messer und Drogen von der Polizei aufgegriffen wird, weist man sie kurzerhand in ein abseits gelegenes Pflegeheim für schwer erziehbare Jugendliche ein. Damit betritt sie einen seltsamen, nach besonderen Regeln funktionierenden Mikrokosmos. Die anderen Jungen malträtieren jeden Neuankömmling mit fiesen Attacken. Dem könne man sich nur durch sexuelle Gefälligkeiten erwehren oder wenn man sehr tough ist, erklärt ihr ein anderes Mädchen kurz nach der Ankunft. Vilma gehört definitiv zur toughen Sorte. Doch damit gerät sie bei der strengen Heimleiterin Annili (Kati Outinen) schnell an Grenzen. Denn die regiert in dem herrschaftlichen Anwesen im sterilen 70er-Jahre-Charme mit Methoden, die man getrost der schwarzen Pädagogik zuschreiben kann: Beim Essen darf niemand sprechen. Alle Insassen schlucken Beruhigungspillen. Und wenn einer der Jugendlichen gegen die Regeln verstößt, gilt Sippenhaft. Und einen Wutausbruch bestraft die Heimführung rigide mit Isolation von der Gemeinschaft. Vilma kann und will sich mit diesen Zuständen nicht arrangieren und lehnt sich gegen die verkrusteten Strukturen auf. Bereits bei ihrer Ankunft verweigert sie die demütigende Leibesvisitation. Das lässt man ihr einmalig durchgehen, ausnahmsweise. Doch dieser Zustand hält – man ahnt es da schon – nicht lange an.
Visa Koiso-Kanttila fügt mit Defiant – Uhma der langen Liste von Filmen, die von rebellischen Jugendlichen in Erziehungsheimen handeln, einen weiteren Eintrag hinzu. Angesichts der Tatsache, dass alle Ereignisse auf realen Erfahrungsberichten von Jugendlichen basieren, erscheint das weiterhin wohl auch bitter notwendig. Man mag kaum glauben, dass das, was in Defiant geschildert wird, heutzutage noch möglich und in manchen Einrichtungen in Finnland oder anderswo alltägliche Realität sein soll. Und wenn man sich fragt, ob es keine unabhängigen Kontrollen gibt, zeigt der Film, wie Heime der Aufsicht entgehen: Just an dem Tag, an dem die Überprüfung stattfinden soll, wird schnell ein Ausflug mit allen Jugendlichen organisiert, sodass diese keine Gelegenheit erhalten, sich über die menschenunwürdigen Schikanen zu beschweren. Ob das tatsächlich alles so heute noch in Erziehungsheimen stattfindet, lässt sich natürlich nicht unabhängig überprüfen. Genauso wenig wie stark Kosio-Kanttila die Erfahrungsberichte verdichtet und zugespitzt hat. Zudem mag man sich fragen, ob es valide ist, die Figur der Vilma als unverstandene Teenagerin zu zeichnen, die diese Form der Therapie gar nicht nötig hat und allein mit etwas Fürsprache und Verständnis schon wieder in die Spur zurückfände.

So arbeitet Defiant vordergründig die üblichen Stereotype des „Gefängniskinos“ ab und erzählt von Rebellion, geheimen Freuden, Denunziation und Einzelhaft hin zum dramatischen Ausbruch in der Nacht. Immerhin ist das großartig gespielt und intensiv inszeniert, vorangetrieben von einem pulsierenden Elektro-Score nahe am Puls der Zeit. Leider gerät ausgerechnet das Ende aber vollkommen unglaubwürdig. Auf ihrer Flucht über einen zugefrorenen See bricht Vilma durch das Eis ins Wasser – bei den Temperaturen in Finnland im Winter kaum zu überleben. Dass sie unverletzt in einem Krankenhaus aufwacht, gleicht einem Wunder und muss man wohl eher symbolhaft interpretieren – was aber auf irritierende Weise mit dem vorher etablierten Realismus bricht. Sein Herz hat das finnische Filmdrama aber dennoch am richtigen Fleck. Jugendliche werden – und das gilt wohl weltweit – innerhalb von staatlichen Institutionen, ob Heim oder Schule, immer noch viel zu oft nicht richtig ernst genommen und von oben herab behandelt. Dass Defiant daran noch einmal mit Nachdruck erinnert, ist aller Ehren wert.






